Buchtipp: Beklemmende Bilder in Echtzeit

Autor: S. Benedict-Rux
30. September 2013

Buch bei amazon ansehen / bestellenDer Roman Afterdark von Haruki Murakami spielt in den dunklen Stunden einer einzigen Nacht und entwickelt sich um zwei sehr unterschiedliche Schwestern, Eri und Mari herum. Die jüngere der Beiden, Mari, streift scheinbar schlaflos durch die Nacht. In einem Fast-Food-Restaurant in Tokio, wo sie versucht die Zeit der Dunkelheit in einem Buch lesend durchzustehen, trifft sie Takahashi wieder, mit dem sie vor Jahren ein Doppeldate hatte, in dessen Zentrum eigentlich ihre von Jungen umschwärmte schöne Schwester Eri stand.

>>Für Schwestern seid ihr ziemlich verschieden<<

Die verwöhnte Eri, erfährt der Leser bald, ist  außergewöhnlich schön, arbeitet als Model und interessiert sich für die Welt von Gucci und Prada, aber offenbar auch nur für die Welt des schönen Scheins. Mari dagegen ist zwar weniger schön, scheint jedoch vielfältige Interessen zu haben und ihren Weg zu gehen.Während die eine dazu verdammt ist die vorgegebene Prinzessinnenrolle auszufüllen, die man ihr überstülpt und darüber den Kontakt zu sich selbst verliert, hat die Jüngere eigene Ziele, die sie zu verwirklichen sucht.
Ausgelöst durch die Begegnung mit Takahashi verlässt Mari das Sicherheit spendende Lokal und wird  in Geschehnisse um ein Stundenhotel und eine darin von ihrem Freier verprügelte gleichaltrigen Prostituierten verwickelt.

Das Besondere an diesem Roman ist die Erzählweise, die genutzt wird um das eigentliche, psychologische Problem in der Beziehung der beiden jungen Frauen darzustellen. Einerseits wirkt die Erzählerstimme wie ein Kameraauge, das in Echtzeit das Geschehen vermittelt, andererseits übermittelt diese Kamera aber auch seltsame Bilder, Bilder die sehr rätselhaft, ja unrealistisch erscheinen und im Wechsel mit den Schilderungen der nächtlichen Erlebnisse von Mari eine unheimliche Spannung erzeugen. Sie zeigen, das wird im Laufe des Romans deutlich, eine Wahrheit, die hinter der normalen Realität liegt. Die surreale Stimmung und untergründige Spannung die auf diese Weise erzeugt werden, machen den besonderen Reiz dieses Romans aus. In ihnen kommen die ohnmächtige Verzweiflung der  im Dornröschen-Schlaf gefangenen Eri genauso zum Ausdruck wie das Getrennt-Sein und die Einsamkeit von Mari, die das Gefühl der Verbundenheit zu ihrer ach so fremd gewordenen Eri schmerzlich vermisst.
In Zweiergesprächen die mehr und mehr die Oberfläche verlassen und in die Tiefe gehen, entrollen sich die Schwierigkeiten der Einzelnen und die Personen werden in Ihrer Verletzbarkeit für Minuten sichtbar. Dann verliert sich für einen Augenblick die Distanz, die oftmals in der sachlichen, knappen Schilderung des beobachtenden Auges in diesem Roman spürbar ist.
Die immer wieder eingestreuten Bezüge zu Musik und Film, wirken oftmals auf den ersten Blick als Dekoration, aber wenn beispielsweise im Buch in Bezug auf den Namen des Stundenhotels – Alphaville – ein Zusammenhang zum Science Fiction-Film des Regisseurs Jean-Luc Godard gezogen wird, erweist sich dies als trügerisch.

Unsichtbare Fäden und das Fremde im Eignen

>>So etwas wie eine Mauer, die verschiedene Welten trennt, existiert in Wirklichkeit gar nicht. Und wenn doch, dann ist sie wahrscheinlich aus dünnem Papiermaché. Wenn man sich plötzlich dagegen lehnt, bricht man möglicherweise durch und landet auf der anderen Seite.Vielleicht merken wir bloß nicht, dass sich die andere Seite schon in unsere Inneres hineingestohlen hat…<< Diese Erkenntnis hat der pazifistische Jurastudent Takahashi bei Prozessbeobachtungen gewonnen.
Einen derartigen Durchbruch spürt auf eine Weise der Büroangestellte, der im Affekt die Prostituierte verprügelt hat, wie auf ihre Weise Eri. Überhaupt sind die Berührungspunkte und Verbindungen in einer Weise gegeben, wie es den verschiedenen Figuren wohl kaum bewusst sein dürfte. Wie an unsichtbaren Fäden sind sie miteinander verbunden, tanzen aufeinander zu, berühren einander für einen Sekundenbruchteil, meist ohne es zu ahnen. Aber das Kameraauge zeigt es dem beobachtenden Leser.

Und während die Nacht verstreicht und die Zuhälter dem Freier auf der Spur sind, während Mari neue Menschen kennen lernt und sich Takahashi und den Frauen vom Hotel etwas öffnet, während Parallelen sichtbar werden und Berührungspunkte, verändert sich etwas. Mit dem Morgen ergibt sich der Ausblick auf die Möglichkeit eines Wandels.

Haruki Murakami: Afterdark. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, Dumont Literatur und Kunst Verlag 2005

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