Roman-Tipp: Ich muss los

Autor: S. Benedict-Rux
14. Juni 2017

Roman über einen Sonderling

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Dorst ist ein schweigsamer Typ. Seit er als Junge schon festgestellt hat, dass seine Umwelt nicht gut darauf reagiert, wenn er die Wahrheit sagt, hat er sich angewöhnt lieber den Mund zu halten. Die Spannung die sich aus dieser Unterdrückung der eigenen Meinung ergibt, äußert sich in einem Knacken seines Kiefers, das seitdem immer zu hören ist, wenn er gähnt. Dies erfährt der Leser bereits auf der ersten Seite des Romans über diesen Sonderling.

Überhaupt ist Dorst etwas anders als andere: er trägt die alte Kleidung seines früh verstorbenen Vaters auf, von dem er sich nicht verabschieden durfte und meidet allzu enge Beziehung zu andern. Es scheint, dass nicht wirklich Nähe zulassen kann. „Ich muss los“ sagt er dann und flieht als wäre er in der Gefahr wie einer der Fische beim Angeln am Haken zu hängen.Manchmal angelt er nämlich. Trotz guter Noten verweigert Dorst sich dem Wunsch der Mutter erfolgreich zu sein. Stattdessen gibt er lieber den Stadtführer und erzählt Phantasievolles über unscheinbare Orte. Bei einer solchen Stadtführung lernt er Elner kennen. Und erst sieht es so aus als könne mit Elner alles anders werden…

Annette Pehnt springt in ihrem Roman zwischen den Zeiten. Früh schon ist Dorst ein Einzelgänger, der lieber alleine ist als mit gleichaltrigen Kameraden zu spielen. Daneben stehen Episoden in denen Dorst versucht Beziehungen zu Frauen einzugehen – aus denen er dann letztlich recht schnell wieder ausbricht. Dann geht es wieder zurück in die Zeit als ein jüngerer Nachbarsjunge seine Nähe sucht oder als nach dem Tod des Vaters Herr Quoirin als neuer Partner in das Leben seiner Mutter und damit gezwungenermaßen auch in sein Leben tritt.

Puzzleteile eines Lebens auf der Flucht vor Emotionen

Sicher läge es nahe, die Eigenarten des Sonderlings mit den Schwierigkeiten in seiner Kindheit in Verbindung zu bringen. Pehnt stellt jedoch die einzelnen Puzzleteile nebeneinander, ohne eindeutige Bezüge herzustellen. Und so unnahbar Dorst auf der einen Seite wirkt, so wächst der Sonderling dem Leser in den lakonischen erzählten Begebenheiten und seiner Andersartigkeit doch ans Herz, auch wenn er sich weder in seine Gedanken noch in seine Gefühle blicken lässt. Der Schmerz wird eben doch auch sichtbar, wenn sich jemand tagelang in den Pilzstollen verkriecht, in der Hoffnung die eigentlich doch geliebte Person würde ihn dort suchen. Am Ende des Romans stellt sich dann das Gefühl ein, dass man ihn doch noch gerne eine wenig länger durch seinen Leben begleitet hätte, diesen seltsamen Sonderling.

Für ihren Roman „Ich muss los“ erhielt Annette Pehnt 2001 den  mit 15.000 Euro dotierten Mara-Cassens-Preis. Dieser jährlich vom Hamburger Literaturhaus vergebene Literaturpreis ist derzeit der mit dem höchsten Preisgeld verbundene Preis, der für ein Romandebüt vergeben wird. Weitere Preisträger sind unter anderen Christoph Hein, Ralf Rothmann, Terézia Mora, Clemens Meyer und Lukas Bärfuss.

Annette Pehnt: Ich muss los. Piper Verlag
ISBN: 978-3-492-96457-9
[D] € 8,99,    [A] € 8,99

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