Ein Mann verliert sich in der Mittelmäßigkeit

27. Juni 2007, 09:20:13

Wilhelm Genazino ist mit diversen Preisen ausgezeichnet worden, sein jüngster Roman “Mittelmäßiges Heimweh” war dieses Frühjahr für den Preis der Leipzier Buchmesse nominiert.

Hauptperson und Erzähler ist Dieter Rotmund, zu Beginn des Romans 42 Jahre alt, Mitarbeiter in einem Pharmaunternehmen. Nach Feierabend geht er häufig durch die Stadt, nichts zieht ihn in seine spärlich möblierte Ein-Zimmer-Wohnung. Am Wochenende fährt er in den Schwarzwald zu Frau und Kind. Eines Abends verliert er sein Ohr in der Kneipe, es fällt ihm einfach ab. Gespürt hat er das nicht - es tut nicht weh - aber er sieht es im Schmutz auf dem Boden liegen. Der Mangel, die Beschädigung, das sind Gefühle die Rotmund kennt. Er beobachtet seine Empfindungen, schildert sie detailliert, analysiert sie. Was er sieht befremdet ihn - keine Höhen, keine Tiefen, alles mittelmäßig. Aber seine Ehe, die darf auf keinen Fall mittelmäßig werden. Nicht? Nun ja, zu spät. Die Wochenendehe hat zu Entfremdung geführt, er verliert seine Frau an einen Liebhaber und wird geradezu aus der eigenen Wohnung geworfen.

“Schon meine Eltern waren mittelmäßig, meine Kindheit war mittelmäßig, außerdem meine Schulzeit, mein Abitur und das Studium, aber seit dem letzten Anruf steuere ich auf das Mittelmäßigste zu, was es überhaupt gibt: auf eine Scheidung.” (S. 109)

 Etwas erstaunliches passiert: Dieter Rotmund wird befördert und beginnt eine  Beziehung mit der Vormieterin seines Appartements. Können diese Geschehnisse das Gefühl der Beschädigung, ja Behinderung mindern, stoppen, gar auflösen?

Das surreal wirkende Abfallen von Körperteilen wird, wie alle seelischen Mangelerfahrungen, völlig undramatisch festgehalten und unter Verlust gebucht. Verluste, so die Auffassung des Anti-Helden, gilt es zu überwinden um so schnell wie möglich zur Normalität überzugehen. Der Roman ist gut zu lesen und plätschert in gemäßigtem Tempo vor sich hin. Am Ende gibt es noch eine kleine Überraschung.

“Mittelmäßiges Heimweh” ist nicht ganz so herausragend, wie ich das von einem preisverdächtigen Roman erwartet hätte, aber mittelmäßig ist er ganz bestimmt nicht.

Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh. Carl Hanser Verlag 2007

Kein `Höhenrausch´ aber ein kurzweiliger Frauenroman

19. Juni 2007, 22:35:04

Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy hat einen Ruf als Autorin intelligenter Frauenromane. Ihr fünftes Buch dreht sich um die Sorgen und Nöte der modernen Single-Frau über dreißig, serviert mit Selbstironie und Witz.

Linda, 35 ist Übersetzerin und vor allem frisch verlassen. Da sie nicht an jeder Ecke an ihren Verflossenen erinnert werden will, tauscht sie über die Mitwohnzentrale die Wohnung mit dem Berliner Illustrator Andreas. Ihr erstes Blind Date geht schief, da die Agentur etwas verwechselt hat. So lernt sie den homosexuellen und ebenfalls gerade sitzen gelassenen Erdal kennen, mit dem sie sich anfreundet. Eine Art von Freundschaft entwickelt sich auch zu Andreas, dem `fremden Freund´ mit dem sie in regem E-Mail-Kontakt steht. Unterschiedlicher könnten die beiden kaum sein und dennoch kann Linda sich offen mit ihm austauschen, entsteht über kleine Meinungsverschiedenheiten und das leben in der Wohnung des jeweils anderen Vertrautheit. Und dann geschieht das, womit Linda nun in ihrem Liebeskummer am allerwenigsten gerechnet hat - sie verliebt sich und das ausgerechnet auch noch in einen verheirateten Mann. Eine Affäre beginnt…

Ildikó von Kürthy schreibt amüsant und kurzweilig, greift auch auf Situationskomik zurück die bisweilen etwas komödienhaftes hat. Wir begegnen den üblichen Klischees von Figur- und Fältchenproblemen, dem Hang zum Schuhkauf, zur Red- und Gefühlsseligkeit und dergleichen mehr. Vieles wirkt überzogen und das soll es wohl auch: Frau soll sich nicht zu Ernst nehmen, sondern über die Schwächen der beiden Geschlechter schmunzeln. Man ahnt wohin die Entwicklung gehen wird, aber das stört nicht weiter, das beste an diesem Roman sind ohnehin die kleinen, oft beiläufig wirkenden Bemerkungen.

Auffällig ist das aufgelockerte Schriftbild: Lindas Briefe an den `dessen Name nicht genannt werden darf´ (Ähnlichkeiten zu Figuren bei “Harry Potter” sind nicht zufällig) sind genauso auf den ersten Blick zu erkennen, wie die Telefonate mit ihrer Freundin Silke oder die E-Mails zwischen Linda und Andreas. Hinzu kommen zahlreiche Fotos von Einrichtungsgegenständen, Artikeln oder Getränkekarten die gerade im Text erwähnt werden.

Man kann und sollte von diesem Roman keinen Tiefgang erwarten - aber leichte, angenehme Unterhaltung.

Ildikó von Kürthy: Höhenrausch, Wunderlich 2006.

Brillant-tristes Grau - der “Schwarzweißroman” (Marion Poschmann)

21. Mai 2007, 13:42:55

Der zweite Roman der insbesondere als Lyrikerin geschätzten Marion Poschmann erzählt von einer jungen deutschen Frau die, gestrandet zwischen Studium und Beruf, ihren als Ingenieur im Ural arbeitenden Vater besucht. Sie wird getrieben von einer vagen Sehnsucht und der Unschlüssigkeit, wie es weiter gehen soll. Die ungeheure Größe des schneebedeckten Landes, in welchem so vieles unwirklich wirkt, verändert die Menschen die dort leben und arbeiten - verändern auch sie.

Ihrem Roman stellt die Autorin ein Zitat El Lissitzkys voran, einem vom Suprematismus inspirierten Künstler. Hier stehen die Farben Schwarz, Weiß und Schwarz-Weiß für das Allgemeinmenschliche und das Kollektiv, die einzelnen Farben dagegen für das Subjektive, den Individualismus des einzelnen. Nur Individualismus könne Farbigkeit in den “Stahl-Beton-Kohle-Alltag” bringen, rote Farbe. Damit ist das Grundthema des Romans angeschlagen - das Verschwinden des Individuums in der weißen Weite der unwirtlichen und verseuchten russischen Landschaft ebenso, wie im deprimierenden Alltag eines grauen Lebens in grauem Beton - dem die Erzählerin zu Beginn als roter Tupfer gegenüber steht.

Die Ich-Erzählerin fliegt nach Russland, in die Stadt Magnitogorsk um ihren Vater zu besuchen. Dieser lebt und arbeitet dort, wie eine ganze Reihe anderer deutscher Experten, weitgehend von der Bevölkerung isoliert. Das Leben in der weißen und grauen Einöde verändert die Menschen. Sie versuchen sich abzulenken, trinken, stürzen sich in Beziehungen, viele verfallen in Lethargie und Depression. Auch die junge Frau spürt  sehr bald die Auswirkungen der Umgebung auf ihr Empfinden. Anfangs ist sie als Person noch etwas greifbarer, als eine junge Frau in einem roten Wollmantel, die sich auf Reisen begibt, doch das ändert sich bald. Schon gleich zu Beginn des Buches wird  in großem Stil die Farbsymbolik eingesetzt: Grau als Farbe des Ostblocks, Konturen verlieren sich im Grau, Schwärze der Dunkelheit, die weiße unendliche Landschaft und die grauen Blöcke der Häuser, anonyme gleichgültige Würfel, Quadrate und Rechtecke die nebeneinander liegen. Ihr Vater erscheint  ihr als bunter Tupfer, der allmählich die graue Farbe der Umgebung annimmt. Wenn sie selber im weiteren Verlauf als “roter Mantel” oder als Person in rotem Mantel bezeichnet wird hat sie zwar ihre Farbe behalten (auch wenn der Mantel sich zwischendurch dem Schatten der Umgebung anpasst), ist aber als Individuum weniger sichtbar und wird unpersönlicher. Am Ende des Romans verschwindet die Erzählerin zusammen mit ihrem Vater bei einem Ausflug ins radioaktiv verseuchte Sperrgebiet - Ende offen.

Verschiedene Episoden stehen nebeneinander: Einkauf im Kaufhaus, eine rein körperliche Beziehung zum Chef ihres Vaters, eine romantisch anmutende Beziehung zu einem schwerkranken Musiker. Dazwischen Ausflüge mit unterschiedlichen Begleitern, die unterschiedlichen Versuche der deutschen Experten mit der Situation fertig zu werden, gegen Ende Vorbereitungen der Reise ins Sperrgebiet. Die Ausschnitte wirken oft unverbunden, manchmal fast schon beliebig. Klischeehafte Vorstellungen von Russland werden gepflegt: Lange Schlangen, graue, Wohnblocks, Vertuschung von Atomunfällen, Mangelversorgung der Bevölkerung, Mißwirtschaft die die Baustelle lahmlegt, der Umgang mit dem zweiten Weltkrieg und seinen Helden. Gut möglich, dass es nicht nur Klischees sind - diesbezüglich kann ich mir kein Urteil erlauben.

Einziger Lichtlick  - die bildreiche Sprache, die mitunter beeindruckend ist und eine unwirkliche Atmosphäre schafft, welche dem Thema auch angemessen erscheint. Marion Poschmann türmt die Sprachbilder so stark auf, dass sie in ihrer Masse manchmal genauso erdrückend wirken, wie der ständig fallende Schnee in der grauen Stadt. Bisweilen setzt sie sie so massiv ein, dass sich die Wirkung verkehrt und wie Schaumschlägerei wirkt.

Ein zwiespältiges Gefühl bleibt zurück. Sprachlich außergewöhnlich bis brillant, widersetzt sich der Schwarzweißroman einer flüssigen Lektüre und einem tiefen Verständnis. Vieles ist rätselhaft, etliche Fragen und Zusammenhänge bleiben offen und so dürften wohl viele Leser, die nach einem Roman suchen der sie mit sich reißt, wahrscheinlich unbefriedigt bleiben.

Marion Poschmann: Schwarzweißroman, Frankfurter Verlagsanstalt 2005

Paulo Coelho: “Der Zahir”

16. März 2007, 23:56:26

Die Bücher des brasilianischen Autors Paulo Coelho sind umstritten. Zwar überwiegen in der Literaturkritik die negativen Stimmen, seine Leser machen sie jedoch regelmäßig zum Bestseller. Liegt das vielleicht daran, dass viele Literaturkritiker männlich sind, aber der größte Teil der Leser und damit Buchkäufer weiblich? Oder an den Themen, etwa dem immer wiederkehrenden Motiv der Sinnsuche und der Selbstfindung? Kritiker scheinen sich jedenfalls oftmals an der `esoterischen Weltsicht´ und am sprachlichen Stil Coelhos zu stören. Es gäbe viele Rezensionen und Lesermeinungen zu berücksichtigen und auszuwerten, bevor man zu einem Ergebnis käme, eine derartige Untersuchung würde jedoch sicherlich einige interessante Hinweise zum `Phänomen Coelho´ und vielleicht auch zu den unterschiedlichen Leseerwartungen von weiblichen und männlichen Lesern aufzeigen.

Hier soll es jetzt jedoch um “Der Zahir” gehen, dem letzten bislang ins Deutsche übersetzten Roman von Paulo Coelho. Zum Inhalt: Die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers ist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Da sie Kriegskorrespondentin von Beruf ist, ist vieles möglich: Entführung, Ermordung etc. nur eines mag ihr Ehemann nicht glauben – dass sie ihn ohne ein Wort verlassen hat. In ihrer Abwesenheit wird seine Frau Esther für ihn zur Obsession, zum Zahir. Bei einer Lesung teilt ihm ein junger Mann mit, dass es seiner Frau gut geht. Genau das, was er sich am wenigsten vorstellen konnte, scheint also der Wahrheit zu entsprechen und so macht er sich daran, zu verstehen was geschehen ist. Er versucht herauszubekommen, was seine Frau bewegt (hat) und wo sie jetzt ist. Dafür muss er sich auf neue Perspektiven und einen geduldigen Prozess der Wandlung einlassen, der ihn zuletzt zu einer weiten Reise bewegen wird.

Bevor die Romanhandlung einsetzt, werden aber zunächst eine ganze Reihe unterschiedlicher Bezüge hergestellt. Ein Bibelzitat etwa, das von dem verlorenen Schaf handelt, für das der Schäfer alles stehen und liegen lässt um es zu suchen. Es folgt ein Gedicht des neugriechischen Lyrikers Konstantinos P. Kavafis, welches die Leser auf eine lange Reise einstimmt, auf die Reise als Sinnsuche, bei der der Weg das Ziel ist. In einem `Prolog´ überschriebenen Abschnitt widmet der Autor dann den “Zahir” seiner Ehefrau Christina. Als letzter Schritt vor dem Romanbeginn folgt noch eine Textstelle, die auf eine Erklärung des Begriffes Zahir bei dem großen argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges zurückgreift. Der Erzähler wird im übrigen noch mehrfach auf die gleichnamige Erzählung von Borges zurückkommen, sie sogar zu Beginn des zweiten Kapitels zitieren. Bevor der Roman also auch nur angefangen hat, ist schon eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut worden.

Den Ich-Erzähler stattet Coelho mit zum Teil stark autobiographischen Zügen aus. Grundsätzlich ist das nicht wirklich ungewöhnlich, viele Schriftsteller greifen auf Erlebtes zurück. Warum also nicht als Ich-Erzähler einen erfolgreichen Autor erschaffen. Wenn Paulo Coelho diesem dann aber andichtet, ein Buch über seinen Jakobsweg geschrieben zu haben, eine Geschichte, in der ein Schafhirte sich auf die Suche nach seinem Traum begibt, das Stichwort “Krieger des Lichts” fällt, so kostet es Mühe den fiktiven Autor nicht mit dem realen Autor gleichzusetzen. Falls das witzig wirken sollte, so ist dieser Witz an mir vorüber gegangen. Dafür taucht dieses Vorgehen etliche Textstellen in ein merkwürdiges Licht. Etwa, wenn der Erzähler Literaturkritiker kritisiert, wenn er die Funktionsweise seiner Bücher oder seiner Weltsicht erklärt…

Über weite Strecken werde ich das Gefühl nicht los, man höre die Stimme des Autors Coelho anstatt die des Erzählers, und der Autor erkläre einem seine Bücher, lege einem dar wie der Literatur- und Kulturbetrieb funktioniert, erläutere dem Leser in welche Gefahren langjährige Beziehungen geraten können etc. Es wird in langen Gedankengängen und Dialogen zuviel erklärt und zu wenig erzählt. Die Geschichte bleibt eigentümlich blass, wirkt als sei sie nur dazu da, das Erklärte aufzulockern und könne nicht genauso gut für sich allein stehen. Hinzu kommt, dass man recht früh schon ahnt, wohin die Entwicklung gehen wird – nicht bis ins Detail natürlich, aber das macht den Roman nicht unbedingt spannend. Ich bin sicher keine passionierte Coelho-Leserin, habe aber einige seiner Bücher gerne gelesen. Der “Zahir” ist nicht ohne schöne Passagen, aber letztlich hat mich der Roman nicht überzeugt, was wohl weniger am Thema, als an der Erzählweise gelegen hat.

Paulo Coelho: Der Zahir, Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes, Erstausgabe 2005

Mehr Roman als Krimi

3. März 2007, 20:12:29

Eines Tages liegt der Schäfer George Glenn tot auf einer irischen Weide - vom eigenen Spaten durchbohrt. Seine Herde will “Gerechtigkeit!”, legt die vorhandenen Talente der Schafe zusammen und versucht den Fall gemeinsam aufzuklären. Ihr Schäfer hatte ihnen jeden Tag aus Romanen vorgelesen und mit diesem “Vorwissen” über Menschen und Kriminalermittlungen, wollen sie dem Täter auf die Schliche kommen. Das ist, ganz grob skizziert, die Handlung in “Glennkill” von Leonie Swann.
Tiere als Ermittler in einem Kriminalroman, das ist ja nun nichts Neues, aber ausgerechnet Schafe?! Entsprechend neugierig war ich auf die Umsetzung dieser originellen Idee, hatte aber dennoch eine gewisse Erwartungshaltung.
Ja, der Schafskrimi von Leonie Swann weist Züge eines Detektivromans auf. Das Detektivteam und ihre Bemühungen den Todesfall aufzuklären stehen im Mittelpunkt der Handlung, der Leser verfolgt wie die Schafe nach Indizien suchen und wie sie daraus ihre Schlüsse ziehen. Aber letztlich ist es dennoch eher eine Nebensache, wer für den Tod des Schäfers verantwortlich ist, ein Aufhänger um daran eine Geschichte anzuknüpfen. Gewichtiger als die Auflösung des Falles sind jedoch die Schafe und ihre Sicht auf die Dinge. Es ist also die Darstellung der Eigenheiten der dieser so unterschiedlichen Schafe, ihr Welt- und ihr Menschenbild die das Wesentliche dieses Buches ausmachen. Da gibt es naive, mutige, geheimnisumwitterte Schafe. Welche die einen ausgeprägten Geruchssinn oder ein gutes Gedächtnis haben und auch einen Widder der etwas mehr Erfahrungen mit Menschen hat. Es ist amüsant die Sicht dieser wolligen Vierbeiner zu entdecken, ihre Vorstellung von der Seele, dem Leben nach dem Tod und dem Bild von Europa als einer Wiese voller Apfelbäume. Der etwas andere Blick auf die Menschen ermöglicht es, auf witzige Weise menschliches (Herden-) Verhalten zu hinterfragen. Verständnisfehler der Schafe bleiben nicht aus und so ist mach eine Interpretation der Vorgänge “haarsträubend” komisch.
“Glennkill” spielt auch mit literarischen Vorlagen, schon die Wahl der Namen zeigt das deutlich. Eine der Hauptermittlerinnen ist das Schaf Miss Maple, mit von der Partie ist auch der schwarze Widder Othello (nebenbei - auch in “Glennkill” spielt ein besticktes Tuch eine wichtige Rolle) und Inspektor Holmes ist offensichtlich kein besonders begabter Detektiv.
Auch wenn am Ende ein Mord und ein Todesfall aufgeklärt sind, ist der Schafskrimi aus meiner Sicht mehr Roman als Krimi. Leser, die auf eine durchweg spannende, nach vorne treibende Handlung Wert legen, in der es im wesentlichen um die Klärung eines Mordfalls geht, dürften wohl enttäuscht sein. Atemlose Spannung gibt es hier stellenweise, die Kriminalhandlung hat aber zwischendurch auch ein paar Längen. Im letzten Teil des Romans hat die Schafherde eine neue Schäferin, die den Schafen vorliest. Wenn diese den Schafen nun ankündigt, ihnen in Kürze “Das Schweigen der Lämmer” vorlesen zu wollen, so hat das was, könnte der Kontrast zwischen dem Thriller von Thomas Harris und dem Schafskrimi kaum größer sein.
Leser, für die ein spannender Plot nicht das Wichtigste ist, die aber Wert darauf legen mit Charme und Ironie unterhalten zu werden, können durchaus vergnügliche Lesestunden mit Leonis Swanns Schafen verbringen.

Leonie Swann: Glennkill, Ein Schafskrimi, Goldmann 2005.

Roman über den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen

12. Januar 2007, 08:58:51

Mit seinem Roman “Der Dämon und Fräulein Prym” hat Paulo Coelho, Autor des Bestsellers “Der Alchimist”, eine Trilogie beendet. In allen drei Büchern verändert sich das Leben einer Frau jeweils innerhalb einer Spanne von sieben Tagen von Grund auf. Die ersten beiden Romane haben Liebe (”Am Ufer des Rio Pedra saß ich und weinte”) bzw. die Auseinandersetzung mit dem Tod (Veronika beschließt zu sterben”) als Grundthema. Thema des letzten Bandes ist der Kampf zwischen Gut und Böse, den der Mensch immer wieder mit sich ausfechten muss.
In einem halb ausgestorbenen Nest in den Pyrenäen taucht eines Tages ein Fremder auf. “Ein Tourist, der die schöne Gegend genießen will”, denken die Bewohner und irren sich. Denn der von einem schweren Schicksal veränderte Mann ist nicht gekommen um Urlaub zu machen, sondern um das Dorf stellvertretend für die gesamte Menschheit auf die Probe zu stellen: Wenn das Dorf innerhalb von sieben Tagen einen seiner Bewohner ermordet, soll es mit elf Goldbarren dafür entlohnt werden. Mit dem Gold könnte das Dorf vielleicht vor dem endgültigen Verfall gerettet werden und viele hätten ausgesorgt. Als Überbringerin dieses Angebots erwählt er Chantal Prym, die Servierin der einzigen Bar. Damit ist der Kampf zwischen Gut und Böse entfesselt - zunächst nur in Chantals Herz, aber nach ein paar Tagen in (fast) jedem Dorfbewohner. Er wird einen Verlauf nehmen, mit dem keiner gerechnet hat…
Der Autor lässt die Leser tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, versäumt es aber auch nicht die Mechanismen aufzuzeigen, die zu Entscheidungen für das moralisch Gute führen. Aus welchen Gründen handeln Menschen so wie sie es tun? Heiligt der Zweck die Mittel? Ist der Mensch gut oder böse? Wofür also werden sich die Dorfbewohner entscheiden?
Coelhos Sprache ist schlicht, aber der Autor vermag damit schwierige Themen anzupacken und lebendig darzustellen. Mag sein, dass sich diese Geschichte niemals und nirgends so zutragen könnte, aber während des lesens tauchen Zweifel auf, ob dies wirklich so ist. “Der Dämon und Fräulein Prym” ist ein weiteres lebenskluges Buch von Paulo Coelho, welches einen tief bewegt und nachdenklich zurücklässt.

Paulo Coelho: Der Dämon und Fräulein Prym, Diogenes, 2001

Daniel Kehlmanns satirischer Roman über den Kunstbetrieb

19. Dezember 2006, 18:09:44

Spätestens seit seinem 2005 erschienen Bestseller “Die Vermessung der Welt” ist Daniel Kehlmann vielen Lesern geläufig. Hier soll es um einen weniger bekannten Roman dieses Autors gehen, in welchem er einen satirischen Blick auf den Kunst- und Kulturbetrieb unserer Zeit wirft.
In dem 2003 erschienenen “Ich und Kaminsiki” plant ein eitler und bislang mäßig erfolgreicher Kunstjournalist (der Titel deutet diese Eitelkeit ja schon an), die Biographie des letzten Matisse-Schülers Manuel Kaminski zu schreiben. Er rechnet damit, dass der alte Maler bald versterben wird und er daraufhin mit seiner Monographie über den Künstler Anerkennung im Kunstbetrieb erhält. Also sucht er den alten blinden Maler in den Bergen auf, um ihn zu seiner Lebensgeschichte auszufragen. Dabei geht er ziemlich skrupellos vor, um an Kaminski heranzukommen, welcher von seiner Tochter abgeschirmt wird. Im Verlauf einer dann folgenden gemeinsamen Reise schleppt er Kaminski sogar gegen seinen Willen zu einer Vernissage in eine Kunstgalerie, weil er sich davon eine Förderung seiner Karriere erhofft. Doch der alte Maler ist nicht so hilflos wie es zunächst scheint - mehr soll hier nicht verraten werden…
Die Hauptfiguren in „Ich und Kaminski“ bieten sich nicht wirklich als Identifikationsfiguren an, zu fremd sind sie und werden mit einer gewissen Distanz dargestellt. Aber es ist sehr amüsant zu lesen, wie das Machtgefüge zwischen den beiden schillert und sich verschiebt, wie sich die Beziehung im Laufe der Reise verändert. Herzerfrischend auch, die satirische Zeichnung der „Hüter der modernen Kunst“: Galeristen, Maler, Chefredakteure und dergleichen mehr.

Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski. Suhrkamp 2003

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