Von hochfliegenden Träumen und grauem Alltag

Autor: S. Benedict-Rux
2. Juni 2015
Anne Krüger auf der Leipziger Buchmesse 2015

Anne Krüger auf der Leipziger Buchmesse 2015

Endzwanzigerin Mathilda lebt in Berlin. So richtig hat sie ihren Platz im Leben noch nicht gefunden. Einst wollte sie Kosmonautin werden, nun arbeitet sie als Kassiererin und mit ihrem Künstlerfreund Magnus ist es auch vorbei. Wie gut, dass sie ihre Freunde aus alten Kindertagen hat, damals aus der Allee der Kosmonauten. Obwohl, irgendwie bröckelt der Zusammenhalt dort auch: Seit die „Häsin“ und der „Hase“ ein Kind haben, sind sie nur noch müde und die beste Freundin Nina hat irgendwie auch nur noch selten Zeit…
Anne Krüger setzt mit einer Rückblende ein, dem Umzug vom Prenzlauer Berg in die Allee der Kosmonauten, Mathilda ist zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Solche Rückblenden durchziehen das Buch genauso, wie die typografisch abgesetzten Kosmonauten-Träume, in denen Mathildas Befindlichkeiten und Ängste sich deutlich abzeichnen. Stellenweise plätschert das Buch äußerlich gesehen so dahin wie Mathildas Leben. Es liegt an der Erzählweise, dass man trotz Regen und Rückschlägen den Weg mit der jungen Frau weitergehen möchte, die eben, anders als ihre beiden größeren Geschwister, noch keine eigene Familie und kein schmuckes Heim vorzuweisen hat.

„Graue Wollmausminuten waren verstrichen, eine nach der anderen.“

Buch bei amazon ansehen / bestellenSeinen besonderen Reiz entfaltet das Buch auf verschiedene Weise. Zum einen kreist es um ein Thema, das sicherlich viele Leser im vergleichbaren Alter ansprechen könnte. Natürlich will nicht jeder Kosmonaut werden, doch den Verlust der alten Freunde, die Frage nach dem eigenen beruflichen Weg, Beziehungsprobleme, das Zögern und Zweifeln dürfte vielen jungen Erwachsenen bekannt vorkommen. Krüger erzählt diesen schwierigen Schritt ins Erwachsenenleben mit einem Gespür für Situationskomik, dabei meist trocken und lakonisch. Manchmal lässt sie Mathilda kommentieren, manchmal zeigt sie die Dinge einfach durch die Szenenführung. So denkt Mathilda einmal, dass das Glück darin besteht, friedlich am Abendbrottisch mit seiner Familie zu sitzen. Sie denkt dies, als sie bei ihrem Bruder mit am Tisch sitzt, in einer scheinbar friedlichen Idylle. Als nächstes folgt eine Erinnerung an einen Streit Ihrer Eltern, damals, am Abendbrottisch und auch die Idylle des Bruders zerplatzt schon wenige Zeilen später.

Die „Allee der Kosmonauten“ steht bei Mathilda für die Kindheit in eben dieser Straße ebenso, wie für hochfliegende Träume und Zukunftspläne, die sich im Alltagsgrau der Wirklichkeit nicht verwirklichen lassen. Dennoch ist dies letztlich kein trauriges oder deprimierendes Buch. Mathilda mäandert durch ihr Leben, sucht neue Partner, eine bessere Arbeit, leidet am Verlust der Nähe zu den alten Freunden, findet aber auch neue. Letztlich, nachdem Sie sich von Ihrer Kindheit verabschiedet und das eine oder andere aufgearbeitet hat, gelingt Mathilda der Aufbruch in Ihr Leben – eine Reise mit dem Versuch das Trainingszentrum der Kosmonauten zu besuchen inklusive. Man wird ja wohl mal träumen dürfen…

Ein eher stilles, aber sehr besonderes Buch mit einer „Heldin“, die einem ans Herz wächst!

Anne Krüger: Allee der Kosmonauten. script5 Verlag 2015, ab 16 Jahren
Hardcover, 400 Seiten, ISBN 978-3-8390-0172-1
17,95 € (D)  18,50 € (A)

flattr
Flattr this!

Hinterlasse einen Kommentar

Unsere twitter-Timeline (Literatur Blog) RSS Feed vom Literatur Blog