Familiendrama mit Licht am Ende des Tunnels

Autor: S. Benedict-Rux
9. Juli 2012

Kalender bei amazon ansehen / bestellen Es ist schon spät am Abend, als die Spezialistin für Psychotraumatologie und alleinerziehende Mutter zweier pubertierender Töchter Eliane Hess ins Krankenhaus gerufen wird. Dort „wartet“ ihr neuer Patient auf Sie: Yves, 8 Jahre alt und voraussichtlich einziger Überlebender eines Autounfalls. Was als fröhlicher Familienausflug zur Betrachtung der totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999 geplant war, endet tragisch: Die Eltern und die Schwester des Jungen sind an Ort und Stelle verstorben, noch kämpfen die Ärzte um das Leben des größeren Bruders, jedoch ohne große Hoffnung. Einzig Yves ist, wie durch ein Wunder, körperlich nahezu unverletzt. Die Unfallursache ist rätselhaft: Neben Sekundenschlaf scheint auch Absicht, also ein erweiterter Suizid möglich, da am Tatort keinerlei Bremsspuren zu finden sind. Der traumatisierte Junge redet bisweilen hastig und überdreht von dem Familienausflug spart aber den eigentlich Unfallhergang aus. Für diesen interessiert sich aber die Justiz und fordert die Psychologin dazu auf, Yves verwertbare Aussagen zu entlocken.
Das Ansinnen des Untersuchungsrichters weist die Psychologin zwar mehrfach schroff zurück, doch ihre Neugier ist geweckt und so stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an. Mehrfach überschreitet sie ihre Kompetenzen und muss feststellen, dass sie nicht mehr rational handelt.

Der Roman kreist im Kern darum, ob und wie Yves den Verlust bewältigen kann und dabei die Geschichten zweier Familien erzählt: das tragische Ende seiner unglücklichen Familie  ebenso, wie den Neubeginn der in vereinzelter Alltagsroutine verkrusteten Familie von Eliane Hess, deren Leben der kleine Waise gehörig in Bewegung bringt. Angelegt ist das Buch vordergründig als Bericht der Psychologin über die Ereignisse: gleichermaßen als Dokument für die Behörden, wie auch als auch als Zeugnis für Yves. Vielleicht auch, so könnte man durchaus psychologisch deuten, als Versuch der Selbstvergewisserung der Haupterzählerin Eliane, deren Leben sich rasend schnell recht grundlegend verändert.

Tauziehen der Verwandten um den Jungen

Schon wenige Stunden nach dem Unfall  entbrennt zwischen der Tante und der Großmutter ein Kampf darum, wer Yves zu sich nehmen darf. Beide Frauen versuchen Eliane als zunächst zuständige Gutachterin auf ihre Seite zu ziehen und bei beiden scheint weniger das Wohl des Kindes, als etwas anderes der Auslöser für diesen Wunsch zu sein. Yves selber möchte dagegen zu keiner der beiden, äußert sogar den Wunsch zu Eliane zu kommen.
Schnell verliert Eliane die professionelle Distanz zu ihrem Schützling, kämpft wie eine Löwin um ihn und versucht gegen den Willen der Verwandtschaft des Jungen durchzusetzen, dass Yves ihr Pflegekind wird. Ihr ist selbst bewusst, dass sie sich falsch verhält, doch der schmale zarte Junge mit seinen Moorwasseraugen und die Tragödie seiner Familie haben sie tief berührt und auch ihr Leben aus der gewohnten Bahn gerissen – da helfen auch ihre geliebten Kunstbände und die Lyrik des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer ihr nur noch bedingt. So beginnt die einmal verwitwete und einmal geschiedene Psychologin auch ihre beiden Ehen aufzuarbeiten und das Verhältnis zu ihren beiden noch Zuhause wohnenden großen Töchtern.

Kunst als Spiegel-Ebene

Wie ein Leitmotiv durchzieht Kunst den Roman. Dies gilt insbesondere für den von Matthias Grünewald gestalteten Isenheimer Altar, der die junge Eliane kurz nach ihrem Schulabschluss so stark beeindruckte, dass sie ursprünglich Kunstgeschichte studieren wollte. Auf der Kreuzigungstafel heißt es im Buch, sei eine totale Sonnenfinsternis abgebildet, wie sie Grünewald einst selbst erlebt haben soll. Und es gäbe Hinweise darauf, dass der Maler einen Jungen adoptiert habe. Unschwer zu erkennen, soll der Altar im Roman offenbar als Spiegel für eine spirituelle und universelle Ebene von Leid, Sterben und der Hoffnung auf Wiederkehr des Lichts dienen.
Lukas Hartmann entfaltet diese berührende, aber nicht rührselige Geschichte auf nur 305 Seiten. Teile der Handlung wirken bedrückend plausibel, andere wiederum, wie die Entwicklung um den geschiedenen zweiten Ehemann eher ein bisschen konstruiert. Letztlich ändert dies aber nichts daran, dass der Roman  gut erzählte und bisweilen sogar spannende Unterhaltung mit einem gewissen Anspruch bietet.

Lukas Hartmann: Finsteres Glück, Diogenes Verlag 2010

Über den Autor:
Der  1944 in Bern geborene Lukas Hartmann studierte Germanistik und Psychologie. Bevor er freier Schriftsteller wurde arbeitet er als Lehrer, Journalist und Medienberater. Für seine Bücher hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zuletzt erschien im Februar 2012 bei Diogenes sein neuer Historischer Roman Räuberleben.

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