Provokativ: Digitale Demenz

Autor: S. Benedict-Rux
19. August 2013

Buch bei amazon ansehen / bestellenManfred Spitzers Streitschrift zu Risiken der Nutzung digitaler Medien

Gleichermaßen zugespitzt wie vereinfachend könnte man sagen, dass Spitzer in seinem Buch die These aufstellt, digitale Medien wie Computer, Spielekonsolen etc. führten  zur Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, verhinderten bei jungen Menschen die Gehirnbildung und  hätten insgesamt eine Verflachung von Sozialkontakten und Krankheit zur Folge, kurz: Mediennutzung mache dumm, übergewichtig, einsam und krank.
Es überrascht daher nicht, dass sein Buch zum Teil harsche Gegenwehr und Kritik hervorgerufen hat. Wie sehr bei dieser Thematik die Meinungen auseinander gehen , zeigen auch aktuelle Berichte in den Medien. Im Rahmen der Berichterstattung um die Gamescom 2013 vom 21.08.13-25.08.13 in Köln gibt es unter den befragten Medienpädagogen Stimmen, die sich erfreut über den Zuwachs an Spielern von Computerspielen zeigen und überzeugt sind, dass es bei mehr als 90 Prozent der Personen, die viel Zeit vor dem PC zubringen nicht zu einer Verarmung und Entfremdung von der Realität führt.
Dieser Tage wurde aber auch eine Studie von Forschern der Universität Michigan im US-Wissenschaftsmagazin PLOS One veröffentlicht. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Nutzer des Sozialen Netzwerks Facebook sich zwar besser vernetzt, aber dadurch nicht glücklicher fühlen. „Aber anstatt das Wohlbefinden zu steigern, fanden wir heraus, dass die Nutzung von Facebook den gegenteiligen Effekt hat“, wird der Hauptautor Ethan Kross zitiert. Offenbar fühlten sich die Teilnehmer durch viele direkte Kontakte mit anderen wohler, als durch die Nutzung des Sozialen Netzwerks. Manfred Spitzer dürfte sich hier bestätigt fühlen.

Nutzen und Risiken digitaler Medien – ein hochkomplexes Thema

Digitale Medien sind Bestandteil der Lebenswelt mit der wir uns heute auseinandersetzen müssen – die Frage ist nur, in welcher Form und wie viel Raum wir ihnen in unserem Leben zugestehen wollen oder sollten. Ausgehend davon, dass sich das menschliche Gehirn durch die Art seiner Nutzung oder Nicht-Nutzung ständig verändert und anpasst, führt Manfred Spitzer in seinem Buch in aller Breite aus, warum er der Ansicht ist, dass die starke Zunahme der Mediennutzung zur Minderung von Aufmerksamkeit, Denk- und Lernfähigkeit führt und parallel hierzu massive Auswirkungen auf die Emotionen der Mediennutzer und die Form Ihrer Sozialkontakte hat. Die negativen Auswirkungen auf geistig-seelische Prozesse seien  bei Kinder und Jugendlichen noch größer als bei Erwachsenen, so der Psychiater, Arzt und Gehirnforscher Spitzer, da sich ihr Gehirn erst noch bilde und entwickele. Vehement spricht er sich gegen die flächendeckende Nutzung von Laptops in Schulen oder gar in Kindergärten aus, da sie das Lernen im Sinne einer Fähigkeit zur Aneignung und kritischen Auseinandersetzung mit der Welt und dem Wissen verhinderten. Ziel seiner Ausführungen, so der Autor, sei es zu zeigen, dass digitale Medien unabhängig von ihren Inhalten, also per se,  für das geistig-seelische Wachstum von Kindern ungeeignet sei. Vielleicht ist es das, was auf viele so provozierend wirkt?
Zur Untermauerung seiner Ausführungen weist er fortlaufend auf Forschungsergebnisse und Studien hin, die seine Ansichten stützen. Da er sich offenbar nicht oder nicht ausschließlich an ein Fachpublikum richtet, verzichtet er auf manche Angaben wie sie in Facharbeiten üblich sind um die Lesbarkeit zu erhöhen. Die vereinfachte Darstellung führt aber bisweilen auch dazu, dass seine Ausführungen etwas plakativ und einseitig wirken. Zweifellos hat Spitzers provokative Schreibweise ihm und seinem Buch viel Aufmerksamkeit gebracht, fraglich ist aber, ob sie mit der Abwehrhaltung, die sie bei vielen Lesern hervorruft, der Sache, also einer kritischen Auseinandersetzung mit Nutzen und Gefahren der Nutzung digitaler Medien, wirklich bestmöglich dient.

Fazit: Trotz Schwächen ein interessantes Sachbuch zu einem sehr wichtigen Themenbereich.

Manfred Spitzner: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Verlag 2012

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