Mehr Roman als Krimi

Autor: S. Benedict-Rux
3. März 2007

Eines Tages liegt der Schäfer George Glenn tot auf einer irischen Weide – vom eigenen Spaten durchbohrt. Seine Herde will „Gerechtigkeit!“, legt die vorhandenen Talente der Schafe zusammen und versucht den Fall gemeinsam aufzuklären. Ihr Schäfer hatte ihnen jeden Tag aus Romanen vorgelesen und mit diesem „Vorwissen“ über Menschen und Kriminalermittlungen, wollen sie dem Täter auf die Schliche kommen. Das ist, ganz grob skizziert, die Handlung in „Glennkill“ von Leonie Swann.
Tiere als Ermittler in einem Kriminalroman, das ist ja nun nichts Neues, aber ausgerechnet Schafe?! Entsprechend neugierig war ich auf die Umsetzung dieser originellen Idee, hatte aber dennoch eine gewisse Erwartungshaltung.
Ja, der Schafskrimi von Leonie Swann weist Züge eines Detektivromans auf. Das Detektivteam und ihre Bemühungen den Todesfall aufzuklären stehen im Mittelpunkt der Handlung, der Leser verfolgt wie die Schafe nach Indizien suchen und wie sie daraus ihre Schlüsse ziehen. Aber letztlich ist es dennoch eher eine Nebensache, wer für den Tod des Schäfers verantwortlich ist, ein Aufhänger um daran eine Geschichte anzuknüpfen. Gewichtiger als die Auflösung des Falles sind jedoch die Schafe und ihre Sicht auf die Dinge. Es ist also die Darstellung der Eigenheiten der dieser so unterschiedlichen Schafe, ihr Welt- und ihr Menschenbild die das Wesentliche dieses Buches ausmachen. Da gibt es naive, mutige, geheimnisumwitterte Schafe. Welche die einen ausgeprägten Geruchssinn oder ein gutes Gedächtnis haben und auch einen Widder der etwas mehr Erfahrungen mit Menschen hat. Es ist amüsant die Sicht dieser wolligen Vierbeiner zu entdecken, ihre Vorstellung von der Seele, dem Leben nach dem Tod und dem Bild von Europa als einer Wiese voller Apfelbäume. Der etwas andere Blick auf die Menschen ermöglicht es, auf witzige Weise menschliches (Herden-) Verhalten zu hinterfragen. Verständnisfehler der Schafe bleiben nicht aus und so ist mach eine Interpretation der Vorgänge „haarsträubend“ komisch.
„Glennkill“ spielt auch mit literarischen Vorlagen, schon die Wahl der Namen zeigt das deutlich. Eine der Hauptermittlerinnen ist das Schaf Miss Maple, mit von der Partie ist auch der schwarze Widder Othello (nebenbei – auch in „Glennkill“ spielt ein besticktes Tuch eine wichtige Rolle) und Inspektor Holmes ist offensichtlich kein besonders begabter Detektiv.
Auch wenn am Ende ein Mord und ein Todesfall aufgeklärt sind, ist der Schafskrimi aus meiner Sicht mehr Roman als Krimi. Leser, die auf eine durchweg spannende, nach vorne treibende Handlung Wert legen, in der es im wesentlichen um die Klärung eines Mordfalls geht, dürften wohl enttäuscht sein. Atemlose Spannung gibt es hier stellenweise, die Kriminalhandlung hat aber zwischendurch auch ein paar Längen. Im letzten Teil des Romans hat die Schafherde eine neue Schäferin, die den Schafen vorliest. Wenn diese den Schafen nun ankündigt, ihnen in Kürze „Das Schweigen der Lämmer“ vorlesen zu wollen, so hat das was, könnte der Kontrast zwischen dem Thriller von Thomas Harris und dem Schafskrimi kaum größer sein.
Leser, für die ein spannender Plot nicht das Wichtigste ist, die aber Wert darauf legen mit Charme und Ironie unterhalten zu werden, können durchaus vergnügliche Lesestunden mit Leonis Swanns Schafen verbringen.

Leonie Swann: Glennkill, Ein Schafskrimi, Goldmann 2005.

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