Klassiker neu erzählt: Nathan und seine Kinder

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Autor: S. Benedict-Rux
15. Juni 2015
Mirjam Pressler auf der Leipziger Buchmesse 2015

Mirjam Pressler auf der Leipziger Buchmesse 2015

Zum 75. Geburtstag von Mirjam Pressler ist ihr Bestseller als Sonderausgabe erschienen

Am 18. Juni wird die beliebte Kinder- und Jugendbuchautorin sowie Übersetzerin Mirjam Pressler 75 Jahre alt. Dies nimmt der Verlag Beltz & Gelberg zum Anlass, ihren 2009 erstmals erschienen Roman Nathan und seine Kinder in einer Sonderausgabe erneut herauszubringen.
In diesem vielfach prämierten Roman greift Pressler G. E. Lessings 1779 erschienenes bekanntes „dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen“ Nathan der Weise auf und modernisiert es nicht nur durch eine zeitgemäße Sprache, sondern indem sie wesentliche Aspekte einfühlsam vertieft und weiterführt. Wie auch die Vorlage, so spielt der Roman zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem. Ein vom muslimischen Sultan Saladin überraschenderweise verschonter christlicher Tempelritter rettet die Tochter eines angesehenen jüdischen Kaufmanns aus dem Feuer, verachtet jedoch Juden und will ihren Dank nicht. Doch er ist nicht der Einzige, der intolerant gegenüber Andersgläubigen ist, im Gegenteil. Sultan Saladin ist in Geldnot und versucht den reichen Kaufmann in eine Falle zu locken, in dem er ihn, der in Jerusalem Nathan der Weise genannt wird, danach fragt, welche von den drei theistischen Religionen die Wahre sei. Nathan antwortet ihm darauf, in dem er die berühmte Ringparabel erzählt und gewinnt den Sultan für sich.

Buch bei amazon ansehen / bestellenSoweit einige der Gemeinsamkeiten. Sind die Figuren des Theaterstücks um religiöse Toleranz bei Lessing noch idealtypisch angelegt, so haucht Pressler ihnen ein Mehr an Leben ein, indem  selbst Nebenfiguren eine Vorgeschichte haben, aus denen sich ihr Handeln erklärt. Bei Mirjam Pressler entwickelt sich das Geschehen in kurzen Kapiteln, in denen jeweils eine Figur erzählt, was sich zugetragen hat. Jeder dieser einzelnen Ich-Erzähler hat eine eigene Perspektive auf die Geschehnisse, eine eigene Wahrheit und aus all diesen unterschiedlichen Teil-Wahrheiten setzt sich das Bild zusammen. In Nathan und seine Kinder geht es denn auch nicht nur um religiöse Toleranz, sondern um Menschlichkeit und Akzeptanz, um ein offenes Herz im Umgang miteinander. Dazu führt die Autorin ihrer Neuschöpfung auch weitere Figuren ein und verändert an wenigen Stellen sogar die Handlung – um umso deutlicher die Entwicklung der Personen zeigen zu können, von denen einige im Laufe der Zeit Nathans Kinder im Geiste werden.

Mit seinen authentischen wirkenden, zur Identifikation einladenden Figuren ist es ein nicht nur intellektuell, sondern auch emotional berührendes Buch, das leider heutzutage aktueller denn je ist.

Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder. Erstausgabe 2009, Beltz & Gelberg Sonderausgabe 2015
Gebunden. 259 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN 978-3-407-81186-8
10,00 EUR

Über Mirjam Pressler

Mirjam Pressler wurde am 18.06.1940 in Darmstadt geboren und wuchs die ersten 10 Jahre in Armut und problematischen Verhältnissen bei Pflegeeltern auf. Lesen sei die wichtigste Prägung ihrer Kindheit gewesen, beschreibt sie in dem Porträtband 60 Jahre und ein bisschen weiser von Ute Karen Seggelke, der 2008 bei Gerstenberg erschienen ist. Pressler hat ursprünglich in Frankfurt Kunst studiert und wollte Malerin werden. Mit dem Schreiben hat sie erst spät begonnen, auf der Suche nach einer neuen Verdienstquelle, nach dem sie ihren Jeansladen aufgeben musste. Ihr erstes Buch, Bitterschokolade, das sie als unverlangtes Manuskript eingesandt hatte, erschien 1980 bei Beltz & Gelberg und wurde gleich mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Es sollten noch viele weitere Preise folgen, beispielsweise 2009 der CORINE eben für Nathan und seine Kinder und 2010 der Deutsche Jugendliteraturpreis (Sonderpreis für das Gesamtwerk). In diesem Jahr hat Mirjam Pressler den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung erhalten. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Übertragung des Romans Judas von Amos Oz aus dem Hebräischen. Dieser Titel steht auch auf der Shortlist für den Internationalen Literaturpreis.
Die beliebte Autorin hat über 30 eigene Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die oft um Probleme von Kindern und Jugendlichen kreisen – authentisch, einfühlsam und ohne die Schwierigkeiten zu verharmlosen.  Hinzu kommt eine Vielzahl an Übersetzungen aus dem Hebräischen, Niederländischen und Englischen.

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