Mein Haus, meine Seele

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Autor: Gastrezension
22. März 2012

„Wenn Wände sprechen könnten…“

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In Tatiana de Rosnays aktuellem Briefroman „Das Haus der Madame Rose“ taucht der Leser in die Welt einer alten Dame ein, die in dem vom Wandel gezeichneten Paris um den Erhalt ihres Hauses kämpft.

Paris 1868: Die Stadt wird unter Kaiser Napoleon III. und seinem Präfekten, Baron Haussmann, in Schutt und Asche gelegt. Ganze Stadtteile werden dem Erdboden gleich gemacht, die verwinkelten mittelalterlichen Straßen und Gassen durch imposante, geometrisch angeordnete Boulevards ersetzt.
Auch die kleine Rue Childebert, in der die Protagonistin Rose Bazelet seit der Heirat mit ihrem Mann vor 30 Jahren lebt, soll dem Boulevard St. Germain weichen. Doch Madame Rose möchte ihr Zuhause nicht aufgeben. Sie hängt mit ganzem Herzen am alten Paris und noch mehr an ihrem Heim. Das neue Paris erscheint ihr „wie eine rotgesichtige, überreife Dirne“, die „ihre Unterröcke zur Schau stellt“.

Im Keller ihres geliebten Hauses versteckt, schreibt sich die alte Dame in einem, an ihren verstorbenen Mann Armand gerichteten Brief die Lasten eines ganzen Lebens von der Seele.

In diesem endlosen Brief blickt Madame Rose zurück. Erinnert sich an alles, was sie in diesem Haus erlebt hat: die Heirat mit Armand, die Geburt der beiden Kinder Baptiste und Violette, den Tod Armands und den der geliebten Schwiegermutter und ein Geheimnis, das Rose seit vielen Jahren hütet…

In diesen Tagen sind der Lumpensammler Gildebert und die Blumenhändlerin Alexandrine ihre einzigen Kontakte zur Außenwelt. Die beiden versuchen bis zuletzt Madame Rose davon zu überzeugen, das Haus zu verlassen, doch vergeblich.

Immer wieder spricht Madame Rose ihren Mann Armand direkt an, erzählt ihm alles aus ihrer Perspektive. Die Dialogsituation zwischen den Eheleuten bleibt dem Leser so bis zum Schluss präsent. Tatiana de Rosnay versteht es, der Geschichte der alten Dame durch diese Brieftechnik Leben einzuhauchen, den Leser teilhaben zu lassen an dem, was Rose bewegt. So beschreibt Rose immer wieder, wie sie mit vor Kälte steifen Fingern oder im schwachen Schein einer Kerze ihre Worte zu Papier bringt. Rose schildert neben den Ereignissen ihres Lebens auch die Tage, die sie in dem dunklen, kalten Keller verbringt. Zwischen den einzelnen Erzählungen erhält der Leser immer wieder Einblick in Briefe, die Rose Bazelet im Laufe der Jahre von Freunden  und Verwandten erhalten hat. Die französische Geschichte spielt eine indirekte, jedoch nicht unerhebliche Rolle: Das Familienleben der Bazelets ist eng mit den großen Ereignissen der französischen Geschichte verwoben. Nie wird eine Revolution beim Namen genannt, der Kaiser und sein Präfekt werden erst im Anhang namentlich erwähnt. Auch das Jahr, in dem Rose ihren Brief verfasst, bleibt dem Leser bis zur letzten Seite des Romans vorenthalten. Das alles macht die Lektüre des Buches jedoch nicht uninteressant. Es regt die Phantasie des Lesers an, animiert zum Weiterlesen.

Einer dieser einfühlsamen Frauenromane: Das ist der erste Eindruck, der beim Lesen des Klappentextes entsteht. Doch Tatiana de Rosnay  zieht den Leser durch ihre ins Detail gehende und plastische Sprache in den Bann der Geschichte der alten Dame. Die Formulierungen sind niemals kitschig, gleiten nicht in überspannte, tränenselige Floskeln ab. Das Schicksal der Rose Bazelet berührt, reißt mit, wühlt auf.

Tatiana de Rosnay: Das Haus der Madame Rose, Bloomsbury 2011

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