Liebe und Tragik auf Mallorca

Autor: S. Benedict-Rux
29. August 2016

Buch bei amazon ansehen / bestellenBei einem Unfall stürzen auf 2005 Mallorca eine alte Frau und ein alter Mann von den Klippen. Fast 60 Jahre zuvor, zu einer Zeit also, als die Insel noch nicht vom Tourismus überrollt war, waren die beiden, Lulu und Gerald, ein Liebespaar. Doch bereits auf der Hochzeitreise war es zu einem radikalen und endgültigen Bruch gekommen. Was geschah auf jener Segelreise?
Was zunächst einfach nur wie die rückwärts erzählte tragische Liebesgeschichte jenes auf Mallorca lebenden britischen Paares aussieht, erweist sich bald als sehr viel komplexer. Während der Roman stufenweise in die Vergangenheit bis zum Ursprung des Konfliktes zurückgeht, erkennt man etwa, dass ein weiteres Paar über Jahrzehnte nicht zueinander gekommen ist, obwohl sich beide zueinander hingezogen fühlen. Leser lernen allmählich die Haupt- und einige Nebenfiguren mit ihren teils eigenwilligen Charakteren etwas besser kennen, verstehen mehr und mehr diese seltsame Gruppe von immer wiederkehrenden Gästen im Strandhotel der anziehenden, aber auch in ihrem Verhalten und Wesen sehr rätselhaften Lulu. Aber es erfordert – besonders zu Beginn – auch einiges an Geduld und Aufmerksamkeit, bis man sich in dieser ganz speziellen „mallorquinischen Welt“ zurecht findet und einen Überblick hat. Fremdsprachige Einsprengsel in der Kommunikation der Feriengäste lassen einerseits die Situation lebendig erscheinen, sind gleichzeitig aber auch in der Lage, den Lesefluss zu stören.

„Ithaka gab dir eine schöne Reise“

Da ist also die Britin Lulu, unverbindlich und liebenswürdig, von Männern begehrt und nicht mehr willig sich dauerhaft an einen zu binden. Ihr einstiger Ehemann Gerald erscheint da mehr wie ein Gegenpart. Ursprünglich auf den Spuren der Odyssee, dem Homer zugeschriebenen Epos über die Irrfahrten des Odysseus, segelnd ist er durch die Begegnung mit Lulu auf Mallorca quasi gestrandet. Seine Reiseberichte sind  mittlerweile als Buch erschienen und doch lebt er zurückgezogen, quasi als einfacher Olivenbauer, auf der malerischen Insel, hat seine Reise nicht fortgesetzt. Oder vielleicht doch, nur auf eine andere Weise und mit anderen Mitteln?
Dem Roman ist ein Gedicht von Konstantinos Kavafis, einem bedeutenden Lyriker der griechischen Neuzeit vorangestellt. Dieses Gedicht, „Brichst du auf gen Ithaka“ , spielt auch für Gerald eine große Rolle, es inspiriert ihn zum Buchtitel für die Neuauflage seines Buches. Aber es scheint als könne die Aussage des Gedicht, der Weg nach Ithaka mache einen reich (an gelebtem Leben), nicht das Ankommen und dort leben an sich, auch als Sinnbild für den Lebensweg Geralds gelten und vielleicht nicht nur für ihn. Geht es zu weit zu vermuten, dass das Leben der beiden, wie auch das ihrer Kinder womöglich weniger reich gewesen wäre, wären sie gleich mit ihrer Ehe im Happy End gelandet anstatt Umwege über Neuheirat und Familiengründung machen?

Die Zeichen lesen und deuten

Schon von Beginn an verstecken sich im Roman leicht zu überlesende Hinweise auf die kurze und intensive Liebesgeschichte von Lulu und Gerald. Was also zunächst als nicht notwendige Zusatzinformation oder als vage Andeutung auftritt, erweist sich vom Ende des Buches her gesehen als Hinweis etwa auf eine wichtige Begenbenheit, die früher stattgefunden hat oder eben auf die Gefühlslage einer der Figuren, die dadurch an etwas erinnert wird. Dadurch gehört „Die Sommer mit Lulu“ zu jenen Büchern, die eigentlich mindestens ein zweites Mal gelesen werden sollten, um alle Details und  Bezüge innerhalb des Romans erfassen zu können. Sicher ergibt sich so an der einen oder anderen Stelle im Roman ein Aha-Effekt, werden Dinge sichtbar, die man vorher überlesen hat. Andere Bezüge weisen im Zusammenhang mit Geralds Reise und die Buchveröffentlichung auf Homers Odyssee.

Achtung Spoiler:

Bei allem Lob der doppelten Liebesgeschichte und dem besonders schön erzählten Ende wirkt es jedoch manchmal befremdlich, dass einige der Figuren offenbar stark hormongesteuert agieren. Das wirkt bisweilen etwas, sagen wir mal, einseitig. Oder gar, dass eine reife Frau einen Jungen verführt, der ihr Enkel sein könnte (übrigens nicht der einzige Heranwachsende, der in diesem Buch durch einen Erwachsenen missbraucht wird). Dieses tut sie womöglich nur, um sich an jemandem anderen zu rächen und diese Person zu verletzen. Wie diese Rache funktioniert und erzählt wird, ist dafür wiederum ziemlich raffiniert.

Fazit: Ein interessant erzählter Roman, der trotz „Sommer, Sonne, Strand und Meer“ mehr als nur eine seichte Sommerlektüre ist!

Peter Nichols: Die Sommer mit Lulu. Roman. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta 2016
ISBN 978-3-60898310-4

[D] 22,95 EUR

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

flattr
Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.