Ein Ritter in einer Fantasy-Welt

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Autor: S. Benedict-Rux
17. Juni 2007

Der mehrfach mit dem World Fantasy Award ausgezeichnete Autor Gene Wolfe ist für seine ungewöhnliche Erzählweise bekannt. In der Tat ist auch der erste Band der 2006 auf deutsch erschienenen Mythgarthr-Saga außergewöhnlich, auch wenn der Autor auf bekannte und bewährte Fantasymotive zurück greift.

Ein Teenager gerät auf einem Waldspaziergang unversehens in eine fantastische Welt mit verschiedenen, miteinander verbundenen Ebenen. Er wird von einem Einsiedler aufgenommen, von der Königin der Moosalfar (in die er sich verliebt) mit einem starken Männerkörper ausgestattet und zum Ritter geschlagen. Er zieht aus, ein heldenhafter Ritter zu werden und das sagenhafte Schwert Eterne sowie die Königin für sich zu gewinnen.

Was sich in der Inhaltsangabe nach einem Fantasyroman gewöhnlicher Machart anhört, entpuppt sich beim lesen als ungewöhnlich und anspruchsvoll. Zwar begegnen dem Leser zahlreiche genretypische Figuren (Drachen, Riesen, Monster, die elfenähnlichen Alfar, sprechende Tiere und dergleichen mehr) und bekannte Konstellationen, wie etwa die Suche nach einer magischen Waffe und die durch Tore miteinander verbundenen Welten. Wolfe überrascht aber immer wieder, z.B. mit eher untypischen Einfällen. Zudem berichtet der Erzähler von seinen Erlebnissen in einem Brief seinem in Amerika zurück gebliebenen Bruder Ben. Der junge Held, der sich in diesen Parallelwelten Able of the High Heart nennt, lässt seinen großen Bruder dabei tief in seine Gedanken und Gefühle blicken und offenbart dabei, dass er bei der Verwandlung durch die Königin nur körperlich und nicht in gleichem Maße seelisch-emotional gereift ist. Dies wird nicht nur in seinem Reden und Handeln deutlich, es wird von Able selber als Schwäche empfunden und thematisiert. Im Vergleich zur Darstellung von Gedanken und Motivation des ehrlichen Helden nehmen Kämpfe einen relativ geringen Raum ein. Sie sind in Mythgarthr und den anderen Welten zwar ein probates Mittel zur Durchsetzung eigener Ansprüche und Ziele, werden aber nicht sehr ausführlich geschildert, manchmal sogar ausdrücklich ausgespart. Im Vordergrund bleibt die Entwicklung von Sir Able of the High Heart zu einem tapferen und heldenmütigen Ritter. Die Ich-Perspektive hat weiterhin Auswirkungen auf die Sprache. Dem Charakter entsprechend ist „Der Ritter“ vielfach in einer einfachen Sprache geschrieben, die gut zu einem Jungen passt. Folgerichtig scheint zunächst auch, dass dem jungen Able die Übersicht über die Geschehnisse fehlt und die Fähigkeit das Geschehen in den Zusammenhängen darzustellen. Doch die zahlreichen chronologischen und inhaltlichen Lücken und Sprünge führen dazu, dass der Leser im ersten Teil des Buches schwer in die Geschichte findet. Wer die Mühe nicht scheut findet im zweiten Teil eine deutlich flüssiger zu lesende Rittergeschichte, in welcher Sir Able of the High Heart sich in seinen verschiedenen Abenteuern weiterentwickelt. Der Fantasyroman spielt hier in  großen Teilen in Mythgarthr, der Welt in der die Menschen leben und die viele Parallelen zum irdischen Mittelalter aufweist.

Am Ende des Romans bleiben viele Fragen offen, viele Anspielungen ungenutzt. Das kann einen sicher dazu animieren auch den zweiten Band zu lesen – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man sich mit der Lektüre nicht allzu schwer getan hat. Denn eines bleibt anzumerken: „Mythgarthr“ ist deutlich anspruchsvoller als der Fantasy-Durchschnitt und erfordert mehr Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen. Der Roman ist daher für Leser die eine eingängige Lektüre bevorzugen weniger geeignet.

Gene Wolfe: Der Ritter – Mythgarthr 1, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski, Klett-Cotta 2006.

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