Paradies ohne paradiesische Zustände

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Autor: Ernst Stöckmann
23. Januar 2012

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 Andreas Maiers neuer Roman „Das Haus“ inszeniert die Kindheit als traumatischen Erinnerungsraum

Nach „Das Zimmer“ (2010) führt Andreas Maier mit seinem neuen Roman „Das Haus“ wie angekündigt seinen epischen Großzyklus fort, dessen Akteure und Handlungen einmal mehr in der Wetterauer Heimat des Autors angesiedelt sind. Erzählt wird von Räumen, häuslichen Rückzugsorten und Fluchtburgen der Phantasie wie aus einer naiven Kindheitsperspektive. So erlebt der Leser die Geburtsstunde eines empfindlich registrierenden Ich und nimmt er teil an einem Erzählstrom, für den Erzählen, Wiedererinnern und Selbstfindung eine Einheit bilden.

Behaust sein – unbehaust sein

Gibt es für einen Erzähler eine größere Herausforderung, als von Kindheit bedeutsam zu sprechen? Von jenem Stadium des Lebens, in dem die Umwelt Schicksal war, das Ich elementaren Prägungen ausgesetzt, Schönes wie Demütigendes in gleicher Weise schwammartig aufsaugend und speichernd – als Kindheitsmuster und damit Prägeform der persönlichen Zukunft? Es ist an der Kunst des Erinnerungserzählers, das frühe Schicksal als etwas Gewordenes zu zeigen. Zu zeigen, woraus sich das Mosaik der Einsichten zusammenzusetzt und das heißt: Ein ehemals nur Subjektives für den Leser so aufzuschließen, als ginge es bei dem fremden Helden gleichzeitig immer auch um das Verstehen der eigenen Prägemuster.

Andreas Maiers Erinnerungsroman über die Kindheit eines offenkundig schwierigen Knaben zielt weniger auf die Muster; vielmehr treibt er das personalisierte Erinnern voran. Zentraler Schauplatz des Geschehens ist das elterliche Wohnhaus des Ich-Erzählers in einer kleinstädtischen Ortschaft der Wetterau zu Beginn der siebziger Jahre. Der erzählte Lebensabschnitt umfasst die (hypothetisch rekonstruierte) allererste Lebensphase bis hin zu den ersten Schuljahren und bricht mit diesen erkennbar abrupt und ohne inszenierten Höhepunkt ab.

Worum es hier eigentlich geht – das Haus – ist literarischer codiert als die autobiographischen Bezugsmöglichkeiten, die Maier in seinem neuen Roman so provokant wie noch in keinem seiner diversen Erzählwerke offen gelassen hat (Andi, Problemandreas wird das problematische Kind hier von seinen problemverdrängenden Eltern genannt; die vorkommenden Aufenthaltsorte liegen just in jener Wetterauer Heimat, in welcher der Autor Andreas Maier geboren wurde, die erzählte Zeit deckt sich mit seiner Kindheitsperiode). Der Titel gibt nicht nur den Gegenstand vor, der hier zimmerweise und reichlich minutiös zwischen Keller und Obergeschoss beschrieben, ja beschworen wird. Das Haus ist gleichzeitig ein Symbol für Behaustheit, raum-zeitliches Beheimatetsein, auch für Ordnung („die Ordnung der Dinge“), womit es ineins zum Schnittpunkt aller möglichen Welterfahrung wird: Das Haus seiner Kindheit, heißt es programmatisch gleich zu Beginn, öffnete sich nach einer Seite hin „auf die ganze Welt“, ja sogar auf „die ganze Welt bis hin zum lieben Gott“.

Was für eine Welt? Auf den ersten Blick eine Innen- und Außenwelt, denn in diese beiden Kapitel („Drinnen“, „Draussen“) zerfällt der weitgehend linear erzählte Roman zu ungefähr gleichen Hälften. In Wahrheit jedoch gibt es nur eine Welt. Eine, die für den Kindheitserzähler eben an den Grenzen des Hauses endet. In der einem messerscharf nach innen verletzlichen Ich das Geborgensein in der Häuslichkeit vertrauter Räume zur einzig gültigen und erlebenswerten Welt wird. Dort kann es still sein, für sich sein, die Schatten der Nacht auf der Netzhaut spielen lassen, sich den sozialen Interaktionen entziehen, die dieses Ich stets wie eine Zumutung für seinen Innerlichkeitsbedarf erfährt. Ohne Zweifel: Die Grenzen des Hauses sind diesem Kind die Grenzen seiner Welt. Wer sie ihm wegnimmt, begeht eine seelische Verletzung. Das ist der rote Faden von Maiers erzählerischer Dramaturgie.

 

Vom Haus in die Welt hinein – und gleich wieder zurück

Verletzt wird hier ein anfangs bei Großmutter und Urgroßmutter friedlich wohnendes Kleinkind dadurch, dass die Eltern ein Haus bauen, „groß und leer“ wie das Haus der Kindheit. Im neuen Haus ist nichts mehr wie im geliebten Damals, ist bis hin zum kalten Zimmerlicht alles anders und fremd. Anders und fremd wie die vielbeschäftigten Eltern, die ihr verstörtes, schweigsames, nachgerade autistisches Kind („wie überlastet. Aber von was?“) immer wieder zum Arzt quälen, ergebnislos natürlich. Anders und fremd wie die Spielwelten der Kindergarten- und Nachbarskinder, denen sich Andreas verweigert (wie sich umgekehrt diese ihm), um dann im häuslichen Bastelkeller allein zu spielen. Anders und fremd wie die renitente und mit perfiden Streichen aufwartende Schwester. Und anders und fremd begreiflicherweise auch wie später die Schulkinder, die mit Spott und Hänseln den anpassungsblöden Spielverderber fortgesetzt traumatisieren. Wenn der „eigentliche komplette Schulhofversager“ eben auch nur zaghaft mädchenhändehaltend hinten in der Schülerreihe steht?

So oft und so schnell wie möglich zum Schneckenhaus zurückzukommen scheint der einzige Ausweg zu sein, den das dauerverängstigte Kind mithilfe seines Körpers dann auch findig organisiert: Ein leibfüllender Kloß im Hals verhindert regelmäßig den Schulbesuch und damit die Demütigung, mit wilden lärmenden Kindern zusammen sein zu müssen. Außer Haus eben. Eigen und heimelig – „Stille und Handlungslosigkeit“ – wird es im Haus tatsächlich auch erst, als die Eltern den Buben einmal für ein paar Stunden zurücklassen müssen. Kein Drama, aber auch keine Idylle, mehr ein „Zustand der Lähmung“. Und darauf: „ich laufe in die Küche und gehe zum Kühlschrank, hole Butter und Käsescheiben heraus und mache mir ein Käsebrot, das ich im Stehen esse, am Küchenfenster oder vor dem Fernseher oder an der Terrassentür, mit Blick auf die Usa [ein Zufluss der Wetter, E.S.]. Genau so ein Käsebrot, wie ich es abends nie essen konnte.“ Schluss. Und weiter?

 

Erzählen vom Innen oder von einem Außenseiter, der kein Außen will

Maiers sensibel erzähltes Erinnerungsdrama eines in seiner eigenen Sensibilität gefangenen Kindes ist kein (sozial-)kritischer Text über die Geschichte einer kindlichen Demütigung durch Eltern, Umfeld, die sogenannten anderen. Auch kein Aufklärungsdrama über die seelenverderbende Macht häuslicher Erziehungsgewalt oder kleinstädtisch beengter Sozialisierung. Fokussiert ist die streng eingehaltene Binnenwelt eines Außenseiter, der nicht unbedingt einer sein will, und selbst nicht vermitteln kann, weshalb er aus Gründen der Selbsttreue für die anderen einer sein muss. Ein Unangepasster von Geburt an, unanpassbar wohl auf immer. „Sie waren schnell“, heißt es von den verschmähten Spielkameraden, „und sie handelten nach Gesetzen, die mir völlig verschlossen blieben. Diese Menschen waren eine Gruppe. Diese Gruppe funktionierte nach Regeln, die ich nicht kannte und die ich bis heute nicht kenne.“

So spricht ein ausgegrenzter Sich-Ausgrenzer. Ein verstörend-verstörter Held, den die Umwelt annähernd geschlossen als seelisch-sozialen Störfall wahrnimmt und dann ignoriert. Die Grundbedingungen für ein Sonderlings-Dasein sind in Maiers dunkler Kindheitsstory damit überdeutlich gegeben. Überdeutlich für den Helden entsprechend die Notwendigkeit, soziale Defizite und Demütigungen subjektiv erträglich zu halten. Was auf der Haben-Seite dieses Außenseitertums zu verbuchen ist, verengt Maier allerdings radikal auf ein paar Momente intensiver gelebten Existenzgefühls: am liebsten in vollständiger Ruhe und Einsamkeit. Wo Andreas zu sozialem Handeln gezwungen ist, bricht sich eher Groteske als Komik Bahn, was Maier zudem ziemlich undramatisch und ohne Überraschungseffekt arrangiert. Am turbulentesten noch die Mädchenschäkerszene im Keller, die der Verschüchterte mit der grotesken Wunschvorstellung einer Tasse (!) abkühlt; am kühnsten noch die Liebe zu dunklen Nächten, „Traumgebilde, aber für das Kind eine höhere Form von Realität“. Keine nennenswerten (beziehungsweise: rettenden!) Schrulligkeiten also noch poetische, phantastische oder (verbal-)komische Realitätsüberbietungen, wie man sie etwa von Genazinos oder Jakob Heins kauzigen Aktiv-Eigenbrötlern kennt. Bernhardsche Sprachwut (mit Thomas Bernhards Sprachästhetik sympathisiert Maier offen) als repetierendes Gemurmel gegen die inkommensurabel gesetzte Außen-Welt gönnt Maier seinem Helden ebenso wenig. Auch der gelegentlich überexplizierende Erzählstil bestärkt die fatale Fixierung eines Ichs auf Enge und Stille. So dass eigentlich alles Haus-Welt und Hemmung, Angst und Schneckenhaus(be)trieb bleibt. Eine sich einspinnende Handlungs- aber eben auch: Bedeutungslosigkeit.

Mit dieser Schlüssigkeit in der Konzeption, die das erlebende Ich geradezu auf fehlende Welthaltigkeit fixiert, gewinnt Maiers Text die Einheitlichkeit im Erzählton, das Seelen-Beklemmende einer Kindheit unterm Rad, die im Erinnern zugleich aus der Melancholie verlorener Einheit schöpft. Noch die belanglosesten, erzählmotivisch schleierhaften Szenen fangen dadurch etwas von dem Goldstaub ein, den jede Recherche nach dem verlorenen Paradies dem intensiv Schürfenden abwirft. Maiers Roman hat jedoch nicht einmal mehr gezeigt, wie Paradieserfahrung und kindliche Höllenqual einander bedingen. An ihm zeigt sich vielmehr, dass nicht zu jedem frühkindlichen Leid ein großer, befreiender Aufschwung gehören muss.

Andreas Maier: Das Haus, Suhrkamp 2011

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