Cornelia Funke: Tintentod (Band 3 zu Tintenherz)

Autor: S. Benedict-Rux
4. Oktober 2007

Vorhang auf! Blättern wir also das dunkle Vorsatzpapier um und treten ein in die Fortsetzung der Geschichte um Bücher, Leser und Dichter:

Elinor sitzt mit Darius in ihrem Haus. Meggie, Resa, Mo – sie alle sind in der Tintenwelt. Ja selbst Orpheus ist nun dort und hat seinen Hund Cerberus und den Schrankmann in ihrem Haus zurückgelassen. Die Büchernärrin verzehrt sich nach ihrer Familie und nach der Tintenwelt.

Mo dagegen füllt mehr und mehr die Rolle des Eichelhähers aus. Tagsüber versteckt er sich mit Meggie und der schwangeren Resa auf einem einsamen Hof. Nachts versucht er zusammen mit dem Schwarzen Prinzen und seinen Männern die Bevölkerung vor den Soldaten zu schützen. Das heißt also, die Ernte oder die Kinder zu verstecken und immer wieder zu kämpfen. Allmählich empfindet er Furcht vor dieser Verwandlung. Und nicht nur er – denn auch Resa und Meggie spüren die Veränderung.

Orpheus versucht sich die Tintenwelt nach seinem Geschmack umzuschreiben. Er liest sich Reichtümer und „verbesserte“ Tintenwelt-Wesen, während Farid darauf wartet, dass er endlich die Worte schreibt und liest, die Staubfinger wieder lebendig werden lassen. Dafür hatte Meggie ihn doch in die Tintenwelt gelesen…

Auch im Abschlußband der Tintenwelt ist für Spannung gesorgt: Entführungen und Rettungen in letzter Minute, gewitzte Fieslinge und üble Verräter. Viele vertraute Gestalten findet man in „Tintentod“ wieder, aber es kommen auch ein paar neue hinzu. Natürlich haben die Geschehnisse der Tintenwelt die Hauptfiguren verändert und manch einer zeigt eine dunkle Seite, die vorher noch nicht sichtbar war. Viele `Autoren´ schreiben an dieser Geschichte mit: Dichter Fenoglio, `Mondgesicht´ Orpheus und natürlich auch die Tintenweltbewohner selbst. Und so weiß man nie genau, wie es weitergehen wird, wessen Worte Wirklichkeit werden und wie sich das auf den weiteren Verlauf auswirken wird. Ohne allzu viel zu verraten kann man sagen, dass der Schluß letztlich doch anders aussieht, als man zu Beginn des Buches vermuten kann. Ein kluger Schachzug der Autorin ist es, die letzten handlungsverändernden Worte nicht zu offenbaren. So ist die Geschichte beendet und doch offen: das Bedürfnis nach einem sinnvollen Abschluß ist gestillt und lässt doch zu, dass der Leser die Geschichte für sich weiterspinnt. Im Schlußbild, nett gemacht, kann er seine eigene Sehnsucht gespiegelt sehen.

Wie zu erwarten wird „Tintentod“ im Feuilleton recht unterschiedlich bewertet. Von starker Kritik bis zur positiven Rezension ist alles vorhanden. Nicht zu Unrecht weist z.B. Cornelia Geissler in der Berliner Zeitung  auf Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ und Michael Endes „Unendliche Geschichte“ hin. Auch Calvino spielt damit, wie Literatur die Leser hineinzieht, wie Wirklichkeit und literarische Fiktion verschwimmen. Aber er reißt den Leser immer wieder aus den jeweiligen Geschichten raus und lässt dadurch viele nicht entsprechend `literarisch sozialisierte´ Leser entnervt und frustriert zurück – ein Buch mehr zum intellektuellen Vergnügen erwachsener Leser, denen das Spiel mit dem Leser gefällt. Größere Nähe scheint zur „Unendlichen Geschichte“ zu bestehen, doch Cornelia Funke geht weiter als Michael Ende. Ihre Tintenwelt-Trilogie ist durch die Verwebung mit realen existierenden oder fiktiven Büchern erheblich komplexer und lässt sich dadurch vielschichtiger lesen. Man kann sie als fesselnde, farbige, verzaubernde Geschichte ebenso lesen, wie als intertextuelles Werk mit unzähligen mehr oder minder deutlichen Bezügen. Wenn man will, kann man auch den von ihr angelegten Pfad weitergehen und gelangt zu der mittelalterlichen Vorstellung von der `Welt als Buch´ die Balbulus dem Illuminator vielleicht überhaupt nicht fremd ist. Mo und Meggie scheinen jedenfalls durchaus in Betracht zu ziehen, dass die Welt aus der sie stammen vielleicht auch nur ein Buch ist. Man kann sich aber auch einfach nur in die Geschichte hinein fallen lassen. Und auch dann bleibt Cornelia Funkes Tintenwelt ein lebendiges, verzauberndes, ein beachtliches Werk!

Cornelia Funke: Tintentod. Mit Illustrationen der Autorin, Cecilie Dressler Verlag 2007

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