Glanz und Gloria

Autor: Gastrezension
16. Mai 2017

Buch bei amazon ansehen / bestellenOder wie man Superreiche sonst noch verherrlichen kann

von August Werner

Statistiken belegen es Jahr für Jahr aufs Neue: 1% der Weltbevölkerung besitzt mehr als der gesamte Rest der Menschheit. Und der Reichtum dieser kleinen Minderheit wächst unaufhörlich weiter. Wie die Hilfsorganisation Oxfam unlängst ermittelt hat, besitzen mittlerweile 8 Männer so viel wie die ärmere Hälfte der Welt. Angesichts dieser Diskrepanz beschäftigte den Berliner Journalisten Dennis Gastmann ernsthaft die Frage, wie denn diese superreiche Oberschicht eigentlich so lebt. In seinem Buch Geschlossene Gesellschaft geht er dieser Frage nach. Der kritische Leser fragt sich: Warum nur?

Obwohl es angeblich unglaublich schwierig war, bis in die heiligen Hinterzimmer der Superreichen vorzudringen (wie Gastmann an diversen Stellen erwähnt), haben ihm doch einige die Türen geöffnet, um ihre abgeschirmte Parallelwelt zu zeigen oder eher: um ihr Herz auszuschütten. Mit so viel Geld lebt es sich weiß Gott nicht einfach. Da musste der Autor sich wohl ein ums andere Mal das Händchen zerquetschen lassen, wenn schmuckbehängte Millionenerben, gealterte Gräfinnen und knallharte Oligarchen auf ihr ach so hartes Leben zurückblickten.

Das Traurige ist, dass diese B-Promis nicht in der Lage sind, ihrem eigenen Lebensbericht eine für andere Menschen relevante Komponente abzuringen. Und der beflissene, höfisch galante Autor leider auch nicht. So sehr er sich bemüht, seine Gastgeber als irgendwie besondere Menschen darzustellen, umso mehr verfällt er darin, sie devot aus der Froschperspektive zu betrachten. Dankbar nimmt er die von ihnen dargebotene Erzähldramaturgie des eigenen Lebensweges auf, um die Märchen-Biografien seiner Business- oder Adels-Klientel in lauwarme Musterkapitel zu verwandeln. Das ist einfältig konstruiert und wenig informativ.

Eine Huldigung der höheren Klasse

Der einzige Anreiz dieses Buch zu schreiben, scheint in der Hoffnung bestanden zu haben, dass vom Glanz des Geldes etwas auf den Autor abfärben möge oder sich wenigstens die Verkaufszahlen erhöhen würden. Dafür werden Menschen wie die Party-Gräfin Gunilla von Bismarck oder der aus der TV-Show Die Höhle der Löwen bekannte Unternehmer Jochen Schweitzer bemüht, der reumütig bekennt, dass es häufig seine Fehler waren, die ihn weiterbrachten. Rührend. Leider umschifft Gastmann in seiner Befindlichkeitsblase jede politische Dimension des Themas gekonnt.

Vom Verlag wird der Titel mit den Worten angepriesen: „Eine Psychologie des Geldes. (…) Charmant, überraschend und garantiert ungeschönt.“ Wer die Klatschpresse mit Genuss konsumiert, wird dieser Beschreibung uneingeschränkt zustimmen. Die psychologische Erkenntnis des Ganzen kann man kurz umreißen mit: „Geld macht glücklich. Punkt“. Auch die Aufmachung des Buches transportiert die Botschaft von Glanz und Gloria perfekt: Weißer Hardcover-Bezug, gelbgoldene Vor- und Nachsatz-Papiere, ein weißer Schutzumschlag mit diversen Haben-wollen-Motiven drauf, dazu ein goldenes Lesebändchen. Wer da nicht vom Reichtum träumt, ist selber schuld. Was fehlt ist die kritische Distanz. Ausladend werden Auffahrten, elektrische Tore und Eingangshallen beschrieben, Vorgärten und Haushälterinnen gepriesen, der ästhetische Geschmack von Säulen oder Marmor-Tierchen goutiert. Einen „Reichtumsbericht“, wie es der Untertitel suggeriert, hat man sich doch anders vorgestellt.

Ein genaues Nachhaken bei sensiblen Themen unterlässt Gastmann und an seinen Schreibtisch zurückgekehrt scheint er noch immer beeindruckt gewesen zu sein, von dem was er da gesehen und gehört hat. So wird sein Bericht zu einer andächtigen Huldigung der höheren Klasse, die sich alles leisten kann und selbstverständlich auch leistet. Dabei kommt einem das Argument einiger Banker und Politiker in den Sinn, die zum Thema Reichenbesteuerung immer vorbringen, dass diese Superreichen doch ganze Wirtschaftszweige mit ihrem Geld füttern, die sonst wegbrechen würden. Ja, was würde aus den fleißigen Arbeitern werden, die Luxuswagen fertigen, wenn so mancher Milliardär nicht gleich zwei gekauft hätte? Er muss es wohl aus Mitleid getan haben. Und der Leser muss Gastmann dankbar sein für seine beschwerliche Reise durch die Luxussuiten und Paläste dieser Welt. Nur tragischerweise blieb sie ohne jeden Mehrwert.

Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft. Ein Reichtumsbericht. 304 Seiten. Rowohlt 2014.

ISBN:  978-3-87134-773-3
[D] 19,95

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