Bruder Baum?

*Dieser Beitrag enthält einen oder mehrere Affiliate Links. Kommt über einen solchen Link ein Kauf zustande, erhält der Betreiber des Literaturblogs eine Provision.
Autor: S. Benedict-Rux
27. Juni 2016

Buch bei amazon ansehen / bestellen

Von der Faszination einer wenig erforschten Lebensform

Der Wald spielte als Sehnsuchtsort in der Literatur der Romantik als mystische und symbolische Projektionsfläche in Gedichten, Märchen und Sagen eine Rolle. Und heute?  Der moderne Mensch sieht in einer größeren Ansammlung von Bäumen meist so etwas wie ein Naherholungsgebiet oder einen Holz- und Sauerstoffproduzenten. Ja sicher, ein Baum lebt, aber Pflanzen sind doch eher Dinge, oder? Manchmal kommt dann doch wieder eine emotionale Komponente hinzu und so wird der Wald dann wieder in anderer Form zum Sehnsuchtsort. Hat es damit zu tun, dass sich das Buch „Das Geheime Leben der Bäume“ zum Bestseller entwickelt hat? Oder ist die Zeit gekommen, dass die Menschheit aufgrund von Forschungsergebnissen nun allmählich doch nicht an der Erkenntnis vorbei kommt, dass sie Pflanzen allzu lange unterschätzt hat?

Vielleicht hat so mancher bereits den Dokumentarfilm „Das Geheimnis der Bäume“ von „Die Reise der Pinguine“-Regisseur Luc Jacquet gesehen, der Anfang 2014 in die deutschen Kinos kam und weiß daher, dass Bäume keinesfalls stumme und gefühllose Wesen sind, die einfach stumpf und reglos dahinvegetieren (!). Während der Dokumentarfilm jedoch den Regenwald zum Thema hatte, widmet sich Förster Peter Wohlleben in seinem Sachbuch  den Bäumen, die wir auch hier vor unserer Haustüre antreffen.

Der Wald als „Wood-Wide-Web“

Unterhaltsam und in kurzen Kapiteln erzählt der Förster und Autor mehrerer Sachbücher (darunter auch „Die Gefühle der Tiere. Von glücklichen Höhnern, liebenden Ziegen und träumenden Hunden“) von der Kommunikation und Vernetzung der Bäume, von Lernvermögen und Gedächtnisleistung, ja sogar von einer Art Sozialverhalten. Buchen einer Gemeinschaft etwa, so schreibt er, synchronisierten sich in der Art, dass sie unabhängig von Körperbau und Unterschieden in den Standortbedingungen die gleiche Leistung erbrächten. Viele Baumarten, dies legen Beobachtungen von denen er berichtet nahe, scheinen zum Teil über Jahre kranke und schwächere Bäume zu unterstützen, indem sie sie mit Nährstoffen versorgen. Wohlleben beschreibt  und erklärt dies und noch viel mehr in einer verständlichen und kurzweiligen Art und Weise, dass der Funke der Faszination über diese Rätsel leicht überspringt.

Wenn die Fähigkeiten der Vegetation bekannt sind, dann sollte sich schrittweise auch unser Umgang mit Pflanzen ändern.

Vermenschlicht der Autor die Bäume, wenn er ihnen gegenseitige Unterstützung, Erziehung des Nachwuchses und anderes zuspricht? Natürlich sind nicht alle Schlüsse, die er aus eigenen Beobachtungen und denen von Forschern zieht, derzeit wissenschaftlich belegt. Möglicherweise liegt das aber eher daran, dass wir mit unserem menschenzentrierten Weltbild viel zu selten an entsprechenden Fragestellungen herangehen, weil sie uns unvorstellbar erscheinen. Wie weit entfernt von uns sind doch Pflanzen schon alleine schon von ihrer äußeren Erscheinung her. Das heißt aber nicht, dass solche Fragestellungen, nur weil sie uns fremd erscheinen, deswegen zwangsläufig nicht zutreffen. Wie viel von dem, was uns heute als gesichert gilt, schien vor Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten unvorstellbar? Andererseits scheint so manches was früher als geklärt galt, heute in anderem Licht – die Wasserversorgung der Bäume etwa.
Die Fülle der Ergebnisse und Beobachtungen, die der Autor ausbreitet, lassen ihn denn auch folgerichtig zu einer vergleichsweise radikal klingenden Forderung gelangen: Angesichts der Fähigkeiten und Empfindungen von Pflanzen solle die Grenzen zwischen Tieren und Pflanzen nicht mehr so stark gezogen werden, sondern Pflanzen entsprechend aufgewertet werden. Das hieße denn auch, dass – analog zur Tierhaltung – über eine artgerechtere Haltung und über die Vermeidung unnötigen Leidens nachgedacht werden müsste. Der Autor, dessen Liebeserklärung ja dem Wald gilt, spricht in diesem Zusammenhang überwiegend von Bäumen, in letzter Konsequenz müsste dies jedoch wie er es in dem oben genannten Buch „Die Gefühle der Tiere“ in einem Nebensatz erwähnt noch deutlich weiter gehen.
Zweifellos ein spannendes und faszinierendes Buch für all diejenigen, die sich auf so eine Sichtweise einlassen können!

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume.Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. Ludwig Verlag 2015
ISBN: 978-3-453-28067-0
€ 19,99 [D]  € 20,60 [A]

Zur weiteren Lektüre findet man in den Anmerkungen von „Das Geheime Leben der Bäume“ Quellenhinweise. Es handelt sich hierbei aber naturgemäß vorwiegend um journalistische Artikel, wissenschaftliche Aufsätze und dergleichen. Ein weiteres interessantes Buch zum Thema ist „Die Intelligenz der Pflanzen“ von Stefano Manusco und Alessandra Viola, welches ebenfalls 2015 erschienen ist und zwar im Verlag Antje Kunstmann.

Merken

Merken

Merken

flattr
Flattr this!

2
Hinterlasse einen Kommentar

Dieter Rehn

Ein Buch über Bäume ,das helfen kann ,zu sich selbst zu finden !

Unsere twitter-Timeline (Literatur Blog) RSS Feed vom Literatur Blog