Literarische Entdeckungsreise: Literaturkoffer Spanien

Autor: S. Benedict-Rux
11. August 2017

Buch bei amazon ansehen / bestellenSommerzeit, Ferienzeit. Für manche haben die Ferien vor kurzem begonnen, bei anderen sind sie in Kürze vorbei. Manche fahren oder fliegen in die Ferien, andere wiederum bleiben zuhause und reisen durch Bücher im Geiste an andere Orte oder in andere Zeiten. Ferienzeit ist eben für viele auch Lesezeit.

Eine schöne Idee zum Thema sind die Literaturkoffer aus der Süddeutsche Zeitung Edition. Es gibt sie bislang zu den drei beliebtesten Urlaubszielen: Spanien, Italien und Frankreich. Wir stellen Ihnen heute den Literarischen Koffer Spanien vor.

Die literarische Entdeckungsreise für Spanien umfasst vier Bücher, davon drei Romane, die alle im Raum Barcelona spielen. Das vierte Buch ist ein Reisetagebuch das neben Reisessays, Aphorismen, Lyrik und landestypischen Rezepten Raum für die eigenen Reisenotizen des Leser enthält.

 

Der Klassiker: Nada von Carmen Laforet

Eine düstere und teils unheimliche Stimmung bestimmt den Roman Nada von Carmen Laforet. Die achtzehnjährige Andrea zieht Anfang der 1940er Jahre zu Verwandten nach Barcelona, um in der Stadt ein Studium der Literatur zu beginnen. Sie freut sich der Enge des Landlebens entronnen zu sein und die Freiheiten der Stadt kennenzulernen. Doch die Aufbruchsstimmung droht im Keim zu ersticken: die Familie hat durch spanischen Bürgerkrieg vielfach Schaden erlitten, zum einen wirtschaftlich, aber bei einigen Familienmitgliedern der jungen Studentin muss man zusätzlich befürchten, dass sie mindestens ein stückweit verrückt geworden sind.

Ganz anders sind die Lebenswelten ihrer Mitstudenten aus gutem Hause, denen es an nichts fehlt oder zumindest nicht an Essen, Kleidung Bücher und dergleichen. Ein Jahr nimmt man als Leser teil an diesem teils albtraumhaften Leben aus schierer Not und Hoffnungslosigkeit, die so sehr zur strahlenden Selbstzufriedenheit der gutsituierten Bürger und selbst der auf hohem Niveau verwahrlosten Bohème kontrastiert. Nach und nach deckt Andrea Geheimnisse und Abgründe auf. Nach einem entsetzlichen Vorfall ist es zu guter Letzt eine Freundin aus gutem Hause, die Andrea die Flucht in ein hoffentlich besseres Leben in Madrid ermöglicht.

Chronologisch und in schlichter ungeschnörkelter Sprache schildert Laforet die Misere unter der das Volk zu jener Zeit leidet, was den Roman sehr authentisch wirken lässt. Ein Buch, das gerade durch diese Authentizität lange nachwirkt.

Laforets berührender Roman ist 1944 erschienen und war gleich ein Erfolg. So wurde er als erster Roman mit dem berühmten Premio Nadal ausgezeichnet, der mittlerweile zu den wichtigsten spanischen Literaturpreisen gehört.

Carmen Laforet: Nada. Aus dem Spanischen von Susanne Lange

 

Der Urlaubsroman: Der Garten über dem Meer

Der Gärtner war’s. Nein, nein dies ist kein Krimi, auch wenn durchaus ein ungeklärter Todesfall darin vorkommt. Aber es ist der Gärtner, der uns die Geschichte, eines wohlhabenden spanischen Paares und seiner Clique erzählt. Und ein bisschen natürlich auch die Geschichte seines eigenen Lebens.

Schon viele Jahre betreut er ganzjährig den Garten, der zu einer Villa an der Küste in der Nähe von Barcelona gehört und erzählt nun im Rückblick auf die Ereignisse der sechs Jahre, in denen das Anwesen einem frisch verheirateten wohlhabenden Paar gehört hat: anfangs so fröhliche junge Leute, die die Sommer dort verbrachten, während sich nach und nach vor der prächtigen Kulisse aus Sommervergnügen, Ausritten und Festen Risse zeigten.

Als auf dem Nachbargrundstück ein neues Anwesen gebaut wird, sind die jungen Leute wenig begeistert, doch sie ahnen noch nicht, dass dies kein Zufall ist. Mit dem Einzug der neuen Nachbarn beschleunigt sich der Verfall der scheinbaren Idylle, denn es stellt sich heraus, dass es hier eine Verbindung durch eine alte Liebesgeschichte gibt.

Viele der Figuren des Romans suchen die Nähe des in sich ruhenden vertrauenswürdigen Gärtners auf, der sich den Zyklen der Natur und des Lebens unterwirft. Er ist ihnen ein geduldiger Zuhörer und so erfährt der Leser durch ihn viel über das Wesen der Figuren, die Nöte von denen Sie getrieben sind in diesem Spiel von sozialem Aufstiegswillen, Liebe und dem Vergehen der Zeit.

Mercé Rodoreda: Der Garten über dem Meer. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt.

 

Der Kriminalroman: Carvalho im griechischen Labyrinth

Die Pepe-Carvalho-Reihe von Manuel Vázquez Montalbán gehört zur bekanntesten und meistgelesenen Kriminalliteratur Spaniens. In der Folge Carvalho im griechischen Labyrinth arbeitet der alternde Privatdetektiv an zwei Fällen gleichzeitig.

Da ist einmal der frühere Verlagseigentümer Luis Brando, der sich Sorgen macht, seine Tochter könne ins Milieu abrutschen. Viel stärker jedoch beansprucht ihn der Fall zweier Franzosen, einer Frau und einem Mann die offenbar kein Paar sind, aber beide nach einem in Barcelona untergetauchten griechischen Maler suchen. Und das hat ganz persönliche Gründe, denn Carvalho ist fasziniert von der Französin Claire mit ihren „edelsteinhaften, transparenten Augen“. Und so macht der verliebte Privatdetektiv sich in einem Barcelona, das 1990 voller vorolympiadischer Baustellen ist, auf die Suche. Er geistert durch vernachlässigte Viertel, die bald den Bulldozern zum Opfer fallen werden um die Stadt für Olympia herauszuputzen und durch Industrieviertel mit nur scheinbar leerstehenden Fabrikhallen.

Opulent wie die Mahlzeiten, die Carvalho bisweilen zubereitet ist auch die Sprache des Romans. In seinen Beschreibungen der Menschen und der untergehenden Viertel der Stadt ist Montalbán ein wenig ein Chronist seiner Zeit, der die Veränderungen sehr genau beobachtet und kraftvoll zu schildern versteht.

Manuel Vázquez Montalbán: Carvalho im griechischen Labyrinth. Ein Kriminalroman aus Barcelona. Aus dem Spanischen von Bernhard Straub

 

Die Idee eines Literaturkoffers mit drei exemplarischen Romanen und dem Reisetagebuch ist ein reizvoller Ansatz. Mit den ersten drei Literaturkoffern ist ein Grundstein ja schon gelegt und es kommt die Hoffnung auf, dass noch zahlreiche weitere Literaturkoffer zu anderen Ländern dieser bunten Erde und ihrer Literatur in dieser Reihe erscheinen werden…

Peter Graf (Herausgeber): SZ Literaturkoffer Spanien. Süddeutsche Zeitung Edition, Juli 2017
ISBN:978-3-86497-405-2
[D] 34,00 €

Das Reisetagebuch ist auch einzeln als Hardcover erhältlich.

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