Eine Legende geht baden

Autor: Gastrezension
15. August 2016

Perry Rhodan in Comic-Form

Buch bei amazon ansehen / bestellenVon August Werner

Auf der schwierigen Suche nach guter Science-Fiction kommt man, an allem möglichen obskuren Zeug vorbei, das auf den ersten Blick vielversprechend erscheint, sich aber bei näherer Betrachtung als lieblos  zusammengeschriebener Schrott ohne Unterhaltungswert und oft auch ohne konsistente Story entpuppt. Zu dieser Gruppe gehört leider auch die neue Perry Rhodan-Comicserie, die seit Ende letzten Jahres regelmäßig in Heftform erscheint. Die drei ersten Hefte sind nun in einem ersten Hardcover-Sammelband gebündelt als Comicband 1 erschienen.

Alternative zu den üblichen Superhelden?

Wer auf den üblichen Superhelden-Kram von Marvel und DC steht, wird es im Regal als willkommene Abwechslung zwischen den ewig gleichen Welten und deren Figuren empfinden. Für jene ist es praktisch egal, ob Perry Rhodan, Deadpool oder Superman draufsteht, der Inhalt aus plumper Gewalt, naiven Dialogen und immer neuen, auf den ersten Blick mächtig wirkenden Gegnern, die dann vom Titelhelden mit ein paar Tricks besiegt werden, ist derselbe. Genauso ist die erste Comicadaption der deutschen Romanserie Perry Rhodan gestrickt. Der größten Science-Fiction-Serie der Welt, die in Romanform von vielen talentierten Schriftstellern stetig fortgeführt wird, ist damit kein Gefallen getan. Die allzu sehr auf eine bombastische Grafik, bunte Explosionen, riesige Waffen und billige Erotik ausgelegte Umsetzung wird treue Anhänger des Sternenreisenden Rhodan kaum überzeugen.

Zugegeben, die Messlatte für einen Comic, der eine über 40 Jahre andauernde Erfolgsserie im neuen Medium weiterführen will, liegt hoch. Längst hat die Fantasie der Leser ein festes Bild des Perry Rhodan-Universums erzeugt, auch durch die bis heute im ähnlichen Stil gehaltenen Cover der Heftromane. Aber die neue Comic-Reihe versucht gar nicht erst, sich an diese anzulehnen und die Ästhetik der 60er, 70er Jahre aufzunehmen – leider. Denn damit wird eine echte Chance verpasst, die unverkennbare Atmosphäre der Retro-Raumfahrtabenteuer Perry Rhodans einzufangen. Stattdessen wurden Schöpfer von Marvel- oder Star Wars-Comics engagiert, um eine schlechte amerikanisierte Version der deutschen Kultreihe zu Papier zu bringen.

Plump amerikanisiert und konsequent seiner Eigenheiten beraubt

Was das einfallslose Cover des ersten Softcovers bereits erahnen ließ, bestätigt sich beim Lesen der Story. Ziemlich eindimensionale Charaktere, naive Dialoge und ein holpriger Erzählstil schicken die stereotypen Figuren durch einen langweiligen Plot. Schon die Zusammenfassung auf der Rückseite weckt nicht die allergrößte Vorfreude… „Mehr als 1500 Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan als erster Mensch  den Mond betreten und dort auf gestrandete Außerirdische traf. Seitdem hat die Menschheit die Milchstraße und viele umliegende Galaxien erkundet. Perry Rhodan und einige Weggefährten sind unsterblich geworden. Ein Geistwesen hat ihnen so genannte Zellaktivatoren geschenkt, die ihre Körper nicht mehr altern lassen. Im Jahr 3540 befehligt er das Fernraumschiff SOL mit rund 10.000 Personen Besatzung. Unter ihnen sind viele der legendären Mutanten: Menschen mit scheinbar übernatürlichen Fähigkeiten. Irgendwo im Universum gestrandet, suchen sie gemeinsam den Weg zurück zur heimatlichen Milchstraße.“

So weit so gut. Aber der Serie fehlt leider, was Erfolgsserien wie „Orbital“ oder auch „Acriborea“ der franco-belgischen Schule meisterhaft gelingt. Die Verbindung von starken, präzisen Bildern, realistischen Dialogen und einer packenden Story, die (und das gibt es bei Perry Rhodan überhaupt nicht) gekonnt moralische und philosophische Fragen thematisiert, die sich im Verlauf der Geschichte zwangsläufig auftun. So flach und stereotyp wie die Figuren hier auftreten, bekommt man mal wieder Lust sich Trash wie Flash Gordon noch einmal anzusehen – da weiß man wenigstens worauf man sich einlässt. Schade, wie ein Aushängeschild deutscher Science- Fiction derart plump amerikanisiert und konsequent aller seiner Eigenheiten beraubt wird. Kultfaktor? Fehlanzeige!

Für junge Leser ist das allerhöchstens wegen großer Dekolletés oder nackten Pobacken von Interesse. Der Story zu folgen, wird dadurch auch nicht einfacher. Und erwachsene Sci-Fi-Liebhaber werden von der Einfachheit der Geschichte, die zu sehr nach den üblichen Schemata gestrickt ist, gelangweilt bis sogar genervt sein.

Kai Hirdt, Marco Castiello, Michael Atiyeh: Perry Rhodan. Die Kartografen der Unendlichkeit. Cross Cult 2016.
ISBN 978-3-86425-835-0, 112 Seiten. [D]20,00€.Merken

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