Zurück in die Zukunft

Autor: Gastrezension
24. Oktober 2016

Science-Fiction-Literatur von gestern zeigt, wie einst die Zukunft gesehen wurde

Buch bei amazon ansehen / bestellenVon August Werner

Rückehr der Tripods

Dem einen oder anderen werden die dystopischen Romane von John Christopher vielleicht noch ein Begriff sein. In den 70er Jahren eroberten seine dreibeinigen Maschinenwesen erst den internationalen Buchmarkt und schließlich das Fernsehprogramm. Der Brite verfasste insgesamt vier Romane um die riesigen Außerirdischen, die wie aus dem Nichts auftauchen und die Erde unterjochen. Nun ist die komplette Saga in einer limitierten und illustrierten Sonderausgabe bei Cross Cult erschienen.

Was anfangs als Kinderbuch geplant war, begeisterte zunehmend auch ein älteres Publikum und wurde zu dem, was man heute als „All Age“ bezeichnet. Eine ganze Generation fieberte mit dem jungen Helden Will, der sich in einer konformistischen Gesellschaft nicht der Herrschaft der Maschinen unterwerfen will und immer weiter in deren Heimat vordringt, dem Geheimnis ihrer Stärke auf der Spur. Wer die Schwarz-Weiß-Serie der BBC gesehen hat, der wird zudem seine Freude an den daran angelehnten Illustrationen von Timo Wuerz haben. Seine 60 Tuschezeichnungen schaffen eine eindringliche Atmosphäre, die die Phantasie beflügelt und bis zur letzten Seite in Atem hält.

„Autoren sind Schnorrer und Diebe“, schreibt Christopher im Vorwort zum zweiten Band. In seinen 2003 verfassten Anmerkungen gibt er spannende Einblicke, beispielsweise in die Entstehungsgeschichte, den Anteil seiner Verleger an den Büchern und auch woher er Inspirationen und Anleihen nahm. Dadurch kommt man dem Autor und seinen Figuren sehr nahe. Man kann ihm quasi über die Schulter schauen, wie er die Abenteuer um seinen jungen Helden damals entwarf. So wird die Kult-Serie wieder in ihrer ursprünglichen romanhaften Form erfahrbar, die einen individuellen Zugang und zahlreiche Deutungsmöglichkeiten zulässt. Für Fans sind hier einmal alle Romane in einer illustrierten Hardcover-Ausgabe vereint. Neueinsteigern bietet der Band die Chance, sich die ganze Saga an einem Stück zu verabreichen.

Who is Who der frühen SF-Literatur

Buch bei amazon ansehen / bestellenEtwas ganz Feines serviert der Golkonda Verlag aus Berlin, der sich auf unbekannte und vergessene Werke der Science Fiction spezialisiert hat. Mit der legendären Anthologie der besten Kurzgeschichten, die 1968 von den Mitgliedern der Science Fiction Writers of America ausgewählt wurden, erscheint eine Sammlung mit Kultstatus erstmals auf Deutsch. Auf rund 800 Seiten begegnen uns hier 26 klassische Erzählungen der frühen amerikanischen Science Fiction, die das Genre maßgeblich geprägt haben. Von Ray Bradbury über Isaac Asimov bis zu Arthur C. Clarke ist hier ein veritables Who is Who des Genres versammelt. Das Spektrum reicht von Highlights der 1930er Jahre (Stanley G. Weinbaum, John W. Campbell) bis zu den maßgeblichen Meisterwerken der 1940er Jahre wie Robert A. Heinlein.

Der im Februar erschienene erste Band deckt die Jahre 1934-1948 ab, der zweite (angekündigt für Dezember 2016) die Zeit von 1948 bis 1963. Dort sind Highlights der Weltraum Science Fiction (durch Cordwainer Smith oder C. M. Kornbluth) ebenso vertreten wie der Aufbruch des Genres in die Gefilde der modernen Literatur (durch Daniel Keyes & Roger Zelazny). Jede einzelne dieser Geschichten ist ein Juwel, das bis heute nichts von seinem Glanz verloren hat. Nun endlich auch auf Deutsch zugänglich, geben die Texte einen umfassenden Einblick in die frühe Welt fabulierender Zukunftsliteratur, der bisher nur über das englische Original möglich war. Es braucht keinen Roman, um Gedankengebäude zu errichten, in denen der Leser sich auch nach der Lektüre noch verliert. Diese Kurzgeschichten stellen psychologische und gesellschaftliche Fragen, die nach wie vor aktuell sind und geben Denkanstöße zu heutigen Debatten um Datensicherheit, Überwachung, digitaler Selbstbestimmung und Demokratisierung.

Als Star Wars nur eine Idee war

Buch bei amazon ansehen / bestellenJeder kennt Luke Skywalker, Prinzessin Leah, Han Solo oder Yoda. Aber bereits lange bevor die bekannte Filmtrilogie die Kinos eroberte, gab es einen Rohentwurf für das Drehbuch. Auf der Basis dieses Skripts und der ersten Zeichnungen in den 70er Jahren haben verschiedene amerikanische Zeichner einen Comic aus dem Hut gezaubert, der grafisch an die Abenteuer früher Helden wie Flash Gordon und Captain America angelehnt ist.

Auch inhaltlich ist der prägende Genre-Mix von damals eingeflossen: Western-Elemente, Naturvölker, Sagen, Städte im Orbit und natürlich die Ritter mit dem Lichtschwert. Davon gibt es einige edle und andere weniger edle, die jeweils versuchen, das viel gepriesene Gleichgewicht der Macht herzustellen. Die Jedi als ehemalige Leibwächter des Imperators werden von den neuen Machthabern, den Rittern der Sith gejagt und sind nahezu vernichtet. Ein gealterter Luke Skywalker, der interessanterweise stark an den nicht vorkommenden Han Solo erinnert, fliegt zusammen mit seinem Sohn quer durch die Galaxis und versucht (wie sollte es anders sein) das Unmögliche.
Wer wissen möchte, wie die erste Version von George Lucas‘ Krieg der Sterne aussah, der kann auf 180 rasant erzählten Seiten der Urfassung des Kult-Stoffes folgen und wird dabei an mancher Stelle schmunzeln müssen. Denn manchmal erkennt man, was die ursprüngliche Idee einer Figur oder eines Handlungsstranges war und kann diese mit der letztendlichen Umsetzung in den Filmen vergleichen. Dafür zeigt ein 40-seitiger Anhang die Entstehungsgeschichte des Stoffes, die ersten Artworks für die Star Wars Filme sowie Skizzen und Variantcover für den neuen Retro-Comic. Damit bietet der Hardcover-Band einiges an Insiderwissen und eine ganz neue Story im Star Wars Universum.

John Christopher: Tripods. Die dreibeinigen Herrscher. Die komplette Saga. Limitierte Sonderausgabe mit Illustrationen von Timo Wuerz. Cross Cult 2016. 399 Seiten. [D] 39 Euro.

Robert Silverberg (Hrsg.): Science Fiction Hall of Fame 1. Die besten Storys 1934-1948. Golkonda 2016. 408 Seiten. [D] 18,90 Euro.

George Lucas / Jonathan Rinzler / Mike Mayhew (Zeichner): The Star Wars. Die Urfassung. Panini 2014. 224 Seiten. [D] 24,99 Euro.

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