Die deutsche Bildungspolitik aus der Sicht der bildungsfernen Schichten

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Autor: S. Benedict-Rux
4. Juli 2008


In einer Mischung aus Sachbuch, Essay und autobiographischen Episoden meldet sich der Autor Bruno Preisendörfer („Die letzte Zigarette: Ein Liebesroman“ 2006, „Die Vergeltung“ 2007) in der seit Jahren um sich selbst kreisenden Bildungsdebatte zu Wort.

Sein Anspruch ist es, die Debatte aus der Sicht der Bildungsfernen zu beleuchten, da diese bislang nicht zu Wort kommen und zumeist auch gar nicht in der Lage seien sich auszudrücken. Preisendörfer versteht sich dabei selber als „Bif“, da er seine Bildungskarriere als katholisches Arbeiterkind vom Land begonnen hat und den einen oder anderen Umweg nehmen musste.

Die Fakten sind sattsam bekannt und finden regelmäßig den Weg in die Zeitungen: Die Selektion findet im deutschen Bildungswesen viel zu früh statt und benachteiligt die Kinder, die nicht das Glück haben in einem bildungsfördernden Umfeld geboren worden zu sein. Nur wenn es das ökonomische Interesse erfordert, werden sie als Begabungreserve wiederentdeckt. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems in die höheren Schulformen lässt erheblich zu wünschen übrig. Die mangelnde Wertschätzung der Haupt- und Realschulen schlägt sich auch deutlich in deren finanzieller Ausstattung nieder etc. Die Argumente und Studienergebnisse die Preisendörfer hier heranzieht, dürften den Lesern führender Tages- und Wochenzeitungen vielfach bekannt sein. Auch die traurige Tatsache, dass die Reproduktion der Machtverhältnisse eine der Funktionen schulischer Erziehung ist, die „Gesellschaft“ gar kein echtes Interesse daran hat, den Bildungsfernen dieselben Möglichkeiten in gleichem Maße zu bieten, wird seit vielen Jahren an den Universitäten gelehrt.

Preisendörfer bereichert die Bildungsdebatte jedoch zum Beispiel da, wo er auf die Selbstblockade der Bildungsfernen eingeht oder die Entwurzelung derjenigen thematisiert, die sich durch Bildung aus ihrer Herkunftsschicht lösen, ohne jedoch wirklich eine neue Heimat in der Bildungsschicht finden zu können. Bleibt die Frage, an welchen Leserkreis der Autor sich eigentlich wendet. Hofft er, bei der Bildungselite Verständnis für die Bifs zu wecken, auf dass sie ihr Bildungsprivileg endlich aufgeben? Wohl kaum. Er dürfte auch eher Abwehr provozieren. Vielleicht will er den Bildungsneid der Bildungsfernen wecken, den er so schmerzlich vermisst. Dazu müssen diese aber erst einmal zu seinem Buch greifen…

Was bringt dieses Buch seinem Leser? Eine verständliche, mal bissig und mal witzig geschriebene Zusammenfassung der Bildungsdebatte der letzten Jahrzehnte. Dazu den einen oder anderen Blick aus einem anderen Blickwinkel und ein paar interessante Denkanstöße. Bedauerlich ist dabei, dass man der Argumentation Preisendörfers mitunter die Kränkung anmerkt, die er selber erlitten hat. Der Sachlichkeit seiner Ausführungen schadet dies bisweilen.

Bruno Preisendörfer: Das Bildungsprivileg. Warum Chancengleichheit unerwünscht ist, Eichborn 2008

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