Der alte Goethe und seine junge Liebe

Autor: S. Benedict-Rux
14. April 2008

Der historische Hintergrund von Martin Walsers jüngstem Roman ist schnell erzählt: 1823 verliebt sich Johann Wolfgang von Goethe im Alter von 73 Jahren in die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Er hält um ihre Hand an, wird aber abgewiesen. Seinen Schmerz verarbeitet der Dichter in seiner berühmten Marienbader Elegie.

Bei einem Aufenthalt in Marienbad verliebt sich der alte Goethe in die junge Ulrike von Levetzow. Man kennt sich von früheren Gelegenheiten, doch das Mädchen von einst ist in der Zwischenzeit zur jungen Frau gereift. Goethe entflammt lichterloh und glaubt in ihrem Reden und Handeln eine positive Reaktion auf seine Gefühle zu erkennen.

„Wahrscheinlich wäre sie entsetzt, wäre auch ihre Mutter entsetzt, wenn beide wüssten, in welche Illusion er sich hineingelebt hatte. Wie er aus dieser Illusion herausfinden sollte, wusste er nicht.“

Im ersten Teil des Romans erzählt Martin Walser glaubhaft einen liebeskranken Goethe, der seine Verliebtheit mit Witz und Charme zu überspielen versucht, noch unentschlossen ob er diese Gefühlswelle zulassen soll, ob er sie überhaupt zugeben kann oder sich damit der Lächerlichkeit preisgibt. Schließlich bekennt er sich offen dazu, lässt durch den Großherzog Carl August der Mutter den Heiratsantrag übermitteln. Die Mutter reist mit ihren Töchtern nach Karlsbad ab. Goethe reist ihnen wenige Tage später nach…

„Ganze Schulen suchen ihr Heil in meinen Geständnissen, die besagen, dass man schreibend mit allem fertig wird, was einen, schriebe man nicht, umbringen könnte.“

Und so versucht er mit seiner Altersliebe, die ihn schüttelt als sei er ein noch junger Mann, schreibend fertig zu werden. Schreibend ist ihm Ulrike gegenwärtig, schreibend beobachtet er sich und was diese Liebe mit ihm macht. Dort wo Martin Walser einen Erzähler die Gespräche des Dichterfürsten mit Ulrike und ihrer Familie erzählen lässt, ist dieser Roman leicht, locker und spritzig – der fiktionale Goethe würde hier von `Rokoko´ reden. Die Verliebtheit des alten Mannes wird ergreifend beschrieben und als Leser kann man leicht mit dem sehr menschlich wirkenden Goethe mitfiebern. Im Verlauf des Buches wandelt sich die Atmosphäre. Zwar weiß die Liebe Goethes nichts von seinem zu hohen Alter, dafür aber die Gesellschaft und die eifersüchtige Schwiegertochter – es ist eine unmögliche, nicht realisierbare Liebe.

Mit der räumlichen Trennung von Ulrike und Goethe verengt sich die Perspektive über weite Strecken auf die Sicht des leidenden und reflektierenden Mannes, der in Briefen seine Gefühle und Beobachtungen darlegt. Hier fügt der Autor manchmal längere essayhafte Passagen ein, die den Lesefluss etwas hemmen können. Wortwahl und Charaktere wirken mitunter sehr modern für die damalige Zeit, fügen sich aber in den Text ein. Martin Walser ist mit „Ein liebender Mann“ ein schöner Roman über eine unerwiderte Liebe gelungen, ein lebendig wirkendes Goethe-Bild, welches den Leser manchmal vergessen lässt, dass es in Wirklichkeit wahrscheinlich ganz anders war.

Martin Walser: Ein liebender Mann. Roman. Rowohlt Verlag 2008

 

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Ah, das werde ich im Mai auch lesen, freue mich schon sehr darauf 😀

Ron

„War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir aufs lieblichste geleistet…“

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich hierbei um ein paar Zeilen aus einer Elegie von Goethe

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