Paulo Coelho: “Der Zahir”

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Autor: S. Benedict-Rux
16. März 2007

Die Bücher des brasilianischen Autors Paulo Coelho sind umstritten. Zwar überwiegen in der Literaturkritik die negativen Stimmen, seine Leser machen sie jedoch regelmäßig zum Bestseller. Liegt das vielleicht daran, dass viele Literaturkritiker männlich sind, aber der größte Teil der Leser und damit Buchkäufer weiblich? Oder an den Themen, etwa dem immer wiederkehrenden Motiv der Sinnsuche und der Selbstfindung? Kritiker scheinen sich jedenfalls oftmals an der `esoterischen Weltsicht´ und am sprachlichen Stil Coelhos zu stören. Es gäbe viele Rezensionen und Lesermeinungen zu berücksichtigen und auszuwerten, bevor man zu einem Ergebnis käme, eine derartige Untersuchung würde jedoch sicherlich einige interessante Hinweise zum `Phänomen Coelho´ und vielleicht auch zu den unterschiedlichen Leseerwartungen von weiblichen und männlichen Lesern aufzeigen.

Hier soll es jetzt jedoch um „Der Zahir“ gehen, dem letzten bislang ins Deutsche übersetzten Roman von Paulo Coelho. Zum Inhalt: Die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers ist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Da sie Kriegskorrespondentin von Beruf ist, ist vieles möglich: Entführung, Ermordung etc. nur eines mag ihr Ehemann nicht glauben – dass sie ihn ohne ein Wort verlassen hat. In ihrer Abwesenheit wird seine Frau Esther für ihn zur Obsession, zum Zahir. Bei einer Lesung teilt ihm ein junger Mann mit, dass es seiner Frau gut geht. Genau das, was er sich am wenigsten vorstellen konnte, scheint also der Wahrheit zu entsprechen und so macht er sich daran, zu verstehen was geschehen ist. Er versucht herauszubekommen, was seine Frau bewegt (hat) und wo sie jetzt ist. Dafür muss er sich auf neue Perspektiven und einen geduldigen Prozess der Wandlung einlassen, der ihn zuletzt zu einer weiten Reise bewegen wird.

Bevor die Romanhandlung einsetzt, werden aber zunächst eine ganze Reihe unterschiedlicher Bezüge hergestellt. Ein Bibelzitat etwa, das von dem verlorenen Schaf handelt, für das der Schäfer alles stehen und liegen lässt um es zu suchen. Es folgt ein Gedicht des neugriechischen Lyrikers Konstantinos P. Kavafis, welches die Leser auf eine lange Reise einstimmt, auf die Reise als Sinnsuche, bei der der Weg das Ziel ist. In einem `Prolog´ überschriebenen Abschnitt widmet der Autor dann den „Zahir“ seiner Ehefrau Christina. Als letzter Schritt vor dem Romanbeginn folgt noch eine Textstelle, die auf eine Erklärung des Begriffes Zahir bei dem großen argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges zurückgreift. Der Erzähler wird im übrigen noch mehrfach auf die gleichnamige Erzählung von Borges zurückkommen, sie sogar zu Beginn des zweiten Kapitels zitieren. Bevor der Roman also auch nur angefangen hat, ist schon eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut worden.

Den Ich-Erzähler stattet Coelho mit zum Teil stark autobiographischen Zügen aus. Grundsätzlich ist das nicht wirklich ungewöhnlich, viele Schriftsteller greifen auf Erlebtes zurück. Warum also nicht als Ich-Erzähler einen erfolgreichen Autor erschaffen. Wenn Paulo Coelho diesem dann aber andichtet, ein Buch über seinen Jakobsweg geschrieben zu haben, eine Geschichte, in der ein Schafhirte sich auf die Suche nach seinem Traum begibt, das Stichwort „Krieger des Lichts“ fällt, so kostet es Mühe den fiktiven Autor nicht mit dem realen Autor gleichzusetzen. Falls das witzig wirken sollte, so ist dieser Witz an mir vorüber gegangen. Dafür taucht dieses Vorgehen etliche Textstellen in ein merkwürdiges Licht. Etwa, wenn der Erzähler Literaturkritiker kritisiert, wenn er die Funktionsweise seiner Bücher oder seiner Weltsicht erklärt…

Über weite Strecken werde ich das Gefühl nicht los, man höre die Stimme des Autors Coelho anstatt die des Erzählers, und der Autor erkläre einem seine Bücher, lege einem dar wie der Literatur- und Kulturbetrieb funktioniert, erläutere dem Leser in welche Gefahren langjährige Beziehungen geraten können etc. Es wird in langen Gedankengängen und Dialogen zuviel erklärt und zu wenig erzählt. Die Geschichte bleibt eigentümlich blass, wirkt als sei sie nur dazu da, das Erklärte aufzulockern und könne nicht genauso gut für sich allein stehen. Hinzu kommt, dass man recht früh schon ahnt, wohin die Entwicklung gehen wird – nicht bis ins Detail natürlich, aber das macht den Roman nicht unbedingt spannend. Ich bin sicher keine passionierte Coelho-Leserin, habe aber einige seiner Bücher gerne gelesen. Der „Zahir“ ist nicht ohne schöne Passagen, aber letztlich hat mich der Roman nicht überzeugt, was wohl weniger am Thema, als an der Erzählweise gelegen hat.

Paulo Coelho: Der Zahir, Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes, Erstausgabe 2005

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Ich habe derzeit eine Stellungnahme von Coelho gelesen, dass es in der Tat eine kleinere Abrechnung mit Kritikern und Verlagen war. Das konnte ich zwar nachvollziehen, aber für den Roman war dies nicht dienlich, obwohl ich an manchen Stellen lachen musste 😆

Im September erscheint nun sein neues Werk: „Die Hexe von Portobello“.

Persönlich kann ich sagen „als Frau“: Ich lese Coelho gerne und er ist nicht mein „Oberguru“ 😉

„Der Dämon und Fräulein Prym“ und „Veronika beschließt zu sterben“ haben mir beispielsweise auch gefallen. Es hat mich, glaube ich, im „Zahir“ genervt, dass Coelho so permanent und überdeutlich Parallelen zu sich und seinem Werk gezogen hat – da wäre meiner Ansicht auch weniger mehr gewesen 😉
Es war sicherlich auch nicht so günstig sich auf J. L. Borges zu beziehen. Das schürt bei denjenigen die Borges kennen einfach gewisse Erwartungen, die Coelho wahrscheinlich auch gar nicht erfüllen wollte…

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