Bernhard Schlink: „Die Heimkehr“

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Autor: S. Benedict-Rux
22. August 2007

Peter Debauer wächst vaterlos in einer Stadt im Nachkriegsdeutschland auf. Zu seinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Ferien, die er bei seinen Großeltern in der Schweiz verbrachte. Jedes Jahr schickte ihn seine Mutter dorthin und er genoß die ländliche Idylle, die vertrauten Tätigkeiten. Abends saßen seine Großeltern als Redakteure über den Korrekturbögen von Groschenromanen und korrigierten die Texte. Papier war zu der Zeit ein kostbares Gut und so bekam der kleine Peter die Rückseiten der Bögen als Schmierpapier zum bemalen und schreiben, verbunden mit der Ermahnung die Vorderseiten auf keinen Fall zu lesen. Natürlich hat er sie doch irgendwann mal gelesen. Er las die Odyssee des Flüchtlings Karl, der auf seiner Flucht aus Rußland allerlei Gefahren überstehen muss, bis er nach Deutschland zurückkehrt. Zuhause angekommen muss er feststellen, dass seine Frau mit einem anderen Mann zusammenwohnt und ein Kind mit ihm hat. Der Schluß des Romans fehlte allerdings, denn diese Blätter hatte Peter schon vor Beginn der Lektüre verbraucht. Was wird aus Karl? Das beschäftigt Peter eine ganze Weile, aber schließlich vergisst er die Geschichte.

Etliche Jahre später, Peter Debauer ist promovierter Jurist und Lektor eines Fachverlages, findet er die Korrekturbögen auf dem Dachboden wieder. Der Roman und sein offenes Ende faszinieren ihn aufs Neue. Er bemerkt Parallelen zu Homers Odyssee und auch das facht seine Neugier auf den Autor weiter an. Als er in einem Haus, das Haus wiedererkennt zu welchem Karl heimkehrt, beginnt er die Namen und das Leben der früheren Bewohner zu recherchieren. Dabei lernt er Barbara kennen. Sofort verbindet die beiden eine freundschaftliche Vertrautheit und bald sind sie ein Paar. Alles könnte nun gut sein, doch das wäre zu einfach. Außerdem lässt Peter Debauer die Suche nach Autor und Romanende keine Ruhe…

Die Heimkehr beginnt recht vielversprechend und auch wenn sie trotz einiger Längen gut zu lesen ist, bleibt die große Begeisterung aus. Was könnten die Gründe dafür sein?

Der Groschenroman den die Großeltern redigierten, bedient sich bei Homers großem Epos. Nachdem der Ich-Erzähler das erkannt hat, streicht er Gemeinsamkeiten und Unterschiede immer wieder heraus. Er bricht selber mehrfach zu „Irrfahrten“ auf, deckt auch die `Odyssee´ des Autors auf, der (was einen bei Bernhard Schlink nicht weiter verwundert) ein Nazi war, mehrfach seine Identität gewechselt hat und auch in der Gegenwart noch die Verantwortung für sein Tun letztlich auf andere schiebt. Die Vervielfachung der Odyssee wirkt durch die Häufigkeit ihres Auftretens wie ein intellektuelles Spiel, ein Eindruck, der durch juristisch-moralphilosophische Exkurse und die Hinweise auf Paul de Man und den Dekonstruktivismus verstärkt wird. Ist es das, was den Lesegenuß schmälert?

Was stellt der Protagonist nicht alles an, um den Autor zu finden und hinter seine Geheimnisse zu kommen – er setzt letztlich seine glückliche Beziehung aufs Spiel, riskiert seine berufliche Existenz und reist nach Amerika. Was er entdeckt ist ungeheuerlich und obwohl er sich doch soweit offenbart, als er dem Autor klarmacht, dass er sein (letztes) Spiel durchschaut hat, ist er doch nicht konsequent genug, die ganze Wahrheit selber ans Licht zu zerren. Ist man als Leser vielleicht einfach nur enttäuscht, weil der große Bösewicht zu gut davon kommt, die direkte Konfrontation ausbleibt und man nicht einmal weiß, ob er wenigstens gemerkt hat, dass er von Peter Debauer entlarvt worden ist?

Bernhard Schlink: Die Heimkehr. Roman. Diogenes 2006.

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Deine Rezi deckt sich vom Inhalt und Aussage mit meiner 🙂
Du besitzt ein sehr schönes Blog, werde jetzt öfter vorbeischauen 😀

Liebe Grüße
Heidi

Andi

Von dem Buch habe ich als Schlink-Leser noch garnichts gewusst, Danke für die Rezi!!!
Auf http://www.Der-Vorleser.com findet Ihr sogar eine ganze Ausarbeitung zum Roman Der Vorleser von Bernhard Schlink.

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