Kleine Prosa – große Wirkung

Autor: Gastrezension
19. März 2012

Stille Post aus der Schweiz

Buch bei amazon ansehen / bestellenVon Martin Uckley

Wer sich aufmacht, um in die Vielzahl der Welten, die Urs Widmer in Stille Post skizziert, einzutauchen, erlebt ein einprägsames Potpourri der Empfindungen. Eine Reise, die inspiriert, verschreckt, gelegentlich langweilt, oft befremdet, aber immer zum Nachdenken auffordert.
Der Leser steigt in den Orientexpress nach Istanbul, der so überfüllt und planlos ist, dass man am liebsten gleich wieder aussteigen möchte. Ein Wirrwar von Eindrücken, lose bis kunstvoll miteinander verknüpft, rattert wie ein Zug durchs Gehirn, um dann plötzlich und mehr als unerwartet doch noch am Zielbahnhof anzukommen.
Doch hier geht der Trip erst richtig los. Urs Widmer nimmt uns mit in einen farbenfrohen und liebevollen Schöpfungsmythos, zeigt anschließend, wie die Menschen im Spannungsfeld aus Macht und Ohnmacht aufgerieben werden und plaudert nebenbei immer wieder aus dem mehr oder minder fiktiven Nähkästchen. Auf und ab geht es. Durch menschliche Abgründe, Träume und Sehnsüchte, Raum und Zeit, Alter und Jugend, Heimat und Fremde, Tod und Albträume. Nicht immer ist schön, was wir sehen, doch Reisen soll nicht nur erfreuen, sondern auch bilden.
Anders als erwartet, steht der titelgebende Sprachkurs dieser Sammlung kleiner Prosastücke erst am Ende des Ausflugs. Der Autor schickt einen Text über die Liebe um die Welt. Fähige Übersetzer reichen ihn von Deutschland nach Spanien, dann nach China, England, Russland und Frankreich, um ihn anschließend wieder ins Deutsche zurück zu übersetzen. Jeder Schritt wird von Sprachkundigen kommentiert. Ein Experiment, das achtsam macht für die Gemeinsamkeiten und Eigenheiten der verschiedenen Sprachen und über dessen Ergebnis der Initiator sagt: „Das ist nicht, was ich einst geschrieben hatte. Ganz und gar nicht. Aber je öfter ich es durchlese: Es ist vielleicht das, was ich schreiben wollte!“
Stille Post sammelt Texte, die abgesehen von Grappa und Risotto, bereits zwischen 1969 und 2010 veröffentlicht wurden. Widmer schreibt abstrakt, dicht, emotional und eindrucksvoll. Er deutet an, wirft Schlaglichter auf die Höhen und Tiefen des menschlichen Seins. Ihn scheint, trotz aller durchschimmernder Philanthrophie, eher das Morbide, Vergängliche und Destruktive zu bewegen.
Die Mitreise mit der stillen Postkutsche schafft ein bewegendes Erlebnis. Es lohnt sich, sie in kleinen Etappen zu zelebrieren, innezuhalten und sich erneut zu orientieren. Sonst kann es geschehen, dass man sich im Sprachgestrüpp des Autors verheddert, der seinem jüngeren Selbst anvertraut: „Ich spielte mit dem Gedanken, mit Günter Grass zu fusionieren oder Martin Walser unfriendly zu übernehmen.“

Urs Widmer: Stille Post. Kleine Prosa, Diogenes Verlag 2011

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