Die Straße – Dystopie in düstergrau

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Autor: Gastrezension
14. Mai 2013

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von Wilko Steffens

Ein namenloser Mann und sein Sohn irren durch eine postapokalyptische Welt, eine Ruine der zerstörten Zivilisation, in der es nur noch eines gibt: Asche. Ein Ziel haben sie nicht. Gleich Angehörigen eines Pariavolkes ist ihre Heimat das unentwegte Wandern (hier: in Richtung Süden), dessen Movens lediglich dem elementarsten Bedürfnis des menschlichen Daseins folgt: Der Suche nach Nahrung.

Es ist die voraussetzungs- und schonungslose Konfrontation mit einer toten Welt bar jeglicher Illusion, der Cormac McCarthys Roman Die Straße seine verzweifelte Intensität verdankt. Zugegeben: Das dystopische Grundgerüst des Textes ist so alt wie die Kulturgeschichte selbst. Selten jedoch wurde es derart konsequent durchdekliniert, was auf mehrere Gründe zurückzuführen ist.

Die Geschichtslosigkeit der Geschichte

Erstens verzichtet der Roman auf eine Historisierung seiner erzählten Gegenwart. McCarthy klärt nicht auf, wie es zur Katastrophe kam, die Reflexionssplitter der Hauptfiguren ergeben kein kohärentes Ganzes. Dies entspricht dem Handeln von Vater und Sohn, das lediglich das Jetzt kennt und kennen darf:

„Es gibt keine Vergangenheit“.

Diese Einstellung ist die einzig mögliche in einer Welt, der das Morgen ungewiss geworden ist. Indem McCarthy Vergangenheit und Zukunft amputiert und damit der Gegenwart das relativierende Perspektiv nimmt, gewinnt diese eine umso schärfere und ausweglosere Kontur.

Die Erzählperspektive

Zweitens bleibt die narrative Instanz sehr nah am Geschehen: Zwar sind die Perspektiven von Figur und Erzähler nicht deckungsgleich, sie nähern sich einander jedoch bisweilen bis zur Unentwirrbarkeit an. Eine derartige Spannung zwischen Nähe und Distanz über Romanlänge aufrecht zu erhalten, ist ein komplexes Unterfangen, an dem ein weniger virtuoser Autor womöglich gescheitert wäre. McCarthy gelingt es hingegen nicht zuletzt aufgrund dieser Strategie, die bedrohlichen Klippen des Kitsches zu umschiffen, ohne dabei unterkühlt zu erzählen. Gerade an den emotionalen Wendepunkten des Romans verzichtet er nahezu vollkommen auf Kommentierungen, was dem Geschehen eine archaische Wucht verleiht. Bevor sich die Frau vom Mann verabschiedet und auf ihrem Weg in den Freitod auch den Sohn zurücklässt, heißt es im Text:

„‚Früher haben wir manchmal über den Tod geredet. Das tun wir jetzt nicht mehr. Warum wohl?‘

‚Ich weiß es nicht.‘

‚Weil er da ist. Es gibt nichts mehr worüber man reden könnte.‘“
Im unmittelbaren Angesicht des Todes gibt es tatsächlich nichts mehr zu sagen und McCarthy ist klug genug, die narrative Konsequenz aus dieser Erkenntnis zu ziehen. In einer Welt, die auf das Wesentliche reduziert ist, ist jedes Wort eines zu viel, die Sprache verliert an Bedeutung, wie es später heißt:

„Das heilige Idiom wurde seiner Bezüge und damit seiner Wirklichkeit beraubt. Zog sich zusammen wie etwas, das Wärme zu halten versucht. Und irgendwann endgültig erlöschen wird.“

Die Moral von der Geschichte

Drittens verzichtet der Roman über weite Strecken darauf, das Szenario in altbekannter Weise auszuschlachten. Die erzählte Welt dürfte dem geneigten Leser so oder ähnlich aus unzähligen anderen Werken vertraut sein, deren bekanntestes unzweifelhaft die Saga vom Dunklen Turm aus der Feder Stephen Kings ist. Während King jedoch ganz offen die Romantik der Postapokalypse beschwört, indem er seiner Hauptfigur Roland und dessen Mitstreitern messianische Züge verleiht, könnte McCarthy nichts fremder sein: Für Illusionen und Heilsversprechen ist in seinem ewigen Ascheregen trotz vielfacher Verweise auf das Alte Testament kein Platz.

Und gerade deshalb bildet die Vater-Sohn-Geschichte einen virtuosen Kontrast zur allgegenwärtigen Unmenschlichkeit, indem sie der vollkommenen Hoffnungslosigkeit der Welt eine unbedingte Liebe entgegenhält. Diese Liebe bewahrt beiden Hauptfiguren die Moral – im Gegensatz zu einem Großteil des Romanpersonals käme für sie Kannibalismus trotz Nahrungsmittelknappheit ebensowenig in Frage wie das glanzlose Raubrittertum der Endzeit, dem sich die allerorts anzutreffenden marodierenden Banden verschrieben haben.

Vom Leben und vom Tod

Die Straße zieht ihre Durchschlagskraft aus der besonderen Verknüpfung dieser Punkte: Indem die Handlung auf engstem Raum, ohne Vergangenheit und Zukunft, eine erstarrte Welt vorführt, der einzig die Liebe zwischen Vater und Sohn zu trotzen imstande ist, gerät der Text zu einem Palimpsest, in welchem sich der allgegenwärtige Tod und der unbedingte Wille zum Leben gleichermaßen übereinanderschieben.

Womit wir aber auch bei der Schwierigkeit des Textes angelangt wären: McCarthy verzichtet auf individuelle Namensgebung, genaue Lokalisierung sowie die Erklärung von Umständen und legt nicht auch zuletzt durch die bereits angesprochenen biblischen Verweise eine parabolische Lesart nahe. Eine Parabel definiert sich jedoch durch ihre Lehre, die in der Straße nur durch die Entscheidung zwischen Tod und Leben erkauft werden könnte. Und genau hier versagt der Roman, ohne näher auf das Ende eingehen zu wollen.

Dies ist allerdings ein verschmerzbarer Bruch im Angesicht eines Werks, das die elementaren Bedingungen des menschlichen Daseins gänzlich unprätentiös und damit umso schonungsloser aufeinanderprallen lässt. Definitiv keine leichte Kost, aber ein wichtiges Buch, das auch noch dem absoluten Nichts eine poetische Qualität abzugewinnen vermag:

„Im grauen Licht ging er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte, unerbittliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtende schwarze Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.“

Zum Autor der Rezension:
Wilko Steffens hat Germanistik, Linguistik und Musikwissenschaft an der Universität Bremen studiert und betreibt privat ein Literaturblog, das unter wilkosteffens.de erreichbar ist.

Cormac McCarthy: Die Straße. Rowohlt 2008

 

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Björn

Ja, auch wenn die Kritiken zu diesem Buch sehr unterschiedlich ausfallen, werde ich es mir doch jetzt mal zulegen. Die Idee klingt spannend. Die Vorstellung dieser Welt gruselig. Das Konzept besonders. Danke dafür.

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