Mann im Dunkel (Paul Auster)

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Autor: S. Benedict-Rux
20. November 2008

Nur eine einzige, dunkle Nacht

Paul Auster ist einer der bekannten Gegenwartsautoren der USA. In Interviews äußert er sich kritisch über die Politik der Bush-Regierung und äußert Hoffnungen auf positive Veränderungen unter einer Regierung mit einem Prädsidenten Barack Obama. Im Herbst erschien sein neuer Roman „Mann im Dunkel“, der von einem alten, schlaflosen Mann erzählt, welcher sich zur eigenen Ablenkung Geschichten ausdenkt. Und auch hier ist unterschwellig die Kritik an der Politik der vergangenen Jahre zu spüren.

August Brill ist 72 Jahre alt, Witwer und hat bei einem Unfall ein Bein verloren. Nachts liegt der ehemalige Literaturkritiker oft schlaflos im Bett und wehrt belastende Gedanken ab. Den Tod seiner Frau zum Beispiel. Mit im Haus wohnen seine Tochter Miriam und Enkelin Katya, deren Freund im Irak getötet wurde. Alle drei haben in der jüngeren Vergangenheit Verlusterfahrungen erlitten und versuchen auf ihre Weise damit fertig zu werden. Miriam vergräbt sich in Arbeit, Katya flüchtet sich in Filme und August  spinnt sich Geschichten zusammen, um nicht im Schmerz zu versinken, wenn er nachts wach liegt. Diese Nacht erfindet er die Geschichte von Owen Brick.

„Die Geschichte handelt von einem Mann, der die Person töten soll, die ihn erschaffen hat – warum also tun, als sei diese Person  nicht ich selbst? Indem ich mich in die Geschichte einsetze, wird sie real. Oder ich werde unreal…“

Owen Brick erwacht in einem dunklen Loch. Ein Soldat befreit ihn aus seiner mißlichen Lage. Brick findet sich in einem Amerika wieder, in dem keinen 11. September und keinen Irakkrieg gegeben hat, indem dafür aber seit einigen Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Nach der Wahl im Jahre 2000 ist es aufgrund der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu Protesten und Krawallen gekommen, später zur Unabhängigkeitserklärung einzelner Bundesstaaten und dann zum Krieg. Und Brick erhält den Auftrag den Mann zu töten, der für diesen Krieg verantwortlich ist – August Brill nämlich, der sich das Ganze ausgedacht hat.

Paul Auster spielt mit großere Leichtigkeit mit den verschiedenen Erzählebenen und lässt sie zeitweise ineinander gleiten: Hier August, dessen Gedanken immer wieder in die Vergangenheit zurückgleiten, dort Owen, der sich in einer verwirrenden Situation wiederfindet und versuchen muss seine Probleme zu lösen. Dass Franz Kafka und Jorge Louis Borges zu den Autoren gehören, die Austers Werk beeinflussen ist hier deutlich zu spüren. Letztlich entschließt Brill sich dazu, diese Geschichte anders enden zu lassen als geplant.

„Giordano Bruno und die Theorie unendlicher Welten. Anspruchsvoller Stoff, gewiss, aber es gibt noch andere Brocken auszugraben.“

Und genau das tut August Brill. Im letzten Viertel des Romans setzt allmählich eine Wendung ein. Der Schlaflose beendet Owen Bricks Geschichte und wendet sich Geschichten aus seinem Leben zu. Zuletzt kommt seine Enkelin, weil sie Geräusche aus seinem Zimmer gehört hat und Brill erzählt ihr im Schutz der Dunkelheit wie er seine Frau Sonia kennen und lieben lernte, sie betrog und verlor, um sie einige Jahre später wiederzuerobern…

Geschichten – die Kraft der Sprache, die sich der Verzweiflung und dem Schmerz widersetzt. Paul Auster gelingt es, selbst einzelne Sätze im Laufe des Romans so mit Bedeutung aufzuladen, dass noch der letzte Satz das ganze Buch widerspiegelt. Grandios!

Paul Auster: Mann im Dunkel. Roman, Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Rowohlt 2008

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Links: Interviews mit Paul Auster auf Spiegel Online und Welt Online

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