„Letzte Nacht in Twisted River“: Leckerer Auflauf

Autor: Gastrezension
28. Februar 2011


Von Stefan Willert

In John Irvings neuem Roman serviert uns sein Protagonist, der Koch eines Holzfällercamps ist, nicht nur schmackhafte italienische Pasta. Er und sein Sohn werden Zeuge eines Flößerunglücks am Twisted River, New Hampshire. Das passiert an der Stelle, wo schon Dominic Baciagalupo, eben dieser Koch, seine Frau auf dieselbe tragische Weise verloren hatte. Seitdem muss er sich alleine um seinen Sohn Daniel kümmern. Als es dann noch zu einer tragikomischen Verwechslung kommt, bei der der junge Daniel die Geliebte seines Vaters mit einer Bratpfanne erschlägt, müssen die beiden ihr altes Leben zurücklassen. Denn die Geliebte Dominics war obendrein die Freundin des örtlichen Polizisten. Aus Angst vor dem Sheriff, der sie nicht nur verhaften, sondern aus Rache umbringen will, fliehen sie.
Vater und Sohn ziehen in den folgenden Jahren quer durch Amerika, wechseln dabei nicht nur immer ihre Namen, sondern auch die Personen, mit denen sie sich umgeben. Daniel wird Schriftsteller und verarbeitet seine Gedanken und Traumata auf dem Papier, sein Vater arbeitet in verschiedenen Restaurants. Die beiden erfahren tragische Einschnitte in ihr Leben und Daniel muss erleben, wie sein eigener Sohn, Joe,  bei einem Autounfall sein Leben verliert. Als der Sheriff von Twisted River Dominic nach 40 Jahren doch noch findet, erschießt er ihn. Daniel zahlt es dem Polizisten aber mit gleicher Münze heim und scheint nun endlich Ruhe gefunden zu haben.
John Irving, seinerseits in New Hampshire geboren, verwendet eine  Schreibstrategie, bei der er eine Rahmenhandlung im Voraus konstruiert und diese dann mit Hilfe von Rückblenden in die Vergangenheit der Personen mit Details füllt. Das Buch fordert folglich einen aktiven Leser, um die Geschehnisse in ihrem Zusammenhang zu verstehen. Irving gelingt es dabei, eine Atmosphäre zu schaffen, die es einem erlaubt, unmittelbar an der Geschichte teil zu haben. Allerdings wirken einige Passagen etwas weitschweifig, wenn etwa auch die kompliziertesten Verwandtschaftsverhältnisse auf das Genaueste erklärt werden.
Das Buch erzählt aber nicht nur die pure Lebensgeschichte der Personen, sondern bettet sie auch in politische Ereignisse ein, die mal mehr, mal weniger genau beschrieben werden, wie etwa der Vietnamkrieg der USA oder der Anschlag am 11. September. Dabei meldet sich ein alter Flößer zu Wort: Ketchum. Er ist schon lange ein Freund Dominics und bringt oft seine kritische Meinung zum Ausdruck, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, beispielsweise zu den Präsidentschaftsverhältnissen der USA: „Solange dieses Häufchen Mäusekot das Sagen hat, wird es noch eine Myriade von Fehlern geben!“
Ferner erfahren wir im Roman, wie Daniel ein Buch schreibt, ähnlich dem, was der Leser selber in den Händen hält, ein erzählerischer Trick, der vielleicht schon ein wenig zu weichgekocht ist.
Durch eine vielfältige Personenkonstellation und eine tragische Lebensgeschichte, garniert mit realpolitischen Bezügen und abgeschmeckt mit Humor ist „Die letzte Nacht in Twisted River“ ein Buch, das in so mancher Hinsicht seine Leser zum Nachdenken anregt und sie vielleicht das Buch ein zweites Mal zum  Durchkauen animiert, ohne dabei schwer im Magen zu liegen.

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag AG: Zürich, 2010. 732 Seiten.
ISBN: 978-3-257-06747-7

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