Ausgezeichnet: „Simpel“ von Marie-Aude Murail

Autor: S. Benedict-Rux
21. Februar 2009


Der 17-jährige Colbert hat einen geistig behinderten Bruder, der nach dem Tod der Mutter in einer Anstalt war. Barnabé, genannt Simpel ist 22 Jahre alt und auf dem Stand eines Dreijährigen. Sein engster Vertrauter und seine Spiegelfläche ist Monsieur Hasehase, sein Kuscheltier. Als Colbert nach Paris geht um dort die Schule zu beenden, nimmt er Simpel zu sich und zieht  mit ihm in eine Studenten-WG. Die übrigen Mitbewohner begegnen Simpel zunächst mir Vorurteilen und Vorbehalten, die Simpel auch zu bestätigen scheint, weil er allerhand Unfug anstellt. Mit seiner kindlichen Offenheit gewinnt er aber nach und nach das Herz der meisten Mitbewohner…

Das hört sich doch jetzt nach einem mäßig unterhaltsamen aber pädagogisch wertvollen Jugendbuch an, oder? Wer ein Problembuch erwartet, das moralisierend für Toleranz und Verständnis mit Behinderten wirbt, irrt sich. Es hat schon seinen Grund, warum dieses Jugenbuch im vergangenen Jahr den Deutschen Literaturpreis in der Kategorie „Preis der Jugendjury“ gewonnen hat.

Natürlich wirbt es um Verständnis für Menschen mit Behinderugen und deren Angehörige, aber nicht auf eine platte Art, sondern über authentisch wirkende Figuren, die zeigen dass dies bei aller Anstrengung für alle Beteiligten ein Gewinn ist. Und nicht über den moralischen Zeigefinger. Colbert, der kleine Bruder, ist ehrlich bemüht, das der verstorbenen Mutter gegebene Versprechen sich gut um Simpel zu kümmern zu erfüllen. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach, denn Colbert möchte ja auch sein eigenes Leben leben und hat ein Auge auf Mädchen geworfen. Und so ist der Jugendliche manchmal überfordert, was den Vater und das Jugendamt auf den Plan ruft. Sie wollen Simpel zurück in die Anstalt bringen, in der er so unglücklich war. Verhindern lässt sich das nur, wenn die Mitbewohner Simpel nicht nur akzeptieren sondern Colbert aktiv entlasten…

Simpel ist anstrengend, er äußert unbequeme Wahrheiten und er stellt das austarierte Zusammenleben der WG auf den Kopf. Aber indem sich die anderen Mitbewohner auf Simpel einlassen, belebt er ihr Leben und löst verkrustete und erstarrte Beziehungen. Am Ende ist ein neues Gleichgewicht gefunden, von dem nicht nur die verbliebenen WG-Bewohner auf die eine oder andere Weise ebenfalls profitieren.

Marie-Aude Murail erzählt dies alles sehr einfühlsam. Mal aus der Sicht von Simpel, mal aus der des zweifelnden Colbert, aber auch aus der Perspektive des unglücklich verliebten Romanschreibers Enzo, ja manchmal sogar mit den Augen von Monsieur Hasehase. Und sie erzählt es so, dass es neben den zwangsläufig traurigen Aspekten sehr viel heitere und lichte Momente in diesem Jugendroman gibt, die einem das Gefühl geben auch in diese WG eingezogen zu sein und ein stückweit an dieser Verwandlung teilzuhaben. Ein tolles Buch!

Marie-Aude Murail: Simpel. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel, (Fischer Schatzinsel), ab 13

 

 

flattr
Flattr this!

1
Hinterlasse einen Kommentar

Al

Hallo.
Das Buch ist grosse Klasse, aber ich würde es nicht für Personen unter 8 Jahren empfelhen. LG

Unsere twitter-Timeline (Literatur Blog) RSS Feed vom Literatur Blog