Lebendige Geschichte – historische Romane für Jugendliche

*Dieser Beitrag enthält einen oder mehrere Affiliate Links. Kommt über einen solchen Link ein Kauf zustande, erhält der Betreiber des Literaturblogs eine Provision.
Autor: S. Benedict-Rux
16. Februar 2007

Im vergangenen Jahr hat Klaus Kordon den zweiten Band einer Trilogie vorgelegt, die die Familiengeschichte der Familie Jacobi vor dem Hintergrund einiger bedeutender Entwicklungen im 19. Jahrhundert erzählt. Der erste Roman mit dem Titel „1848“ handelte von den Erlebnissen des zukünftigen Ehepaars Jacobi in Zeiten der Revolution von 1848. „Fünf Finger hat die Hand“ spielt nun vor dem Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871. Im letzten Band plant Klaus Kordon die Zeit von 1878-1890 mit dem Verbot der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zur Grundlage des Buches zu machen.

In „Fünf Finger hat die Hand“ ist die Familie Jacobi auf fünf Personen angewachsen. Familienoberhaupt Frieder ist selbständiger Zimmerermeister, Mitglied im Arbeiterverein und ein Gegner des Krieges gegen den „Erbfeind“ Frankreich. Seine Frau Jette kümmert sich liebevoll um die Familie, verdient mit ihrer Stickerei das Schulgeld für den ältesten Sohn und wünscht sich mehr Frauenrechte. August, der 18-jährige Gymnasiast möchte nach dem Abitur Arzt werden und dann seine heimliche Liebe Nelly heiraten. Seine etwa ein Jahr jüngere Schwester Rieke ist künstlerisch begabt und würde am liebsten Malerin werden, ein Weg der ihr zu dieser Zeit als Frau nicht wirklich offen steht. Nesthäkchen Jakob, genannt Köbbe streicht nach der Schule mit seinen Freunden durch die Straßen Berlins und erlebt dort das eine oder andere Abenteuer. Eigentlich gehört auch noch „Onkel Fritz“ dazu, der in Wirklichkeit der Cousin von August und Rieke ist. Fritz ist seit dem Deutsch-Österreichischen Krieg Invalide, hat aber glücklicherweise dadurch seinen Humor nicht verloren.

Klaus Kordons Roman beginnt am siebzehnten Geburtstag Riekes – es ist der 14. Juli 1870. Am selben Tag lässt Bismarck seine Version der Emser Depesche veröffentlichen und stellt damit die Weichen auf „Krieg“. August lässt sich von der Patriotismuswelle mitreißen und meldet sich gegen den Willen der Familie freiwillig an die Front. Abwechselnd schildert der Erzähler von nun an das Leben in Berlin oder die Dinge, die August im Krieg erlebt. Hier wie dort gibt es viel bitteres und trauriges zu erzählen, aber auch Begebenheiten die von Mitgefühl, Freundschaft und dem Guten im Menschen zeugen. Der Roman erzählt die Ereignisse aus der Sicht der einfachen Menschen, lässt uns an ihren Diskussionen und an ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen teilnehmen. In Berlin ist es die Schicht des Kleinbürgertums und der armen Leute, im Feld die Sicht der einfachen Soldaten, die ihre Haut hinhalten müssen. Es geht also um die Auswirkungen der Geschichte auf den Alltag der Menschen, aber auch um die Entwicklung zweier junger Menschen (August und Rieke) die sich darüber klar werden müssen, welche (Wahl-)Möglichkeiten ihnen überhaupt bleiben und welchen Weg sie gehen wollen…

Jugendbücher mit sozialen oder historischen Themen haben oft den Fehler, dass ihre Figuren blass wirken, so als seien sie nur eben gerade soweit konzipiert worden, wie dies für die Illustrierung der gewünschten Inhalte nötig ist. Das ist bei den Figuren von Klaus Kordon nicht der Fall. Zwar beziehen auch sie sich immer wieder auf die geschichtlichen Ereignisse, auf die Ausbeutung der kleinen Leute und ihren Versuch durch die Arbeiterbewegung etwas zur Verbesserung ihrer Lage zu tun, aber sie sind nicht auf diese Funktion reduziert. Nebenhandlungen lassen sie lebendiger wirken, bringen sie uns näher und fördern damit eine Identifikation. Folge dieser vielschichtigen Darstellung der Figuren ist auch, dass das Jugendbuch sich nicht wirklich gut in eine Schublade einsortieren lässt: Historischer Roman, Familienroman, Entwicklungsroman – all das trifft auf „Fünf Finger hat die Hand“ zu und doch umfasst jeder dieser Begriffe nur einen Teil der wesentlichen Aspekte des Romans. Spannend und lebendig frisch erzählt, ist dieses Jugendbuch nicht nur für geschichtsinteressierte Jugendliche zu empfehlen, sondern auch für andere Leseratten im Alter von mindestens 12 Jahren (Verlagsangabe), eher vielleicht sogar etwas älter. In einem Nachwort erläutert der Autor die historischen Zusammenhänge, so wie sich aus heutiger Sicht darstellen. Ein Glossar, auf welches an den entsprechenden Romanstellen hingewiesen wird, erklärt kurz und verständlich im Roman erwähnte zentrale Ereignisse und historische Personen.

Klaus Kordon: Fünf Finger hat die Hand, Roman, Beltz & Gelberg 2006

flattr
Flattr this!

Hinterlasse einen Kommentar

Unsere twitter-Timeline (Literatur Blog) RSS Feed vom Literatur Blog