Lässig oder lästig?

Autor: Gastrezension
23. Februar 2012

-Sarah Kuttners Wachtumssch(m)erz
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von Jennifer Reisch

Sarah Kuttner, früher Moderatorin bei Viva und MTV, mittlerweile Bestsellerautorin, ähnlich Charlotte Roche, aber ohne Ekelfaktor, erzählt die Geschichte eines Paares, das den nächsten Schritt (Zusammenziehen) machen will und sich davon erhofft, erwachsen zu werden. Soviel entnimmt man dem Buchrücken. Dass dies schmerzhaft wird, dem Titel.
Luise, Herrenschneiderin und Gelegenheitsmodel, ist seit dreieinhalb Jahren mit Flo, Manager einer Kletterhalle, zusammen, als die beiden beschließen, sich eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Beide sind schon Anfang dreißig, haben diesen Schritt aber noch in keiner Beziehung vorher gewagt und sind dementsprechend nervös. In Luise, der Erzählerin, geht jedoch viel mehr vor. Eine
innere Unruhe hat sich bei ihr eingeschlichen, im Neudeutschen auch Thirdlifecrisis genannt. Luise
mag ihren Job, liebt ihren Flo und doch stimmt was nicht. Sie ist eigentlich zufrieden, hat alles, was
sie will. Doch das passt anscheinend nicht ins gesellschaftliche Konzept, denn wie kann sie nicht
mehr wollen? Die Auswahl ist doch so groß: eine eigene Kollektion, als Model durchstarten, oder
gar Heirat und Kinder! Das Nichtmehrwollen belastet Luise immer mehr, und sie fragt sich: „Wann
war ich denn überhaupt das letzte Mal wirklich hungrig?“
Der Leser begleitet Luise zu Castings und zu Terminen in der Agentur, zum Klettern mit Flo und
ihrer Schwester Jana, einer Psychologie- Studentin, die auch Freundin und Beraterin ist. Wir lernen
ihren Vater kennen, der mehr Kritik als Anerkennung für Luise übrig hat und Steve Jobs mehr liebt
als seine Tochter. Lichtblicke sind Luises Treffen mit Rieke, ihrer schüchternen Nachbarin, die
Kunst studiert und „Lu“ als Ruhepol und emotionaler Beistand dient.
Luise und Flo finden eine Wohnung, ziehen ein, verbringen den Alltag zusammen. Man sieht den
beiden zu, wie sie streiten und Luise immer weiter auf dem passiven Flo rumhackt, den Finger
immer tiefer in seine Wunden drückt, und wartet auf den Eklat, den Kuttner schon im Prolog
angekündigt hat. Man liest in dem Glauben, dass Flo seine neurotische Freundin verlassen wird,
weil er ihre Attacken nicht mehr erträgt. Doch es ist Luise, die eine Pause vorschlägt, weil sie seine
Passivität, seine Unselbstständigkeit und die viele „Wir-Zeit“ nicht erträgt.
In den „Memos“, Einschüben, die sich durch das ganze Buch ziehen und die zwar Flo ansprechen,
aber letzendlich nicht für seine Augen bestimmt sind, berichtet Luise von der Zeit der Pause und
wie sie ohne Flo leidet, nicht atmen kann und es kaum schafft, den Alltag zu bewältigen.
Erst in ihrer Leidensphase kann Luise den Leser für sich gewinnen, da sie vorher nur verkopft,
neurotisch und gelähmt ist, und ihre Probleme überall, nur nicht bei sich selbst sucht. Auf ihre
Frage: „Wann ist nur alles so kompliziert geworden?“ gibt es eine einfache Antwort: Als sie
angefangen hat, darüber nachzudenken.
Sarah Kuttner erzählt in einfachen Worten eine normale Geschichte, die ohne große Action
auskommt und zeigt, wie schnell sich jemand selbst verrückt machen kann und wie viel dadurch
kaputt geht. Wie die Handlung ist auch die Sprache aus dem modernen Leben gegriffen, wobei
aktuelle Begriffe nicht ohne Ironie verwendet werden. Die häufig eingestreuten Lieder waren wohl
der Versuch, dem Buch einen eigenen Sound(-track) zu geben. Die Realitätsnähe und das dreckige
Happy End machen Kuttners zweiten Roman nicht zur Weltliteratur, aber auch nicht zum
Mängelexemplar.

Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz, Fischer Verlag 2011

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