Roman goes Comic

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Autor: S. Benedict-Rux
3. November 2008


Thomas von Steinaeckers Romandebüt Wallner beginnt zu fliegen stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2007 und gewann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Erstlingswerk. In der Tat handelt es sich bei diesem Roman um ein außergewöhnliches Werk, mit dem der Autor bewiesen hat, dass er zu außergewöhnlicher Literatur fähig ist. Grund genug also, weitere Werke diese Schriftstellers mit Interesse zu betrachten. Im September erschien nun von Steinaeckers neuer Roman Geister.

Jürgen Kämmerer hätte eine Schwester gehabt. Doch kurz vor seiner Geburt verschwand die sechsjährige Ulrike und ihr Schicksal ist ungeklärt. Ulrike geistert aber auf Fotos und in Dokumentarfilmen weiter durch das Leben der Familie. Die Eltern haben das ungeklärte Verschwinden ihrer Tochter nie verwunden und auch Jürgen leidet an der Situation. Schon als Schüler hat er eine Neigung, sich aus der Realität auszuklinken und zu phantasieren. In seinem Tagebuch führt er Gespräche mit seiner großen Schwester.

Jahre später wendet sich die Comic-Zeichnerin Cordula Maas an Jürgen. Einer der Dokumentarfilme über den Fall von Ulrike hat sie dazu inspiriert „Ute“-Comics zu zeichnen und sie ist damit recht erfolgreich. Jürgen reagiert zunächst ablehnend, doch die geheimnisvolle Cordula erweist sich als hartnäckig.

„Mit jeder Stunde, so scheint es, wird seine Umgebung grauer, schließlich schwarzweiß, als flösse die Farbe der Comics wieder ab.“

Jürgen lässt sich mehr und mehr auf die Comic-Welt ein. Die Comics machen sein Leben bunter, beflügeln ihn für eine Weile. Seine Arbeit und seine Sozialkontakte werden ihm dabei zunehmend unwichtiger. Dafür wartet er wie ein Süchtiger auf die Veröffentlichung des nächsten Comic-Strips. Die bunte Welt der Comis erscheint ihm realer als die Wirklichkeit und er droht sich im „Ute“-Universum zu verlieren…

Zu Beginn des Buches fühlt man sich ein bisschen an den Wallner erinnert, denn Jürgen phantasiert sich verschiedene vergangene und zukünftige „Realitäten“ zusammen. Was davon ist „real“, was nicht? Der Autor schafft beim Leser eine Verunsicherung, die mit der Unsicherheit Jürgens im weiteren Verlauf der Handlung korrespondiert. Erfreulicherweise ist der Roman aber so konzipiert, dass der Leser recht schnell wieder den Überblick zurückgewinnt. Der Romantext wird ab dem Autreten der Zeichnerin durch eingeschobene Comic-Strips ergänzt und macht Jürgens drohendes Abgleiten in eine fikive Parallelwelt in der Lektüre wie in optischer Hinsicht augenfällig. Anspielungen und Zitate verweisen u.a. auf Comics und Filme, eine eigens eingestellte Website [Website ist zwischenzeitlich offenbar nicht mehr online / Anmerkung der Redaktion] der fiktiven Figur Cordula Maas treibt das Spiel mit der Realität auch über den Roman hinaus noch weiter. Thomas von Steinaecker erprobt auch in Geister neue Wege zu erzählen – das zweite Romanexperiment ist ihm ebenfalls gut geraten.

Thomas von Steinaecker: Geister. Mit Comics von Daniela Kohl. Frankfurter Verlagsanstalt 2008

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