„Versprechen werden gebrochen. Und Herzen“

Autor: Gastrezension
21. Februar 2011

Von Susanne Gmeiner



Eine Tochter, die wegen ihrer Mutter in die Sucht der Bulimie abrutscht, ein Mann, der sich gegen seine eigene Frau stellt, um seine Kinder zu beschützen, eine Anwältin, die auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter ist, und eine Frau, die ihre beste Freundin verklagt, um ihrer Tochter zu helfen. In Jodi Picoults neuem Roman „Zerbrechlich“ werden all diese Charaktere und ihre Probleme auf eine überaus gefühlvolle Art aufgegriffen:
Nach dem zweiten Ultraschallbild in Charlottes Schwangerschaft ist klar, dass der Fötus an Osteogenesis imperfecta leidet, besser bekannt als Glasknochenkrankheit. Sie möchte das Mädchen aber um jeden Preis bekommen und übernimmt damit eine hohe Verantwortung. Als die kleine Willow fünf Jahre alt ist, hat sie schon 52 Knochenbrüche hinter sich. Sie kommt mit ihrer Krankheit klar, denn sie stellt sie nicht in den Mittelpunkt ihres Lebens – ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter. Um ihrer Tochter später ein halbwegs erträgliches Leben finanzieren zu können, reicht Charlottes Geld bei weitem nicht. Die Familie sitzt bereits auf einem riesigen Schuldenberg wegen Willows Krankheitskosten. Aus diesem Grund entschließt sich die Mutter, gegen ihre Gynäkologin und beste Freundin Piper auf einen Kunstfehler zu klagen, da schon beim ersten Ultraschallbild ein seltsamer Kommentar gefallen war: „Die Sonografin sagte, das Bild des Gehirns sähe zu klar aus.“ Und dies könnte ein Symptom von Osteogenesis imperfecta sein. Darüber machte man sich aber zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken, da ein neuer Apparat zur Anwendung kam und die Bilder durch die neue Technik nun allgemein besser sein müssten.
Um mit einer solchen Klage Erfolg zu haben, muss Charlotte allerdings vor Gericht aussagen, dass eine Abtreibung für sie in Frage gekommen wäre, wenn sie zu diesem Zeitpunkt von der Krankheit erfahren hätte. Sie liebt ihre Tochter zwar über alles und trifft nur wegen deren Zukunft diese Entscheidung, doch damit bringt sie eine Lawine von Problemen ins Rollen: Ihre beste Freundin Piper muss nach der Klage ihre Arbeit aufgeben und wendet sich von ihr ab. Charlottes Mann Sean möchte auf keinen Fall an den Ausdruck ‚ungewollte Geburt‘ denken, reicht die Scheidung ein und wechselt auf Pipers Seite. Ihre ältere Tochter Amelia bekommt psychische Probleme und Willow denkt, ihre Mutter wolle sie loswerden. Am Ende scheint sich wider Erwarten alles zum Guten zu wenden, doch der nächste Schicksalsschlag lässt nicht lange auf sich warten: Willow hat einen tödlichen Unfall.
Auf vier größere Kapitel verteilt, beschreibt die Autorin des Romans „Beim Leben meiner Schwester“ mit vielen Rückblenden bewegend Charlottes Zwickmühle und die damit verbundenen Ereignisse. Die Handlung wird im permanenten Wechsel aus den verschiedenen Sichtweisen einiger Figuren wiedergegeben. Ihre Erzählungen sind in der Du-Form direkt an Willow gerichtet. Der Leser fühlt sich damit indirekt angesprochen und wird durch den Perspektivenwechsel zum Nachdenken veranlasst, da er sich zwar anfangs wohl seine eigene Meinung gebildet hat, diese jedoch stark ins Wanken gerät, wenn er die sehr widersprüchlichen, aber durchaus nachvollziehbaren Beweggründe der Protagonisten erfährt.
Die Kapitel werden mit Rezepten aus Sicht der einstigen Konditorin Charlotte eingeleitet und aufgelockert. Beschreibungen, unter anderem von einzelnen Tätigkeiten während des Backens, deuten den weiteren Verlauf des Romans an. Beispielsweise muss für Karamell eine Kugel unter sanftem Druck formbar bleiben, „demselben sanften Druck, mit dem man manchmal auf jemanden einredet und ihn auf seine Seite zieht.“ In dem Kapitel, das auf diese Stelle folgt, wird Sean von einer Anwältin angesprochen und wechselt daraufhin auf die Seite der Beklagten.
Jodi Picoults Roman regt zum Nachdenken und Mitfiebern mit den Figuren an. Wie wird das Gericht entscheiden? Rauft sich die Familie wieder zusammen? In jedem Fall glänzt „Zerbrechlich“ mit ein paar überraschenden Wendungen und ist besonders für Fans von gefühlsseligen Tragödien und Familiendramen zu empfehlen.

Jodi Picoult: Zerbrechlich, Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Schumacher, Lübbe Ehrenwirth 2009, 624 Seiten.

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Preis: 19,99 Euro
ISBN-10: 343103828X
ISBN-13: 978-3431038286

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