Ein Buch wider die „Kopfgrenzen“

Autor: S. Benedict-Rux
21. September 2012

Buch bei amazon ansehen / bestellenSeinen Roman Grenzvagabund hat der mehrfach mit dem deutsch-französischen Journalistenpreis ausgezeichnete Martin Graff , wie er sagt, „Stereo“ geschrieben – zunächst auf Deutsch und dann nochmal auf Französisch. Das Buch erschien 2010 unter dem Titel Le Vagabond des frontières bei der Édition Place Stanislas in Nancy und wurde mit dem Premier Prix de Littérature vom Salon du Livre de Marlenheim ausgezeichnet. Die deutsche Fassung ist im selben Jahr im Verlag André Thiele veröffentlicht worden.
In einem Akt der Verzweiflung, ausgelöst durch die Lektüre von Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“, verbrennt der 65-jährige Erzähler einen alten Koffer mit Fotos und Dokumenten von seinem im Krieg gefallenen Vater: sein Vater in französischer Uniform, sein Vater als zwangsrekrutierter Elsässer in der Uniform der deutschen Wehrmacht, Briefe mit deutschen und mit  französischen Briefmarken… Seinen Anfall von Zerstörungswut überlebt ein loser Zettel, der von Feuer und Luft hochgetragen, sich in einem Tannenzweig verfängt: eine Notiz über Todeszeitpunkt und – ort des Vaters.

Vatersuche als Identitätssuche

Aufgewühlt reist der Sohn dorthin, wo sein Vater in Wehrmachtsuniform gefallen sein soll –  nach Bielsko-Biala in Polen. Wer war sein Vater?  Was dachte er? War er ein Nazi? Hat er womöglich dabei geholfen, die Befreiung von Auschwitz hinauszuzögern? Der Vater, den er nie kennenlernen durfte ist dabei nur eine Seite der Medaille: seine Suche ist gleichermaßen auch die Suche nach den eigenen Wurzeln, der eigenen Identität, nicht nur als Kind seiner Eltern, sondern auch in Bezug auf eine nationale Identität. Was an ihm ist elsässisch, deutsch, französisch? Auch die Gegend um Bielsko-Biala, so zieht der Erzähler die Parallele, gehörte immer wieder zu verschiedenen Ländern – und mit ihm die Menschen, die (auch darin den Elsässern vergleichbar) nie gefragt wurden, zu welchem Land sie sich zugehörig fühlen. Die Ähnlichkeiten in den geschichtlichen Wirrungen zwischen dem Elsaß und Schlesien öffnen denn auch die Thematik des Romans auf eine überpersönliche Ebene.

Grenzüberschreitungen

So wird die Suche des Einzelnen zur Aufforderung an alle, Grenzen in mehrfacher Hinsicht zu überschreiten: Ländergrenzen ebenso, wie begrenzte Perspektiven, die zu Barrieren zwischen Menschen führen. „Kopfgrenzen“ nennt Graff sie und führt dagegen das „mit der Mentalität verschiedener Völker denken“ des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels 2009, Claudio Magris, an. „Hänge deine Wurzeln an die Luft / Und klettre auf die Sterne/ Erst dann blickst du über die Grenzen,/ ins andere Land, ins andere Herz“ lauten einige Zeilen eines Gedichtes, das im Roman dem gleichnamigen Vater zugeschrieben wird. Es scheint das Motto des Autors zu sein, ein roter Faden vielleicht.

Biographie oder Roman?

Allzu groß ist die Versuchung, den Erzähler der einem Familiengeheimnis auf der Spur ist, mit dem Autor gleichzusetzen. Nicht nur, das beide denselben Namen tragen, die unbedingte schonungslose Ich-Perspektive des Haupterzählers trägt das Ihre dazu bei. Zwei weitere Sichtweisen ergänzen den Blick auf Vergangenheit und Gegenwart – es sind die Stimmen des Vaters, der in Form eines schriftlichen Berichtes das Geschehene zusammenzufassen suchte und die der Halbschwester Natascha, Psychoanalytikerin, die die Entdeckung ihres Halbgeschwisters und der gemeinsamen Wurzeln aus ihrer Sicht kommentiert. Was in diesem fulminanten und spannenden Buch biographisch ist und was Fiktion, bleibt letztlich offen, ist aber ohnehin zweitrangig –  die Geschichte trägt sich unabhängig davon mühelos selber.

Außergewöhnlich und unbedingt lesenswert!

Martin Graff: Grenzvagabund. Roman, Verlag André Thiele 2010

Zum Autor:
Martin Graff wurde 1944 in Munster im Elsass geboren. Er studierte Theologie, Philosophie und Romanistik an der Universität Straßburg. Er ist Autor, Journalist, Kabarettist und Filmemacher. Seine Sujets siedeln  im Themenbereich Frankreich, Deutschland und Europa. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach mit dem deutsch-französischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Martin Graffs  jüngstes Buch trägt den Titel Leben wie Gott im Elsass: Deutsche Fantasien und ist diesen Monat bei Klöpfer und Meyer erschienen.
Weitere Informationen gibt es auf der Website des Autors.

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Martine Lestrat

Obwohl ich mich als Französin in Deutschland schon mit dem Thema Elsass auseinandergesetzt habe, war viel für mich neues. Auch die Parallelen mit Schlesien/Polen haben mich überrascht.
Unglaublich was die Menschen im Grenzgebiete erleben mussten…
„Grenzvagabund“ von Martin Graff ist als Roman rausgegeben worden, aber ist es wirklich ein Roman oder seine Geschichte? Klar ist es nicht und irritierend fand ich es.
Auch wenn ich seine Wut manchmal verstehen konnte, hatte ich Schwierigkeit mit der Sprache des Autors: Sie war mir oft zu aggressiv und er selbst unsympathisch.
Nichts desto trotz bin ich froh, das Buch gelesen zu haben.

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