Märchen für Erwachsene: „Das Mädchen, das die Welt veränderte“

Autor: S. Benedict-Rux
5. Dezember 2017

Buch bei amazon ansehen / bestellenDas Märchen von Alfonso Pecorelli beginnt mit einem positiven Eingangsbild. Doch schon nach wenigen Sätzen wird es jäh zerstört. Auf dem wunderschönen Planeten Erde, der eigentlich Wasser und Nahrung für alle bietet, stirbt nämlich die achtjährige Marie. Denn das Mädchen wurde auf dem weniger begüterten Teil der Erde geboren und ist krank. Sie wird von derselben unheilbaren Erkrankung dahingerafft, die schon ihre Eltern getötet hat. Bei ihr ist ihr geliebter Großvater, der ihr nach altem Brauch in ihrer Todesstunde die eine Frage stellt.

Nach ihrem Tod erwacht Marie in einer Traumlandschaft, wo sie auf einen seltsamen alten Mann trifft, der sich von ihr Elvis nennen lässt. Er sei „alles“ und der Ort an dem sie sich befänden sei „jederzeit“ erklärt Elvis dem erstaunten Mädchen. Marie sei der erste Mensch seit Urzeiten gewesen, der die richtige Antwort auf die Frage wusste, bemerkt er. Da die Menschen sie dennoch hätten sterben lassen, sei es nun wohl unvermeidlich, dass die Erde und die Menschen zerstört würden. Als er ihre Trauer darüber sieht, gibt er den Menschen noch eine Chance. Marie soll durch Zeit und Raum reisen und einen Menschen suchen, der die Frage richtige beantworten kann. Gelingt ihr dies, so will er die Menschen verschonen.

Und so reist die kleine Marie zusammen mit einer magischen Blume,  besucht Philosophen, Wissenschaftler und Entdecker verschiedener Epochen auf der Suche nach derjenigen Person, die reinen Herzens die eine entscheidende Frage richtig beantworten kann. Dazu gehören neben anderen Platon, Thomas von Aquin, Kant, Rousseau, Darwin und Freud, allesamt Männer wie schon Marie gegenüber ihrer Begleiterin bemerkt. Und überall wiederholt sich mehr oder weniger dasselbe Prozedere. Das ist ein bisschen eine Schwäche des Buches, zumal schnell ist klar, dass keiner dieser großen Männer die richtige Antwort wird geben können. Allein Antoine de Saint-Exupéry, der mit dem kleinen Prinzen auf der Tragfläche davon fliegt, scheint zumindest dicht dran zu sein. Doch er spricht die Antwort nicht aus. Trotzdem treibt den Leser die Frage, wie den letztlich die eine wichtige Frage und ihre Antwort überhaupt lauten weiter durch das Märchen.

Das dämonische Böse

Schließlich trifft die kleine Heldin in dem Märchen auch mehrmals das personifizierte Böse in Gestalt einer historischen Person. Deren Gräueltaten sind zweifellos ungeheuerlich, da gibt es nichts zu diskutieren. Mag man das Buch bis dahin durchaus auch für Heranwachsende als geeignet ansehen, ist es ab da doch wohl eindeutig ein Märchen für Erwachsene.

Die Wahl einer konkreten historischen Person war überdies vielleicht weniger glücklich. Es wirkt etwas klischeehaft, wenn geschildert wird, dass schon von dem Schuljungen so eine schwarze Aura ausgehe, die alles niederdrückt. Außerdem mag es dazu verführen, zu denken, dass mit seinem Tod das Böse verschwunden sei.

Die Buchcharaktere, allen voran Marie und Elvis, sind teils sehr liebevoll und plastisch mit Worten gezeichnet. Unterstrichen wird diese Wirkung noch durch die sehr schönen realistischen Innenillustrationen von Jan Reiser. Besonders die sympathischen Figuren überzeugen mit der heiteren und ruhigen Ausstrahlung.

Das Mädchen, das die Welt veränderte ist trotz dieser Schwächen durchaus lesenswert. Vielleicht weckt das Märchen durch die Nähe zum kleinen Prinzen (und in gewisser Weise auch zu Momo) einfach Erwartungen, die es dann nicht vollständig erfüllen kann…

Alfonso Pecorelli: Das Mädchen, das die Welt veränderte. Illustrationen von Jan Reiser. Verlag Riverfield 2017
ISBN 978-3-9524640-7-6

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