Rezension: Brodecks Bericht (Philippe Claudel)

Autor: S. Benedict-Rux
27. Oktober 2009


Ein Fremder wird in einem Dorf ermordet. Außenseiter Brodeck wird von der Dorfgemeinschaft damit beauftragt einen Bericht über die Vorkommnisse zu schreiben, um die Bewohner gleichsam von der Schuld rein zu schreiben. Der Schreibprozess führt Brodeck zurück in die eigene Vergangenheit und zu einer Wende in seinem Leben.

Er kam eines Tages von den Bergen ins Dorf herunter: ein Fremder, höflich aber wenig mitteilsam und fremdartig gekleidet. Alle dachten er sei nur auf der Durchreise, doch der Mann blieb im Dorf. Er sprach wenig, beobachtete viel und zückte immer wieder sein Notizbuch. „Der Andere“, wie sie ihn auch nennen bleibt den Bewohnern fremd, sie mißtrauen ihm. Eines Tages eskaliert die Situation und sie töten ihn. Brodeck kommt kurz nach der Tat an den Ort des Geschehens und wird damit beauftragt einen Bericht zu schreiben. Dieser soll zeigen, dass es so kommen musste und der Fremde selber Schuld daran war. Brodecks Bericht soll die Bewohner also im Endeffekt rein waschen.

„Ich heiße Brodeck, und ich kann nichts dafür“

Er beginnt also mit der Niederschrift der Ereignisse und fühlt sich schon bald von den Bewohnern beobachtet und bedroht. Auch der Tod des kürzlich verstorbenen Diodème wirft Fragen auf. Brodeck macht sich seine Gedanken zu alledem, es führt ihn zurück an seine eigene Biografie und seinem Verhältnis zu den Einheimischen. Er beginnt parallel zum geforderten Bericht eine weitere Niederschrift, sein Bekenntnis wie er sagt. Stück für Stück setzt sich so das Bild für den Leser zusammen und die scheinbare Dorfidylle zerfällt. Für Brodeck selber führt diese Rückschau zu einer Neubestimmung, die Konsequenzen nach sich zieht.

„Sie waren keine Ungeheuer, sondern Bauern, Handwerker, Landarbeiter, Waldarbeiter, kleine Angestellte, kurz, Menschen wie Sie und ich.“

Langsam führt Claudel seine Leser dicht an den Abgrund und lässt sie tief hineinblicken. Wie war es möglich, dass die Dorfbewohner wiederholt so schlecht an ihren Mitmenschen gehandelt haben? Der Autor zeichnet sie beileibe nicht als Monstren, sondern als ganz normale Menschen. Die Geschehnisse und Umstände haben vielfach Parallelen zu Nationalsozialismus und Holocaust. Es irritiert zunächst, wenn Claudel dies nicht beim realen Namen nennt, sondern von den „Fratergekeimen“ spricht, die eines Tages ins Dorf einmarschiert waren und seinerzeit den ebenfalls fremden Brodeck ins Lager geschickt hatten. Und doch zeigt dieser Kunstgriff, dass nicht das individuelle Schicksal im Rahmen eines ganz  bestimmten historischen Kontextes gemeint ist. Implizit scheint die Möglichkeit auf, dass solche Geschehnisse zu verschiedenen Zeiten und Orten immer wieder möglich sind.

„Aber ich habe Angst – Angst vor den Geistern, die ich wecken werde, und vor den anderen Bewohnern des Dorfes, die zu mir jetzt anders sind als früher.“

Durch geschickte Anspielungen auf das Geschehene einerseits und durch die permanent aufrecht erhaltene bedrohliche Atmosphäre andererseits hält Philippe Claudel über das ganze Buch die Spannung aufrecht. Man ahnt schon bald, dass hier ungeheuerliches zutage kommen wird und fühlt mit dem armen Brodeck mit, der so vieles schon durchgemacht hat und nun wieder um Leib und Leben fürchten muss. Denn es ist nicht der Bericht, den der Leser in den Händen hält, sondern eher das offene und ehrliche Bekenntnis das er parallel dazu schreibt und vor den Dorfbewohnern versteckt halten muss.  So wird man also lesend Zeuge, was Brodeck wirklich empfindet, wie er darum ringt die „Wahrheit“ zu verstehen und die Schatten der Vergangenheit ein stückweit zu bewältigen. Man nimmt Anteil an seiner Entscheidungsfindung und wundert sich, wie er es ausgehalten hat doch relativ lange in der Situation zu verharren.

In einfacher und klarer Sprache geschrieben ist Philippe Claudels neuer Roman gleichwohl ziemlich intensiv, berührend und vor allem sehr lesenswert!

Philippe Claudel: Brodecks Bericht, Aus dem Französischen von Christiane Seiler, Kindler 2009

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