Der Schaum der Tage – ein surrealistischer Roman

Autor: S. Benedict-Rux
26. Oktober 2013

Buch bei amazon ansehen / bestellenDer 22-jährige Colin ist vermögend und braucht daher nicht zu arbeiten. Er verbringt seine Tage mit Kultur und Vergnügungen oder aber er erfindet ein Pianocktail, das anhand der auf der Tastatur gespielten Musik köstliche Cocktails mixt. Jeden Montagabend lädt er seinen Freund Chick, der ähnliche literarische Interessen hat wie, er zum Essen ein, auch um ihn, der wirtschaftlich nicht so gut gestellt ist, zu unterstützen. Gemeinsam genießen sie dann das gute Essen, das Colins neuer Koch Nicolas gezaubert hat und reden über dies und das.
Dann lernt Colin auf einem Geburtstagsfest zu Ehren eines Pudels die schöne Chloé kennen und verliebt sich in sie. Das junge Paar heiratet schon bald mit großem Pomp. Doch schon während der Hochzeitsreise legt sich ein Schatten auf ihr junges Glück: Chloé beginnt zu husten, der Anfang einer rätselhaften Krankheit. Auch das Glück der beiden ebenfalls frisch verliebten Alise und Chick ist bedroht. Hatte Colin Chick eine hübsche Summe aus seinem Vermögen gegeben, damit er Alise standesgemäß heiraten kann, verfällt dieser mehr und mehr seiner Sammelleidenschaft: Alle Werke von Jean-Sol Partre (unschwer als Jean-Paul Sartre zu erkennen) will er besitzen, auch die Pfeife auf der ein Fingerabdruck von ihm ist und die Hose, die ihm gehörte…
All das findet in einer surrealen Welt statt, in der man das Badewasser ablaufen lässt, indem man mit dem Finger ein Loch in die Wanne drückt oder Schuhe in eine Pfütze stellt damit in Windeseile die Ledersohlen nachwachsen. Es ist eine Welt in der bisweilen zwei Sonnen um die Wette strahlen und Mäuse sprechen können,  in der aber auch Menschen ziemlich schnell und abrupt sterben. Die Leichen werden einfach weggewischt und keiner scheint wirklich davon betroffen zu sein. Das gilt besonders für diejenigen, die an eine Maschine gekettet bei der Arbeit sterben – was zählt ist offenbar nur der Produktionsausfall.
Die Umgebung der Figuren spiegelt die Situation und innere Verfassung wider. So wird Colins Wohnung mit der fortschreitenden Erkrankung Chloés und seinen verzweifelten Versuchen diese aufzuhalten immer dunkler und enger: die Sonnen verblassen, Fenster wachsen mehr und mehr zu, alles wird enger, dunkler, zeigt auf einmal Spuren von Abnutzung und Alter.
Der Roman beginnt also zunächst bunt und heiter, ein surrealistisch verfremdeter Reigen voller Überraschungen. Doch die rätselhafte Krankheit von Chloé bestimmt zunehmend das Leben der Liebenden. Nach und nach gibt Colin sein Vermögen in der Hoffnung aus, dass er seine geliebte Chloé durch die Medizin die er für sie kauft heilen kann. Chicks Sucht nach allem was von Jean-Sol Partre ist, zerstört dagegen recht bald die Beziehung zwischen ihm und Alise. Es ist eine andere Form von Krankheit, die jedoch nicht minder bedrohlich ist. Sie treibt die junge Frau zu einer Verzweiflungstat.
Die Freude am Spiel mit Worten und Bildern die einem aus diesem Buch entgegenschlägt ist beeindruckend, allein Leser die nach einem heiteren Liebesroman mit Happy End suchen seien gewarnt: So freudesprühend und lebensfroh der Roman beginnt, so trostlos und verzweifelt endet er.

Boris Vian: Der Schaum der Tage. Aus dem Französischen von Antje Pehnt. Brigitte Buch-Edition Die Liebesromane, Band 17, Lizensausgabe Gruner+ Jahr 2010

Über den Autor: Boris Vian wurde am 10. März1920 in Ville-d´Avray geboren. Der aus großbürgerlicher Familie stammende Autor erhielt seine Ausbildung in Versailles und Paris. Er war zunächst Ingenieur und fing hier bereits an, nebenbei Lyrik und Prosa zu schreiben. Jean-Paul Satre gehörte zu seinen Förderern. 1947 gab Vian seine Angestellten-Tätigkeit auf, war dann Jazzmusiker und -kritiker, Journalist, schrieb Chansons und war freier Schriftsteller. Vian starb am 23. Juni 1959.
Der Roman L´Écume des Jours (dt. Der Schaum der Tage) erschien 1946 und wurde in den 1960er/70er Jahren zum Kultbuch. Der tragische Liebesroman ist heute das bekannteste Buch von Vian.

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