Eine Zeitreise durch Fiktion und Wirklichkeit

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Autor: Gastrezension
4. März 2011

Félix J. Palmas Roman „Die Landkarte der Zeit“ spielt mit den Erwartungen der Leser


von Ruth Antonczyk

„In welche Zeit würden Sie reisen, um die Liebe ihres Lebens zu finden?“ Diese Frage stellt der Schutzumschlag des Romans „Die Landkarte der Zeit“. Sie soll wohl den Inhalt zusammenfassen und den potentiellen Leser dazu ermutigen, das Buch zu kaufen. Lust erweckt diese Frage zwar schon, aber als inhaltliche Zusammenfassung ist sie ungeeignet – oder besser gesagt: man kann den Roman nicht mit einer einzigen Frage umreißen. Das Werk Palmas ist viel zu komplex und vielschichtig, um ihm mit ein paar allgemeinen Worten gerecht zu werden.

Der Autor hat seinen Roman in drei Episoden aufgeteilt, die jeweils einen Abriss aus dem Leben einer Person beschreiben, führt sie über gut durchdachte Handlungsstränge aber immer wieder zusammen. Wir begeben uns mit dem Erzähler auf eine Reise in die Vergangenheit, in  die Zukunft und in viele Parallelwelten.

Wie fänden Sie es, jeden Moment der Zeitreisen, seien sie nun wirklich sind oder nicht, mitzuerleben? Jedes noch so unwichtige Detail in seiner Großartigkeit zu erfahren und so selbst mitten im Geschehen zu stehen? Sie fänden es wundervoll, dessen bin ich mir sicher.

Durch seinen allwissenden Erzähler, der den Leser immer wieder direkt anspricht und immer wieder betont, dass er alles sieht, auch die Gedanken der Figuren, gibt Palma dem Leser nicht nur vollkommenen Einblick in ihr Denken und Handeln – er versetzt ihn selbst mitten ins Geschehen. Während der Lektüre bildet sich ein so starkes Band mit dem Erzähler, dass man geradezu darauf wartet, wieder persönlich angesprochen zu werden, um zunächst Unverständliches klären zu können. Der Erzähler lässt einen nie allein, ist immer da und hilft uns, die verworrenen Pfade der Landkarte der Zeit zu durchdringen. Sie werden sicher Wehmut empfinden – so ist es mir jedenfalls ergangen – wenn er sich gegen Ende des Romans von Ihnen verabschiedet.

Die Handlung spielt im viktorianischen England Ende des 19. Jahrhunderts – abgesehen von dem einen oder anderen Ausflug in die Vergangenheit oder die Zukunft. Nach dem Roman von H.G. Wells „Die Zeitmaschine“ herrscht in London allgemeiner Aufruhr. Die Idee, durch die Zeit reisen zu können, beflügelt die Menschen. Als Murray, ein stämmiger Unternehmer, Ausflüge ins Jahr 2000 anpreist, wollen viele ihre ganz persönlichen Schicksale durch Zeitreisen wieder gerade biegen. Sei es Andrew Harrington, ein wohlhabender junger Mann, der seine große Liebe, Marie, eine Hure aus Whitechapel, am 7. November 1888 davor bewahren will, von Jack the Ripper getötet zu werden. Oder Claire Haggerty, die sich in ihrer Epoche langweilt und deshalb ins vermeintliche Jahr 2000 reist, um im Krieg der Maschinen gegen die Menschen den Anführer ihrer Rasse als ihren Traummann zu finden. Oder Inspektor Garrett, der durch die Zeit reisen will, um eine Mordserie zu verhindern, die seiner Meinung nach nur mit den Waffen des Hauptmanns Shackleton, des sogenannten Retters der Welt im Jahre 2000, begangen werden konnte.

Palma schafft es, den Leser mit seiner feinfühligen Erzählweise immer wieder aufs Neue zu überraschen. Vor allem gegen Ende des Buches glaubt man, alles zu wissen und lächelt nur über die naiven Gemüter der Figuren, die sich in ihren Irrglauben verrennen. Doch Palma hält noch eine neue Wendung bereit, die die Handlung wieder neu aufleben lässt.

Er spielt mit der Zeit – nicht nur mit dem Jahren 1888, 1896, 1938, 1982 und 2000, sondern auch mit dem Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit. Er – oder vielmehr der Erzähler – lässt nie einen Zeitraum aus. Doch der Erzähler spielt auch mit seinem Wissen: Als es zum Beispiel zwischen Claire und ihrem Retter der Welt zum Geschlechtsakt kommt, zeigt er sich peinlich berührt und will nicht genauer darauf eingehen. Diese kurze Episode veranschaulicht die gespielte Diskretion und somit, wie sensibel, zurückhaltend und tiefgründig der Erzähler vermeintlich ist bzw. Palma ihn konstruiert hat.

Man kann diesen Roman nicht mit einem Satz beschreiben. Auch ist es nicht mit einer Seite oder dieser Rezension getan. Es ist genau mit den 714 Seiten getan, die Palma gebraucht hat. Nur so können wir  die unendliche Tiefe und Weite der Landkarte der Zeit wirklich begreifen.

Félix J. Palma: Die Landkarte der Zeit. Aus dem Spanischen von Willi Zerbrüggen, Kindler, Hamburg, 2010, 715 Seiten,

ISBN-Nr.: 3463405776, Preis: 24,95 €

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