Buchtipp: Erzählungen von Ralf Rothmann

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Autor: S. Benedict-Rux
24. Februar 2007

Ralf Rothmann wurde 1953 in Schleswig geboren und ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Seit rund 20 Jahren veröffentlicht er vor allem Romane, Erzählungen aber auch Gedichte und hat in den letzten Jahren mehrere renommierte Literaturpreise erhalten. Der im vergangenen Jahr erschienene Erzählband „Rehe am Meer“ enthält 12 Erzählungen. Viele seiner Figuren entstammten wie schon in früheren Werken Arbeiterschicht und Kleinbürgertum. Die neuen Erzählungen bevölkern zunehmend aber auch Figuren anderer Schichten, wie zum Beispiel eine Studentin oder ein Anwalt. Mal nimmt er uns mit zu den Bauarbeiten auf eine Baustelle, ein andermal mit einer jungen Familie in den Urlaub oder lässt uns eine Alleinerziehende auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch begleiten. Es sind Situationen, die auf den ersten Blick oft etwas alltägliches haben und dennoch mehr als das sind. Viele der Erzählungen handeln von Verlust – dem Verlust der Sorglosigkeit, des Vertrauens, des Gewohnten oder gar eines geliebten Menschen.

Nehmen wir zum Beispiel die Titelgeschichte „Rehe am Meer“: Eine allein erziehende Frau erhält kurzfristig einen Vorstellungstermin. Doch wohin solange mit dem Kind? Ihr fällt eine alte Bekannte eine, die das Kind bestimmt nimmt und am Weg wohnt. Dort kommt das Gespräch kurz auf die nun vergangene Ehe und vielleicht ist es das, was die Frau dazu verleitet zu dem Haus zu fahren, dass sich die junge Familie gebaut hatte. Mit einem Nachbarn, der sie für eine Kaufinteressentin hält, besichtigt sie das Haus. Häufig ist es nicht unbedingt der Stoff an sich sondern mehr die Erzählweise, die an Rothmanns Erzählungen bezaubert. Thema dieser Erzählung ist der Schmerz des Verlustes, der sich daraus ergibt, dass die heile Familienwelt auseinander gebrochen ist. Die Hoffnung die mit dem Haus verbunden war, versinnbildlicht sich in den in die Wand des Kinderzimmers eingelassenen Handabdrücke von Vater, Mutter, Kind. Es ist die Gestaltung dieser Verlusterfahrung durch die Erzählerstimme, die den besonderen Reiz ausmacht. Nirgends wird der Schmerz ausdrücklich benannt, er wird spürbar in den Leerstellen, im Ungesagten. Mit sparsam und sorgfältig gesetzten Worten werden die Personen und ihr Umfeld charakterisiert. Aber durch die Schilderung der Realität hindurch schimmert eine symbolische Schicht, geleitet durch Motive die bisweilen auch ins Leere laufen. Ohnehin ahnt man zu Beginn der Erzählung meist noch nicht, wohin sie einen führen wird. Erst im Fortgang der Geschichte erweist sich worum es eigentlich geht, deutet sich an ob da jemand ein- oder auszieht, eine neue Hoffnung geboren oder eine alte begraben wird.

Bei aller Schwere der Thematik gelingt es Ralf Rothmann Lichtpunkte zu setzen, der Schwere eine Leichtigkeit entgegen zu setzen, die den Schmerz erträglicher macht. „Rehe am Meer“ ist mein Buchtipp für alle die, die Prosa schätzen, welche große Themen mit klarer Schönheit zu verbinden weiß. Eines noch: Auch wenn die Versuchung groß ist, eine Erzählung nach der anderen zu lesen – lassen Sie sich Zeit, spüren Sie dem Nachhall nach, den das gerade Gelesene hinterlässt und überdecken sie es nicht sofort mit den neuen Eindrücken der nächsten Geschichte.

Ralf Rothmann: Rehe am Meer, Erzählungen, Suhrkamp Verlag 2006.

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