Leuchtendes Mittelalter

Autor: Gastrezension
20. März 2017

von August Werner

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Es gibt Menschen, auf welche eine solche Reihe Ungemach aus heitrem Himmel fällt, dass sie endlich da stehen und das hagelnde Gewitter über sich ergehen lassen: so wie es auch andere gibt, die das Glück mit solchem ausgesuchten Eigensinne heimsucht, dass es scheint, als kehrten sich in einem gegebenen Falle die Naturgesetze um. So schrieb einst Adalbert Stifter über die ungleiche Verteilung von guten und schlechten Erfahrungen. In diesem Sinne vom Glück heimgesucht ist der mutige und etwas ungestüme Barral, der in der Provence des 12. Jahrhunderts einen unglaublichen Aufstieg erlebt. Vom einfachen Schäferjungen, der ins Militär aufgenommen wird und sich dort als unbezwingbarer Kämpfer erweist, bringt er es zum Grafen, schließlich zum Herzog, heiratet einflussreich, liebt und tötet und wird ein Freund des Kaisers. Anderen, die seinen Lebensweg kreuzen, ergeht es nicht so glanzvoll. Sie sterben im Krieg, unterliegen den Naturgewalten, werden zwangsverheiratet, entehrt, für vogelfrei erklärt oder eingekerkert. Die Spannweite zwischen Ungemach und Glück fächert der Roman Kinder der Finsternis weit auf und gibt für jede Nuance ein eingängiges Beispiel. Das novellenhafte Schicksal, das in der Geschichte über Wohl und Weh der Menschen entscheidet, erinnert an die Erzählungen von Adalbert Stifter. Ebenso die kraftvollen Beschreibungen der Natur und die mystisch-religiösen Andeutungen einer höheren Macht.

Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin, als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht.

Im Hauptstrang dem Lebensweg des geheimnisvollen Barral folgend, schweift die Geschichte hier und da ab, um politische Hintergründe, Familienstammbäume, Innenansichten der Figuren oder den Zauber der Natur auf die mittelalterliche Seele zu erläutern. Vor allem die festgelegten Geschlechterrollen, deren Zwänge und die Versuche aus ihnen auszubrechen werden vom Autor Wolf von Niebelschütz eindrucksvoll geschildert, dessen Stil eben an jenen Stifter aber auch an den magischen Realismus eines Leo Perutz anknüpft. Insgesamt ist es die einfühlsam-präzise Sprache, die das Buch zu etwas Besonderem macht. Einerseits fabuliert Niebelschütz wortmächtig und poetisch, sodass man eher einen lieblichen Minnegesang im Ohr hat als das harte, karge Leben im mittelalterlichen Europa vor Augen. Andererseits steckt in seinen wohlklingenden Schilderungen derart viel Detailgenauigkeit, dass man sich zuweilen fasziniert und heiter inmitten einer äußerst blutigen Szenerie wiederfindet. Die Kapitel sind überschrieben mit Wölfin und Löwe, Lombardischer Schnee, Eva im Weinberg oder Erscheinung im Flammenmantel.

Dom Rodero, ein frischer Jäger von wenigen Vierzig, ließ die neue Ritterschaft drei Stunden hindurch stürmen, sich auflösen, in Linie fechten, Rückzug vortäuschen, aus dem Rückzuge vorgehen, schräg angreifen, absitzen, Zweikämpfe zu Fuß üben. Schweiß rann aus den Kettenhemden. Immer neu wurden die Helmdecken gefeuchtet. Das Wasser der Ziegenschläuche nahm ab. Mittags lagerte man am Fluß zum Imbiß, füllte die Schläuche aus der Strömung und begoß die Rüstungen, sich zu kühlen. Die Schilde waren bemalt: in Gold auf Scharlach der steigende Löwe von Cormons mit zwiegeteiltem Schweif; in Silber auf Nachtblau der Komet Ortaffas.

In jedem Fall sucht eine solche Erzählkunst über nahezu 700 Seiten ihresgleichen. Man kann kaum glauben, dass dieser historische Roman in den faden 50er Jahren entstanden sein soll, in einer Atmosphäre aus notorischem Schweigen zur deutschen Vergangenheit und Hoffen auf den Wirtschaftsaufschwung. Niebelschütz hat literarisch konsequent seinen eigenen Weg verfolgt und mit großer Kunstfertigkeit und beeindruckender Kenntnis ein fulminantes Mittelalterepos voller Ränkespiele, Intrigen, großen Schlachten, Liebesdramen aber auch rührenden Glücksmomenten geschaffen. Figuren und Zeitgeschehen sind genauestens ausgearbeitet, um vor dem staunenden Leser ein schillerndes Panorama des Hochmittelalters auszubreiten. Seien es Landschaften, Höfische Kultur, Kirchlicher Alltag oder übellauniges Bauernvolk – Niebelschütz beschreibt all das meisterhaft und gnadenlos im Verlauf der mythischen Geschichte aus einer fremdartig vertrauten Vergangenheit. Ein absolutes Erlebnis!

Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis. 704 Seiten. Kein & Aber Pocket 2016

ISBN: 978-3-0369-5942-9 , [D] 16 Euro.

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