Brillant-tristes Grau – der “Schwarzweißroman” (Marion Poschmann)

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Autor: S. Benedict-Rux
21. Mai 2007

Der zweite Roman der insbesondere als Lyrikerin geschätzten Marion Poschmann erzählt von einer jungen deutschen Frau die, gestrandet zwischen Studium und Beruf, ihren als Ingenieur im Ural arbeitenden Vater besucht. Sie wird getrieben von einer vagen Sehnsucht und der Unschlüssigkeit, wie es weiter gehen soll. Die ungeheure Größe des schneebedeckten Landes, in welchem so vieles unwirklich wirkt, verändert die Menschen die dort leben und arbeiten – verändern auch sie.

Ihrem Roman stellt die Autorin ein Zitat El Lissitzkys voran, einem vom Suprematismus inspirierten Künstler. Hier stehen die Farben Schwarz, Weiß und Schwarz-Weiß für das Allgemeinmenschliche und das Kollektiv, die einzelnen Farben dagegen für das Subjektive, den Individualismus des einzelnen. Nur Individualismus könne Farbigkeit in den „Stahl-Beton-Kohle-Alltag“ bringen, rote Farbe. Damit ist das Grundthema des Romans angeschlagen – das Verschwinden des Individuums in der weißen Weite der unwirtlichen und verseuchten russischen Landschaft ebenso, wie im deprimierenden Alltag eines grauen Lebens in grauem Beton – dem die Erzählerin zu Beginn als roter Tupfer gegenüber steht.

Die Ich-Erzählerin fliegt nach Russland, in die Stadt Magnitogorsk um ihren Vater zu besuchen. Dieser lebt und arbeitet dort, wie eine ganze Reihe anderer deutscher Experten, weitgehend von der Bevölkerung isoliert. Das Leben in der weißen und grauen Einöde verändert die Menschen. Sie versuchen sich abzulenken, trinken, stürzen sich in Beziehungen, viele verfallen in Lethargie und Depression. Auch die junge Frau spürt sehr bald die Auswirkungen der Umgebung auf ihr Empfinden. Anfangs ist sie als Person noch etwas greifbarer, als eine junge Frau in einem roten Wollmantel, die sich auf Reisen begibt, doch das ändert sich bald. Schon gleich zu Beginn des Buches wird in großem Stil die Farbsymbolik eingesetzt: Grau als Farbe des Ostblocks, Konturen verlieren sich im Grau, Schwärze der Dunkelheit, die weiße unendliche Landschaft und die grauen Blöcke der Häuser, anonyme gleichgültige Würfel, Quadrate und Rechtecke die nebeneinander liegen. Ihr Vater erscheint  ihr als bunter Tupfer, der allmählich die graue Farbe der Umgebung annimmt. Wenn sie selber im weiteren Verlauf als „roter Mantel“ oder als Person in rotem Mantel bezeichnet wird hat sie zwar ihre Farbe behalten (auch wenn der Mantel sich zwischendurch dem Schatten der Umgebung anpasst), ist aber als Individuum weniger sichtbar und wird unpersönlicher. Am Ende des Romans verschwindet die Erzählerin zusammen mit ihrem Vater bei einem Ausflug ins radioaktiv verseuchte Sperrgebiet – Ende offen.

Verschiedene Episoden stehen nebeneinander: Einkauf im Kaufhaus, eine rein körperliche Beziehung zum Chef ihres Vaters, eine romantisch anmutende Beziehung zu einem schwerkranken Musiker. Dazwischen Ausflüge mit unterschiedlichen Begleitern, die unterschiedlichen Versuche der deutschen Experten mit der Situation fertig zu werden, gegen Ende Vorbereitungen der Reise ins Sperrgebiet. Die Ausschnitte wirken oft unverbunden, manchmal fast schon beliebig. Klischeehafte Vorstellungen von Russland werden gepflegt: Lange Schlangen, graue, Wohnblocks, Vertuschung von Atomunfällen, Mangelversorgung der Bevölkerung, Mißwirtschaft die die Baustelle lahmlegt, der Umgang mit dem zweiten Weltkrieg und seinen Helden. Gut möglich, dass es nicht nur Klischees sind – diesbezüglich kann ich mir kein Urteil erlauben.

Einziger Lichtlick  – die bildreiche Sprache, die mitunter beeindruckend ist und eine unwirkliche Atmosphäre schafft, welche dem Thema auch angemessen erscheint. Marion Poschmann türmt die Sprachbilder so stark auf, dass sie in ihrer Masse manchmal genauso erdrückend wirken, wie der ständig fallende Schnee in der grauen Stadt. Bisweilen setzt sie sie so massiv ein, dass sich die Wirkung verkehrt und wie Schaumschlägerei wirkt.

Ein zwiespältiges Gefühl bleibt zurück. Sprachlich außergewöhnlich bis brillant, widersetzt sich der Schwarzweißroman einer flüssigen Lektüre und einem tiefen Verständnis. Vieles ist rätselhaft, etliche Fragen und Zusammenhänge bleiben offen und so dürften wohl viele Leser, die nach einem Roman suchen der sie mit sich reißt, wahrscheinlich unbefriedigt bleiben.

Marion Poschmann: Schwarzweißroman, Frankfurter Verlagsanstalt 2005

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