Von Männern, die keine Frauen haben

*Dieser Beitrag enthält einen oder mehrere Affiliate Links. Kommt über einen solchen Link ein Kauf zustande, erhält der Betreiber des Literaturblogs eine Provision.
Autor: S. Benedict-Rux
8. Januar 2015

Murakami überzeugt auch in der Kurzform

Von Haruki Murakami, welcher im Herbst 2014 mit dem Welt-Literaturpreis ausgezeichnet worden ist, sind im vergangenen Jahr gleich zwei Bücher im DuMont Buchverlag erschienen. Dem Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, der zu Beginn des Jahres veröffentlicht wurde, folgte im Herbst ein Erzählband mit sieben Erzählungen. Von Männern, die keine Frauen haben ist der Titel des Bandes, der zugleich auch das Thema vorgibt.
Gemeinsam ist den meisten der männlichen Hauptfiguren, dass es in Ihrem Leben einen Schmerz oder eine Einsamkeit gibt, die aus dem Verlust einer Frau oder dem drohenden Verlust herrührt. Die jeweiligen Frauen sind oft gerade in der Leerstelle, die sie im Leben der Männer hinterlassen, besonders präsent. Ein älterer Schauspieler gesteht seiner wortkargen jungen Chauffeurin, die Nähe zum vermutlich letzten Liebhaber seiner verstorbenen Frau gesucht zu haben, ein Mann erhält des nachts einen Anruf, dass eine frühere Geliebte (es ist schon die dritte) sich selbst getötet hat, ein Lebemann in den Fünfzigern, der sich versehentlich ernsthaft verliebt und daran zugrunde geht oder ein Ehemann, welcher früher von einer Dienstreise zurückkehrt und seine Frau in flagranti mit einem befreundeten Kollegen erwischt.

Buch bei amazon ansehen / bestellenMit dem Verschwinden der Frauen geht anscheinend auch der Verlust einer zarten Vorstellung von Liebe einher und die Melancholie hält Einzug, die Sehnsucht nach dem „Westwind“, der auch für die noch nicht abgeklärte Sehnsucht junger Männer nach dem unbegreiflichen weiblichen Wesen zu stehen scheint. Anders der junge Kitaru, der vielleicht gerade aus dem Grund diesen einen Schritt in der Beziehung zu seiner langjährigen Freundin nicht zu gehen wagt, vielleicht aus Angst diese Vorstellung zu verlieren, und stattdessen ein Date zwischen seiner Freundin und einem Freund, dem Ich-Erzähler, arrangiert.

Der verliebte Gregor Samsa

Einen besonderen Platz in dieser Sammlung hat die Erzählung Samsa in Love, in der der Preisträger des Franz-Kafka-Literaturpreises 2006 auf Kafkas berühmte Erzählung Die Verwandlung anspielt. Anders als im Original, in dem der junge Gregor Samsa eines Tages als Käfer aufwacht, wacht hier offenbar der Käfer als Gregor Samsa in einem menschlichen Körper auf. Der junge Mann, noch unsicher in dem Körper und der Rolle als junger Mann, verliebt sich in eine junge bucklige Frau. Gerade auch der in der menschlichen Welt als Behinderung angesehene Buckel, der ihn wohl unterschwellig an die Rundung eines Käferrückens erinnert, scheint warme Gefühle (auch körperlicher Natur) in ihm auszulösen. Und wo die Helden der anderen Erzählungen angesichts des Verlustes in Melancholie versinken, ist hier einer, der hoffnungsvoll auf die Wiederkehr der Frau hofft, die Aufruhr in ihm verursacht. Der Autor dreht die Erzählung Kafkas zum Teil um, zum Teil spinnt er sie unabhängig vom Kafka-Text in seinem Sinne weiter.

Murakami weiß in seinem ganz eigenen, unverwechselbaren Ton Geschichten zu erzählen und die Erwartungen der Leser zu lenken. Dies gelingt ihm auch hier, wenngleich nicht alle Erzählungen in gleichem Maße überzeugen.  Meist bewegen sich die Erzählungen dieses Bandes auf realistischem Boden, nur bei „Kinos Bar“ und „Samsa in Love“ driften sie deutlich ins Surrealistische ab. Die Erzählung Scheherazade könnte man vielleicht ebenfalls dazu zählen, da sie bisweilen schillert.

Insgesamt ein lesenswerter Band, in dem Murakami auch in der kurzen Form überzeugt!

Zum Vormerken: Für den 20.05.15 ist im DuMont Buchverlag die Veröffentlichung von zwei bislang außerhalb Japans nicht erschienenen Frühwerken des Bestseller-Autors geplant. Der Titel des geplanten Buches: Wenn der Wind singt/Pinball 1973. Zwei Romane.

Haruki Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
DuMont Buchverlag 2014
254 Seiten, ISBN 978-3-8321-9781-0

flattr
Flattr this!

1
Hinterlasse einen Kommentar

Um den Namen kommt man nicht herum. Werde ihn doch mal lesen müssen.
gruß
Terence

Unsere twitter-Timeline (Literatur Blog) RSS Feed vom Literatur Blog