Das Büro als Bühne

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Autor: Ernst Stöckmann
5. April 2012

Eine neue Anthologie zum Angestelltenthema bei Robert Walser öffnet den Vorhang für ein poesiereiches Stück Alltag

Buch bei amazon ansehen / bestellen  Robert Walsers vielgestaltige Dichtungen zur Büroarbeitswelt entwerfen eine literarische Soziologie des Angestellten, dem es in einer durchrationalisierten Arbeitswelt (‚Büro‘) immer wieder vor allem um Eines geht – Selbstbehauptung gegenüber entfremdeter Tätigkeit. Die ebenso schlag- wie friedfertigen Helden Walsers reihen sich damit in eine lange Tradition der Angestelltenliteratur ein, die anschlussfähig ist bis in unsere Tage.

Das Leben der Angestellten: In der Literatur beschränkt es sich nicht aufs Abstrampeln für die Karriere

Einer landläufigen Vorstellung nach könnte man meinen, das Leben der Büroangestellten sei in der Literatur so trist abgebildet wie in der Wirklichkeit wohl vielfach durchlebt. Und diese Angestelltenspezies selbst: alles in allem unspektakulär, arbeitsam, karrierewillig, und natürlich opferbereit. Mit Überstunden an ihrem ‚bureau‘ (französisch für Schreibtisch) sitzend, hungernd nach nichtentfremdeter Tätigkeit, nach Licht, Luft und Sonne. Fiebernd nach bildschirmfernen Pausen der Freiheit, in denen die Unlust an einer kafkaesk verfassten Wirklichkeit für einen Moment in Zigarettenrauchschwaden aufgeht, Hamsterradgefühl. Wieviel Vorstellungen von freiheitsbeengender Fron-Arbeit passen heutzutage eigentlich in ein Büro?

So könnte es sein mit dem Angestelltenleben, das in weitgehend mechanischen Betriebsabläufen alltäglich zu kämpfen hat mit genereller Bürokratie und speziellen Bürokratismen, unvermeidlicher Funktionalisierung und Rationalisierung. Die Wirklichkeit der Angestellten-Literatur hingegen, sie sieht anders aus als beklagenswert grau, zum Glück. Denn sie betont, mit stets entfremdungskritischem Nerv, nicht (nur) die Niederlagen, nicht (nur) die Abhängigkeiten.

Buch bei amazon ansehen / bestellen  Noch das jüngste Beispiel in der langen Literaturtradition zum Thema lässt das erkennen. In Thomas von Steinaeckers kürzlich für den Leipziger Buchpreis nominierten Angestelltenroman „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ ist die Protagonistin eine gut verdienende höhere Angestellte, die sich den Büroalltag mal mit ehrgeizigen Selbstevaluationen, mal mit kollegialem Schnellsex entlangweilt – bis die Grenzverwischung zwischen Realitätssinn und Phantasiewelt auch ihr Anpassungskalkül unterläuft. Nichts hier von entstelltem Leben durch Anstellung, kein schnöder Protest im postmodern Literarischen gegen die vielzitierte Entpersönlichung durchs Büro, die eigentliche Tristesse verliert sich.

Die Einführung des Angestellten-Themas in die Literatur der Moderne beginnt gesellschaftskritisch

Der Blick in die lange Literaturtradition des Angestelltenthemas zeigt, wie umfangreich der Wandlungsprozess ist – von der Poesie der kleinen Hilfsbuchhalter der vorindustriellen Moderne hin zur Literatur des Großraumbüro-Angestellten der Postmoderne. Bevor Italo Svevo, Erich Kästner oder Franz Kafka ihre klassisch gewordenen Akzente setzten, hatte die anhebende Moderne des 19. Jahrhunderts die Büroarbeitswelt des kleinen Mannes literaturfähig gemacht und die Kritik an einer zunehmend durchrationalisierten Arbeitswelt literatur-soziologisch am Büropersonal differenziert durchgespielt: Herman Melville und Nikolai Gogol etwa, Leo Tolstoi und Charles Dickens, Wilhelm Raabe, und, noch immer zu wenig bekannt, Georg Weerth. Ihre stillen Helden sind: blutjunge Schreiber und Kopisten im Comptoir, kleine Beamte in der Amtsstube, Hilfsbuchhalter, Angestellte und Lehrlinge bei Banken. Sie alle sind dazu geschaffen, das Verhältnis von Herr und Knecht aus der Sicht der Hinaufschauenden zu zeigen, den Spieß der hierarchischen Unterlegenheit umzukehren. Scherz, Satire und Ironie, die beliebtesten Verfahren in dieser Gattung, sie erzeugen aus der öde-beklemmenden Büroluft jeweils eine brustweitende Atmosphäre der Heiterkeit, ja des Übermuts. Und des Protests – gegen die wirtschaftskapitalistische Aufhängung des Angestelltenverhältnisses als solches.

„Eine Bühne! Ein kahles, peinlich sauberes Bureau.“ (R. Walser: Der Commis)

Von Walsers literarischen Beiträgen zum Angestelltenthema, die jetzt in einer neuen Anthologie versammelt sind, kann man zum allermindesten das erwarten: Die Aufrechterhaltung der humoristischen Traditionslinie mit ihren Gestalten von heiterem Tiefsinn. Seine schnörkelreichen Dichtungen – sie scheinen geradezu prädestiniert dafür, dem angestellten Blick von unten die höheren Weihen des überlegenen Humors an die Seite zu stellen. Und sie führen stets so zielsicher ins Phantastisch-Übersteigerte, Heiter-Satirische, Worterfinderisch-Skurrile, dass noch ihr Zeitdiagnostisches und Bekrittelndes wohltuend poetische Grundzüge trägt. Bürotristesse? Fehlanzeige.

Für die jüngst als Insel Taschenbuch edierte Anthologie „Im Bureau“ haben die Herausgeber Reto Sorg und Lucas Marco Gisi insgesamt zwanzig kurze Texte und Skizzen (Prosastücke, Dialogszenen und Gedichte) versammelt, die Robert Walser zwischen 1897 und 1931 zum Thema verfasst hat. Die Suhrkamp-Werkausgaben einschließlich der legendären Mikrogramm-Texte „Aus dem Bleistiftgebiet“ dienten für die thematische Textzusammenschau dabei als Magazin. Womit sich nun eine weitere Schlüssellochperspektive in den Walserschen Werkkosmos eröffnet, abgerundet durch einen übersichtlich gehaltenen Kommentarteil. Prädikat: Lohnenswert für die Neu-Gierigen der Walserschen Artistik, bereichernd für ihre Liebhaber.

Komödie, nicht Tragödie. Selbstbehauptungslust, nicht Karrierefrust. Walsers Bürohelden

Die faktische Enge und öde Betriebsamkeit der Bürowelt hatte der junge Robert Walser als Banklehrling (Bern), Commis (Basel) und Bankangestellter (Zürich) selbst kennengelernt. Schon der vierzehnjährige Gehilfe wusste sich – von 1892 bis 95 dauerte Walsers Ausbildung zum Bankangestellten – selbst zu helfen, diente nicht nur den Herren des Comptoirs, sondern, weit willfähriger, der Poesie. Wie die scheiternden oder obsiegenden Bürohelden des vorliegenden Bandes schlug Walser im laufenden Angestellten-Betrieb dichterische Funken, fand er das Gegenstück zur entzaubert-entzaubernden Arbeitswelt. So schienen sich Büro und Dichterexistenz einander zu bedingen oder schlossen sich nicht kategorisch aus. Noch als freier Schriftsteller in den zwanziger Jahren empfand Walser sich als Angestellter – des Literaturbetriebs.

Viel biographische Substanz steckt also auch in den vorliegenden Texten Walserscher Angestelltenwelt. Der Büro-Bühnenraum erweist sich nicht als ein Versuchsgelände stromlinienförmiger Karrieristen, sondern als ein Ort der Selbstbehauptung für Typen der verschiedenartigsten Couleur – immer erpicht auf die Erhaltung ihres Eigensinns. Die Chefs, die Kontrahenten, erscheinen so menschlich wie ihre Untergebenen, sie sind Bürohengste, aber keine bürokratischen Monster. Und die Angestellten, die Commis und Schreiberlinge, sie werden in Walsers launigen Poesien nachgerade nobilitiert zu den vorbildlichen, den höchst ehrenwerten Menschen.

Da ist zum Beispiel Helbling, der bei Chef Hasler angestellte „Trägling“, dem das mechanische Tun gegen den Strich geht und der in seinem Bett an neuen Lügenmärchen fürs Zuspätkommen arbeitet; im Büro angekommen, achtet er auf ein einkömmliches Arbeitspensum: „Er prügelt in Gedanken die Minutenzeiger tot.“ („Ein Vormittag“, „Helbling“). Womit er sich zu jenen tüchtigen und „stolzen“ Seelen zählen darf, die der Erzähler als die wahren Bürohelden etabliert: schüchtern und arbeitsam, sanftmütig und still heldenhaft, mit Phantasiewelten beschäftigt. Helbling oder Germer oder Glauser, kaum zwanzigjährige Bürschchen alle, zeichnet Walsers kurzweilige Kurzprosa als wahre Philosophen mit Affinität zum „Poetenleben“, wie der gleichnamige Text es skizziert. Sie alle haben vermöge ihrer geduldigen Natur „das Talent, Gedanken an Gedanken zu reihen, Einfall an Einfall, Blitzidee an Blitzidee (…) und so sollte es nicht vorwärtsgehen?“ – Wobei ‚vorwärts‘ für diese Federkauer stets meint, höchst bedächtig zu Werke zu gehen: gezielte Langsamkeit ist eine der wirkungsvollsten Arten, sich gegen die Vereinnahmung durch Beschleunigungsprozesse zur Wehr zu setzen. So wird aus einem langweiligen Büromontag ein komisches Stück über Entschleunigung, weil das Personal kunstvoll die Zeit damit verbringt, möglichst nichts zu tun („Ein Vormittag“), außer Wörter, Sätze und phantastische Gedanken in die Luft zu werfen. Wenn einer wegen notorischen Zuspätkommens und lustiger Faulenzerei aus dem Dienst fliegt, geht keine Katastrophe los, nur kein Hahn kräht mehr nach ihm („Helblings Geschichte“). Um Geld übrigens geht es bei diesen Walserschen Überlebenskünstlern so gut wie nie, allenfalls um das Gegenteil; das Schreckgespenst Armut empfiehlt eine angemessene Bescheidenheit und nichtaufrührerische Genügsamkeit („Politisirt hat er stets sanft.“) als probate Mittel für das gute Leben („Der arme Mann“).

Ein Handbuch nicht für den guten Angestellten, sondern den integren und fidelen Menschen

Als „Literarisierung des kleinen Mannes, der sich seiner (An-)Stellung bewusst wird“, haben Gisi und Sorg die erzählerisch-soziologische Leistung der Walserschen Angestellten-Phänomenologie im Nachwort der vorliegenden Ausgabe treffend charakterisiert. Nach der Lektüre von Texten wie „Der Commis“, „Das Buebli“ oder „Der Gehilfe“ weiß der Leser, was der „stolzen Seele“ eines Kontoristen sein rhetorisches Büro-Heldentum so versüßt: das redegewandte Sich-Behaupten im so langweiligen wie bühnenreifen Büroalltag, das aufmerksamkeitsfördernde und eigensinnige „Ausfaulenzen“, die mutwillige Tagträumerei gegen alle betriebserforderliche Beschleunigungshektik, das wortakrobatische Verballhornen von Vorgesetzen oder auch und nicht zuletzt ein wahrhaft genüssliches, Tristesse-bemeisterndes Zeittotschlagen. Zwar hat der Erzähler der Walserschen Texte ein Vademekum gegen das Fronartige lohnabhängiger Arbeit nicht expressis verbis formuliert. Zwischen den Zeilen der gauklerisch-skurrilen Reden der Büroangestellten Glauser oder Helbling schimmert es allerdings deutlich durch. Wer so protestiert dagegen, „vermontaget“ zu werden; wer bereit ist, ‚im Geist Karriere zu machen‘ statt realiter, oder wer ‚gern gehorcht und sich leicht widersetzt‘, hat wohl gute Voraussetzungen, um zu den würdigen Walserschen Angestellten-Seelen zu gehören und ihren Trumpf auszuspielen: Jenseits von Rebellion oder Gehorsam „äußerst verwandlungsfähig“ zu sein. Darauf kommt es an im Leben. „Und wenn er’s zu nichts bringt, so hat er doch reich gelebt: er hat gewollt!“

Robert Walser: Im Bureau. Aus dem Leben der Angestellten. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Reto Sorg und Lucas Marco Gisi, Insel Verlag 2011

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