Ruanda aus Kindersicht

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Autor: S. Benedict-Rux
29. November 2013

Buch bei amazon ansehen / bestellenDas Leben in einem afrikanischen Land zu zeigen, aus der vorurteilsfreien Sicht europäischer Kinder, die diese Welt neu entdecken: dies ist das Anliegen von Jesko Johannsen. Der Journalist, der vielfach im Ausland war und dort immer wieder die Diskrepanz zwischen der westlichen Wahrnehmung und der Realität in den jeweiligen Ländern gespürt hat, ist mit seiner Familie nach Ruanda gezogen. In seiner Kinderbuch-Reihe für Kindergartenkinder verarbeitet er die Erlebnisse und Eindrücke seiner Kinder, um auf diese Weise den Kindern hierzulande einen vorurteilsfreien Blick auf die uns fremde Kultur zu ermöglichen.

Der erste Band von „Simon in Ruanda“ handelt vom Umzug der Familie nach Ruanda. Die Geschichte setzt im Flughafen ein: Dort herrscht ein munteres Treiben, das die Kinder staunend und aufgeregt betrachten. Fast schon scheint es, als sei der fünfjährige Simon alleine zurückgeblieben, aber natürlich würden seine kleine Schwester Nora und seine Eltern niemals ohne ihn abreisen! Dann aber sind Gepäckaufgabe und Sicherheitskontrolle erfolgreich überstanden und es geht endlich los!
Nebenbei erfahren die kleinen Leser etwas über den riesigen Kontinent Afrika mit seinen 54 unterschiedlichen Ländern, über den längsten Fluss der Welt, ja, und natürlich auch über Ruanda und seine Hauptstadt Kigali, in der Simon und seine Familie leben werden. Der Band endet mit der Fahrt vom Flughafen in der Hauptstadt Kigali zum Hotel in dem sie ihre erste Nacht in Ruanda verbringen. Doch bis sie dort sind gilt es noch ein kleines Abenteuer zu bestehen und es ist Simons wachem Auge zu verdanken, dass sie nicht Teile ihres Gepäcks verlieren. Die Reise wird dabei detailreich und konsequent aus der Sicht Simons beschrieben. Die an Kinderzeichnungen erinnernde, reduzierte Bildsprache in kräftigen Farben, die die Illustratorin Viktoria Blomén geschaffen hat überlasst die Details der eigenen Fantasie ihrer Leser und Betrachter.

Buch bei amazon ansehen / bestellenIn der Fortsetzung der Reihe, „Der Plastiktütenfußball“ ist der Name des zweiten Bandes, ist offenbar schon ein wenig Zeit vergangen und die Leser erhalten zusammen mit Nora und Simon  einen kleinen Einblick in das Alltagsleben. Eines Tages, als Simon und seine Schwester aus der Vorschule abgeholt werden sehen sie eine Gruppe von Kindern auf der Straße Fußball spielen. Als Ball benutzen sie Plastiktüten, die sie in Kugelform gebunden haben. Da es Simons dringlicher Wunsch ist, kaufen sie von einem fliegenden Händler einen „richtigen“ Ball um ihn den Kindern zu schenken. Beim gemeinsamen Spiel mit dem Ball müssen Simon und seine Familie allerdings feststellen, dass der Ball der Kinder gegenüber dem gekauften seine Vorzüge hat…
Deutlich wird hier auch wie viel unverkrampfter und selbstverständlicher Kinder aufeinander zu gehen und die Verständigung trotz unterschiedlicher Sprachen gelingt. Es ist aber beileibe kein rosarotes Bild das der Autor zeichnet, denn er nimmt die Irritationen der Kinder, dort wo sie entstehen ernst und zeigt sie auf. „Der Plastiktütenfußball“ entwickelt stärker noch als der erste Band einen Sog und weckt die Neugier, welche Abenteuer Simon noch in Ruanda erwarten.

 

Fragen an den Autor Jesko Johannsen

Das Literatur Blog hatte Gelegenheit Jesko Johannsen zu „Simon in Ruanda zu befragen:

Literatur Blog: Herr Johannsen, das Bild, welches Sie von der Bevölkerung in Ruanda zeigen unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich von herkömmlichen „Afrika-Bildern“: Der Fußball der Kinder mag auf den ersten Blick als behelfsmäßig und minderwertig wirken, erweist sich jedoch als die alltagstauglichere Variante. Gab es einen konkreten Anlass, der Sie dazu bewogen hat bewusst eine andere Perspektive aufzuzeigen?

Jesko Johannsen: Die Geschichte aus dem Plastiktütenfußball ist tatsächlich so passiert. Natürlich gibt es ein paar literarische Ergänzungen, aber ich habe sie mit meinen Kindern so erlebt. Und die Szene war die Inspiration für „Simon in Ruanda“. Gerade mal ein paar Wochen in Ruanda hat sich mein Sohn ohne Ansehen von Umgebung und Person in den Straßenfußball gestürzt. Er war einfach nur ein Junge, der mit anderen Jungen Fußball spielt. Und tatsächlich hatten wir die Kinder gesehen und einen neuen Ball gekauft – bei einem fliegenden Händler – und tatsächlich war der am Ende platt. Da habe ich gesehen, dass wir Europäer eben nicht immer alles besser wissen. Und ich habe auch verstanden, dass dieses Bild in deutschsprachiger Kinderliteratur über Afrika nicht transportiert wird. Afrika und den Afrikanern wird nicht genügend Respekt entgegengebracht. Das fängt mit dem Titel an: Afrika ist ein Kontinent und kein Land. Deshalb heißt das Buch auch „Simon in Ruanda“ und nicht „Simon in Afrika“. Inhaltlich setzt sich dieses falsche Bild fort: die Deutschen sind besser organisiert, können alles und blicken von oben auf unmündige Menschen herab. Dabei ist Afrika viel mehr als wilde Tiere, tanzende Menschen und Armut. Und besonders Kinder sehen Afrika ganz anders als wir – nämlich mit offenem Herzen und vorbehaltlos. Und dadurch zeichnen die Eindrücke eine eigene Realität. Das erlebe ich hier mit meinen Kindern immer wieder. Ich möchte die Realitäten nicht beschönigen, aber in einen realen, kindgerechten Kontext rücken, um den Kindern so nachdenken, fragen und verstehen zu ermöglichen. Kinder erleben aber auch Herausforderungen. Etwa die Szene mit Nora am Straßenrand, in der sie alle anfassen wollen und sie Schutz bei ihrem Vater sucht. Auch das ist hier oft passiert und für Kinder nicht immer leicht. Aber es ist auch kein Grund, Distanz aufzubauen.

Die Parallelen zu Ihnen und Ihrer Familie drängen sich auf. Kennen Ihre Kinder die Geschichten, erkennen sie sich darin wieder und wie reagieren sie darauf?

Absolut. Unsere Familie ist die Vorlage für „Simon in Ruanda“ und die Inspirationsquelle. Sie wissen genau, dass sie Simon und Nora sind. Mittlerweile beschweren sie sich, dass sie doch eigentlich schon älter als 3 und 5 sind. Wenn die Erzählungen sich an realem orientieren frischt das ihre Erinnerungen auf und sie erzählen, wie das damals war. Wenn die Erzählungen ins fiktive gehen, spitzen sie die Ohren und beschweren sich auch mal, wenn Simon oder Nora etwas machen, dass sie jetzt nicht so toll finden. Wenn ich eine neue Geschichte oder ein neues Kapitel im Vorlesebuch (s.u.) fertig habe, hören sie ganz aufgeregt zu und korrigieren mich auch gerne mal, wenn etwas nicht stimmt. Ich war zum Beispiel so frei, ein Erlebnis von unserer Safari in Tansania nach Ruanda zu verlegen. Das mussten sie dann erstmal akzeptieren.

Sind weitere Bände in Planung? Können Sie uns schon einen kleinen Ausblick auf kommende Themen und Titel geben?

Die Arbeit am dritten Band „Ein Freund für Simon“ hat begonnen. Das muss sie auch, denn viele Eltern sagen mir, dass ihre Kinder schon warten. Der Text ist fertig und jetzt werden die Illustrationen gemacht. Meine Illustratorin Viktoria Blomén ist wirklich mit ganzem Herzen dabei und hat meiner Meinung nach ein sehr schönes Werk geschaffen. In den ersten Monaten 2014 sollte der dritte Band erscheinen. Simon findet darin einen ruandischen Freund, der ihm einen abenteuerlich-geheimen Spielplatz in Kigali zeigt. Aber ich habe jetzt schon ein Hörbuch mit den ersten drei Bänden produziert und ebenfalls im Selbstverlag veröffentlicht: „Simon in Ruanda – Geschichten aus Afrika I“. Das Hörbuch sollte demnächst online bestellt werden können. Wer also nicht auf den gedruckten dritten Band warten kann, kann ihn zumindest schonmal hören. Und dann schreibe ich an einem „Simon in Ruanda“-Vorlesebuch für Kinder ab 6 Jahren. Das sollte bis Ende des Jahres fertig sein und dann auch im Laufe des Jahresbeginns 2014 erscheinen. Darin erlebt Simon viele neue Abenteuer: irgendwann muss er dann doch mal auf Safari, er erlebt das Landleben in Ruanda und auch, dass es doch nicht immer alles einfach ist in Ruanda, wie etwa mit Strom und Wasser – beides kann nämlich tatsächlich auch mal alle sein….

Herr Johannsen, vielen Dank für diese Einblicke!

 

Jesko Johannsen (Text) / Viktoria Blomén (Illustration): Simon in Ruanda, Band I. Die Abreise. Books on Demand 2013

Jesko Johannsen (Text) / Viktoria Blomén (Illustration): Simon in Ruanda, Band II. Der Plastiktütenfußball. Books on Demand 2013

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