“Heimweg” - der erste Roman von Harald Martenstein

27. November 2007, 12:09:44

Harald Martenstein ist als launiger Kolumnist der ZEIT etlichen Lesern bekannt. Sein Roman “Heimweg” stand auf der Nominierungsliste für den aspekte-Literaturpreis und wurde mit dem Corine-Debütpreis (Rolf-Heyne-Debütpreis) ausgezeichnet.

Joseph kommt aus russischer Kriegsgefangenschaft ins Nachkriegsdeutschland zurück. Es wundert ihn nicht wirklich, dass ihn seine Frau nicht am Bahnhof abholt, doch mit dem Anblick, den ihn bei der geöffneter Wohnungstür erwartet, hat er nicht gerechnet. Ein Mann öffnet ihm die Tür, die Pistole noch in der Hand und hinter ihm liegt Josephs Frau Katharina angeschossen auf dem Boden. Er entreisst dem  Mann die Pistole, versorgt seine Ehefrau, die daran anschließend versucht ihn zu verhaften zu lassen - eines ist schnell klar: Josephs Heimweg zurück in sein Leben fängt hier erst richtig an.

“Heimweg” schildert wie die beiden versuchen sich wieder aneinander zu gewöhnen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Joseph möchte seine Kriegserinnerungen vergessen und seine Frau wiedergewinnen, sie möchte einfach nur ihr Leben genießen und weiter  als “Schöntänzerin” in der Bar ihrer Schwester arbeiten.

Martenstein lässt Josephs Enkel erzählen, ein altklug wirkendes ganz besonderes Kind, das die Erinnerung an Joseph wachhalten will. Der Autor spielt mit dieser Rolle, lässt den Enkel das Erzählen reflektieren. Das mag wie ein Selbstzweck wirken, trifft jedoch zumindest nicht immer zu. So sagt das Erzähler-Kind, Bescheibungen seien seine Sache nicht, die fände es langweilig. Aber um sich zu erholen, seien Beschreibung gut geeignet. Dann fängt es ”seelenruhig” an, Josephs Bekleidung und Ausrüstung im Krieg zu schildern und lässt die Schilderung in der Erzählung münden, wie er einen Soldaten exekutiert und einen 14-jährigen Jungen erschießt. Der Kontrast lässt das Grauenvolle also umso stärker hervorspringen.

Harald Martensteins Roman erzählt von Verlierern im Wirtschaftswunderland, von Gezeichneten, die an ihren seelischen Wunden leiden und sich deshalb ihre eigene Realität erschaffen. Dabei schildert er auch das Komische im Traurigen, wechselt zwischen Groteske, Ironie und der Schilderung des Alltags wie des Grauens. Ein beachtenswerter Erstling!

Harald Martenstein: Heimweg, Roman. C. Bertelsmann Verlag 2007.

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Buchtipp: “Die Mittagsfrau” von Julia Franck

20. Oktober 2007, 11:35:20

Nach Kriegsende ist eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn auf der Flucht vor der Roten Armee. In einem Bahnhof steigen sie um, sie lässt ihn auf dem Bahsteig warten und sagt, dass sie gleich wiederkäme. Sie wird nicht wiederkommen. Peter, so heißt der Junge, wird umsonst auf seine Mutter warten.

Dieses verstörende Bild malt Julia Franck in dem Prolog zur “Mittagsfrau”, ein Bild das Fragen aufwirft. Von den Geschichten die an ein solches Bild anschließen können, drängen sich zwei ganz besonders auf: eine Geschichte, die erzählt wie es dazu kommen konnte oder die Geschichte,  die erzählt wie das Kind nach diesem traumatischen Erlebnis weiterlebt, weiter leben kann. Julia Franck erzählt im wesentlichen die erste dieser Geschichten.

Es ist die Geschichte von Helene, der jüngsten Tochter des Buchdruckmeisters Würsich und seiner jüdischen Frau Selma. Sie beginnt mit einer allenfalls äußerlich idyllisch wirkenden Kindheit in Bautzen. Die Mutter nimmt ihre Töchter kaum wahr, vor allem nicht die jüngste, Helene. Sie trauert den bei der Geburt verlorenen Söhnen nach. Nachdem ihr Ehemann gegen ihren Willen in den ersten Weltkrieg zieht, aus welchem er schwer verletzt und sterbend zurückkehren wird, zieht sich Selma immer mehr in sich zurück und stößt ihre Töchter zunehmend von sich. `Blind am Herzen´ nennt Helene ihre Mutter und sucht Kompensation in einer sehr engen Beziehung zu ihrer Schwester Martha. Als sich für die beiden Schwestern die Möglichkeit ergibt zu ihrer Tante Fanny nach Berlin zu ziehen, nehmen die Beiden die Gelegenheit gerne wahr. Martha arbeitet dort als Krankenschwester und stürzt sich in ihrer Freizeit ins Berliner Nachtleben. Helene hat ebenfalls Krankenschwester gelernt und würde gerne studieren, muss sich aber vorerst mit einer Stelle bei einem Apotheker zufrieden geben. Während sich ihre Schwester im Berlin der goldenen Zwanziger vergnügt, bleibt sie die ersten Jahre abends alleine zuhause und liest sich durch die Bibliothek der Tante. An ihrem neunzehnten Geburtstag darf sie erstmals mit und lernt den Studenten Carl kennen. Bald sind sie ein Paar und wollen heiraten, doch Helenes Leben wird sich nicht in der Weise entwickeln, wie sie es zu diesem Zeitpunkt hoffen darf.

Julia Franck erzählt mit einer zurückhaltenden Erzählerstimme. Sie erzählt die Mutter Selma, die trotz ihrer Ich-Bezogenheit manchmal für Augenblicke liebenswert erscheint, genauso wertfrei und kommentarlos, wie das Leben und Verhalten ihrer Tochter Helene, deren kurze und lieblose Ehe mit dem Ingenieur Wilhelm, ihren Umgang mit den Patienten, ihrem Sohn Peter, der Angst vor der Entdeckung ihrer jüdischen Herkunft. Die beiden Frauen erscheinen dennoch als Opfer der Verhältnisse und des Schicksals. Helene verstummt, zieht sich ebenfalls zurück, wenn auch auf eine andere Weise als ihre Mutter, denn sie ist heillos überfordert. Während eines Waldspaziergangs, so kann man vermuten, kommt ihr der Gedanke ihr Kind zurück zu lassen. Aber nicht weil ihr Sohn ihr gleichgülitg wäre, dagegen sprechen andere Situationen, etwa ihre Reaktion als sie Peter in der zerstörten Wohnung an sich drückt. Helene verlässt ihr Kind, weil sie glaubt, dass es Peter überall besser haben wird als ausgerechnet bei ihr. Der Gedanke, dass dies vielleicht das Schlimmste ist, was sie ihm anzun kann, scheint ihr nicht zu kommen…

Figuren die Helene näher sind, werden lebendiger gezeichnet als andere, die manchmal etwas oberflächlich wirken. Dies trifft insbesondere auf die Männer dieses Romans zu, die Helene weitgehend fremd bleiben und damit auch dem Leser. Im weiten Bogen durch Helenes Lebenslauf kann man manchmal vergessen, worum es ursprünglich eigentlich ging - langweilig wird dieser Familienroman aber deshalb noch lange nicht.

Julia Franck: Die Mittagsfrau, Roman.  S. Fischer, 2007.

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Ein Bestseller aus den Niederlanden

13. September 2007, 12:46:38


Jan Siebelinks Roman “Knielen op een bed violen” (2005)  ist in den Niederlanden mit mehr 400.000 verkauften Büchern ein von Kritikern und Publikum geschätzter Bestseller. Sein autobiographisch gefärbter Roman ist nun, als erstes seiner Bücher, ins Deutsche übersetzt worden und Ende August im Arche Verlag erschienen.

“So geleitet einen die Erde von selbst, ganz allmählich, immer weiter in die Tiefe.” 

Hans Sievez wächst in einem armen Dorf in den Niederlanden auf. Sein Vater schließt sich nach einer Vision einer Gruppe von Menschen an, die einem angeblich reineren  Glauben anhängt. Er erzieht Hans mit harter, unbarmherziger Hand. 

Schon in der Schulzeit hat der kränkliche Junge einen Blick auf Margje geworfen, spielt in der Pause Theater auf dem Schulhof, um sie zu beeindrucken. Nach der Schule ist er oft im Moor, wo er ein kleines Versteck hat und Dinge in die Natur hinein fantasiert. Die Fantasie ist sein Schutzraum vor der harten Realität. Als sein Vater, bald nach dem frühen Tod der Mutter, Hans´ Kaninchen schlachtet, ist das der Auslöser weg zu gehen. Er zieht in die Stadt und macht eine Gärtnerlehre.  Hier trifft er das erste mal auf Jozef, einen Gärtnergesellen, welcher einer christlichen Sekte angehört. Jozefs Anhänglichkeit beginnt ihn bald zu stören und er versucht sich seinem Einfluß zu entziehen…

Einige Jahre später, Hans hat seine Jugendliebe Margje geheiratet und erfüllt sich zusammen mit ihr sogar den Traum von der eigenen Gärtnerei, tritt Jozef wieder in sein Leben. Jozef ist jetzt Laienprediger und Hans kann sich seinem Einfluß auf die Dauer nicht entziehen. Mehr und mehr nimmt die Religion Raum in seinem Leben ein, ein heimlicher Riss wird spürbar, der ihn mehr und mehr von Margje und seinen Söhnen entfernt. Einen Teil des ohnehin zu geringen Verdienstes gibt er für religiöse Schriften aus, versteckt sich in der Gärtnerei, um in Ruhe darin zu lesen. Er versucht auch seine Familie zu bekehren, aber weniger um diese zu retten, als um der eigenen Verdammnis zu entgehen. Manchmal spürt er selber, dass er auf einem bedenklichen Weg ist und darin seinem Vater sehr ähnlich wird. Seine tapfere Frau kämpft um ihn und um das gemeinsame Glück…

“… und hätte der Liebe nicht…”    I. Kor 13

Eindringlich und einfühlsam zeigt Jan Siebelink, wie der religiöse Wahn des Familienoberhaupts viel Leid über die Familie bringt, entlarvt einen fanatischen Glauben, der das jenseitige Heil des Einzelnen  so viel höher stellt, als das Wohlergehen der Familie im Diesseits, als lieblos und kalt. Die letzten Kapitel des Buches jagen einem Schauder über den Rücken - auch die rückblickende Verdrängung des Erlebten durch Margje. “Im Garten des Vaters” ist auch ein Roman über eine große Liebe, die durch eine lebensfeindliche Religion erdrückt wird.

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Jan Siebelink: Im Garten des Vaters, Roman. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach, Arche 2007

Buchtipp: Henning Mankells neuer Roman

31. August 2007, 10:00:47

Henning Mankell ist hierzulande vor allem durch seine Kriminalromane um Kommissar Wallander bekannt geworden. Doch der Bestseller-Autor ist nicht nur ein Meister des skandinavischen Krimis. Dies bestätigt auch sein in diesem Monat erschienener Roman “Die italienischen Schuhe”, der sich in einigem von dem unterscheidet,  was seine Leser bisher von ihm kennen.

Fredrik Welin, 66 Jahre alt und ehemaliger Chirurg, lebt weitgehend abgekapselt auf seiner Insel in den Schären. Wenn das Wasser zugefroren ist, schlägt er jeden Morgen ein Loch in das Eis und taucht in das eiskalte, körnige Wasser ein. Nur so spürt er, dass er noch lebt und für eine kleine Weile verliert seine Einsamkeit an Schärfe.

“Vielleicht hoffe ich insgeheim, da draußen wäre eines Tages jemand, ein schwarzer Schatten in all dem Weiß, der mich sieht und sich fragt, ob er eingreifen soll, bevor es zu spät ist.”

Eines Tages ist da wirklich ein dunkler Schatten auf dem Eis. In seine scheinbar uneinnehmbare Festung, in die er sich nach `der Katastrophe´ seines Lebens zurückgezogen hat, dringt die Vergangenheit in Form einer überraschenden Besucherin ein. Dort auf dem Eis steht Harriet, seine einstige große Liebe, und schiebt ihren Gehwagen auf seine Insel zu. Vor vielen Jahren hat er sie ohne ein Wort verlassen und sie ist gekommen, um die Einlösung eines Versprechens einzufordern.

Harriets Besuch durchbricht die starre Routine Welins und bringt eine Menge unverhoffter Bewegung und neuer Bekanntschaften in seinen Alltag. Mehr als einmal wird er die Wendung bereuen, die dies Ereignis für sein Leben bedeutet, bringt sie doch eine teils unbequeme Auseinandersetzung mit Verantwortung, Schuld, Liebe und verpassten Chancen mit sich. Doch am Ende ist er dankbar für die neue Lebendigkeit und die Erkenntnis, dass man immer Möglichkeiten hat sein Leben zu verändern.

Mankells Roman hinterlässt nachhaltig Eindruck. Atmosphärisch dichte Schilderungen einer beeindruckenden Landschaft, dramatische Ereignisse, nachdenkliche Passagen wechseln einander ab. Mutig fasst er schwierige Themen an - gesellschaftliche Probleme, Schicksale, Krankheit und Tod - ohne sie zu verharmlosen, aber doch immer wieder mit unaufdringlichem Humor. In klaren Worten und Bildern schreibt Mankell über große Gefühle, einzigartige Charaktere und allzu menschliche Probleme.

Ein wundervolles Buch, reich und berührend!

Henning Mankell: Die italienischen Schuhe. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag 2007

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Bernhard Schlink: “Die Heimkehr”

22. August 2007, 11:16:05

Peter Debauer wächst vaterlos in einer Stadt im Nachkriegsdeutschland auf. Zu seinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Ferien, die er bei seinen Großeltern in der Schweiz verbrachte. Jedes Jahr schickte ihn seine Mutter dorthin und er genoß die ländliche Idylle, die vertrauten Tätigkeiten. Abends saßen seine Großeltern als Redakteure über den Korrekturbögen von Groschenromanen und korrigierten die Texte. Papier war zu der Zeit ein kostbares Gut und so bekam der kleine Peter die Rückseiten der Bögen als Schmierpapier zum bemalen und schreiben, verbunden mit der Ermahnung die Vorderseiten auf keinen Fall zu lesen. Natürlich hat er sie doch irgendwann mal gelesen. Er las die Odyssee des Flüchtlings Karl, der auf seiner Flucht aus Rußland allerlei Gefahren überstehen muss, bis er nach Deutschland zurückkehrt. Zuhause angekommen muss er feststellen, dass seine Frau mit einem anderen Mann zusammenwohnt und ein Kind mit ihm hat. Der Schluß des Romans fehlte allerdings, denn diese Blätter hatte Peter schon vor Beginn der Lektüre verbraucht. Was wird aus Karl? Das beschäftigt Peter eine ganze Weile, aber schließlich vergisst er die Geschichte.

Etliche Jahre später, Peter Debauer ist promovierter Jurist und Lektor eines Fachverlages, findet er die Korrekturbögen auf dem Dachboden wieder. Der Roman und sein offenes Ende faszinieren ihn aufs Neue. Er bemerkt Parallelen zu Homers Odyssee und auch das facht seine Neugier auf den Autor weiter an. Als er in einem Haus, das Haus wiedererkennt zu welchem Karl heimkehrt, beginnt er die Namen und das Leben der früheren Bewohner zu recherchieren. Dabei lernt er Barbara kennen. Sofort verbindet die beiden eine freundschaftliche Vertrautheit und bald sind sie ein Paar. Alles könnte nun gut sein, doch das wäre zu einfach. Außerdem lässt Peter Debauer die Suche nach Autor und Romanende keine Ruhe…

Die Heimkehr beginnt recht vielversprechend und auch wenn sie trotz einiger Längen gut zu lesen ist, bleibt die große Begeisterung aus. Was könnten die Gründe dafür sein?

Der Groschenroman den die Großeltern redigierten, bedient sich bei Homers großem Epos. Nachdem der Ich-Erzähler das erkannt hat, streicht er Gemeinsamkeiten und Unterschiede immer wieder heraus. Er bricht selber mehrfach zu “Irrfahrten” auf, deckt auch die `Odyssee´ des Autors auf, der (was einen bei Bernhard Schlink nicht weiter verwundert) ein Nazi war, mehrfach seine Identität gewechselt hat und auch in der Gegenwart noch die Verantwortung für sein Tun letztlich auf andere schiebt. Die Vervielfachung der Odyssee wirkt durch die Häufigkeit ihres Auftretens wie ein intellektuelles Spiel, ein Eindruck, der durch juristisch-moralphilosophische Exkurse und die Hinweise auf Paul de Man und den Dekonstruktivismus verstärkt wird. Ist es das, was den Lesegenuß schmälert?

Was stellt der Protagonist nicht alles an, um den Autor zu finden und hinter seine Geheimnisse zu kommen - er setzt letztlich seine glückliche Beziehung aufs Spiel, riskiert seine berufliche Existenz und reist nach Amerika. Was er entdeckt ist ungeheuerlich und obwohl er sich doch soweit offenbart, als er dem Autor klarmacht, dass er sein (letztes) Spiel durchschaut hat, ist er doch nicht konsequent genug, die ganze Wahrheit selber ans Licht zu zerren. Ist man als Leser vielleicht einfach nur enttäuscht, weil der große Bösewicht zu gut davon kommt, die direkte Konfrontation ausbleibt und man nicht einmal weiß, ob er wenigstens gemerkt hat, dass er von Peter Debauer entlarvt worden ist?

Bernhard Schlink: Die Heimkehr. Roman. Diogenes 2006.

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“Das Herz aus Seide” - ein Roman voll Ironie und leiser Komik

19. Juli 2007, 19:25:11

Hendrik van Otterlo, ein berühmter Maler, ist alt geworden. Zwar zeichnet er noch, aber er zeigt seine Zeichnungen keiner Menschenseele mehr. Mit etwa Sechzig hat er als Reaktion darauf, dass ihn seine Freundin Cissy verlassen hat sein letztes gutes Bild gemalt, meint er. Danach hat er das Atelier zugeschlossen und nie wieder betreten. An dieses Gemälde hätte er nur anschließen können, wenn er bereit gewesen wäre sich darauf einzulassen, sich als Künstler neu zu erfinden. Das hat er nicht gewagt. Jetzt besteht sein Leben im wesentlichen nur noch aus dem schimpfen über die Gebrechen des Alters, den Gesprächen mit seiner Halbschwester Bettina und den Besuchen seines etwa gleichalten, seinerzeit ebenfalls sehr erfolgreichen Malerfreundes Jongerius Jr., der noch mitten im Leben steht.

Zu Beginn des Romans erreicht Van Otterlo die Nachricht, dass Cissy im fernen New York gestorben ist. Ihr Tod und die Bemühungen seines Umfeldes ihn zu aktivieren setzen einen Prozess in Gang, der den Maler dazu bewegt, sich selbstkritisch mit seinem vergangenen und gegenwärtigen Leben auseinander zu setzen, anstatt weiterhin verbittert nur noch auf den Verfall zu horchen und auf den Tod zu warten.

“Es war nicht, wie Jongerius glaubte, der Tod, der vorhin bei mir anklopfte, sondern das Leben, das noch etwas von mir erwartet.” (77)

Zunächst widerwillig und nörgelnd verlässt er für kleinere Ausflüge das gewohnte Leben, in dem er sich eingerichtet hatte und nimmt wieder Kontakt mit der Außenwelt auf. Er überlegt sogar, noch einmal in sein altes Atelier zurückzugehen, welches ihm immer noch gehört und nach dem Willen einiger Leute einer Tankstelle weichen soll…

“Das Herz aus Seide” ist kein handlungsreicher Roman. Er lebt von dem ironischen Unterton, der durch die Schilderung Van Otterlos schimmert, von seinen bissigen Kommentaren und der Nähe zu diesem egozentrischen, alternden Künstler. Der Maler macht sich letztlich auf, der Unausweichlichkeit des Alters zum Trotz, am Leben wieder teilzunehmen und den Kurs soweit es möglich ist zu korrigieren. Seine Egozentrik und sein festhalten am `Leben für die Kunst´ haben ihn seinerzeit auf einen falschen Weg geführt. Sich darüber Rechenschaft abzulegen ist zwar schmerzhaft, bedeutet aber auch, sich neue Chancen zu eröffnen. Wieweit dies Hendrik van Otterlo gelingt und gelingen kann, bleibt offen und der Interpretation des Lesers vorbehalten.

Fazit - eine poetische Altersreflexion voll Ironie und leiser Komik.

Remco Campert: Das Herz aus Seide. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Arche Verlag 2007

Buchtipp: Charles Fraziers zweiter Roman

14. Juli 2007, 10:52:46

Charles Fraziers erster Roman “Cold Mountain” war ein Bestseller, für den der Autor 1997 den “National Book Award” erhalten hat und der verfilmt worden ist. Mit “Dreizehn Monde” erscheint nun in Deutschland sein zweiter Roman, der ebenfalls verfilmt werden soll.

Amerika, 19. Jahrhundert. Der zwölfjährige Waisenjunge Will Cooper wird von seinen Verwandten an einen Geschäftsmann `verkauft´, für den er einen Handelsposten im Gebiet der Cherokees übernehmen soll. Schon der Weg dorthin ist gefährlich - ausgestattet mit Pferd, etwas Proviant, einer Karte und dem Schlüssel für den Handelsposten muss er die gefährliche Reise dorthin alleine antreten. Auf dem Weg durch die Wildnis lernt er unter abenteuerlichen Bedingungen seine große Liebe Claire kennen und verliert sie erst einmal wieder aus den Augen.

Von seinen Verwandten im Stich gelassen, findet Will Halt und Gesellschaft zunächst in Büchern. Später wird er von Indianerhäuptling Bear adoptiert und damit in den Klan aufgenommen. Es ist die Zeit der Indianervertreibungen, doch Will hat sich im Laufe der Zeit in das geltende Recht für Landkäufe eingelesen und durch klugen Nebenhandel  etwas Eigentum angesammelt. Gemeinsam mit Häuptling Bear gelingt es ihm, dem Staat Amerika zu trotzen, indem sie so viel Land kaufen, wie der Indianer-Klan zur Sicherung seiner Existenz benötigt. Doch sein unstetes Leben führt ihn noch weiter. Um die Belange des Klans besser durchzusetzen, knüpft er Kontakte in Washington und wird schließlich sogar Senator…

“Dreizehn Monde” ist eine farbenprächtige und beeindruckende Rückschau auf ein fast hundertjähriges Leben in einer Zeit des Umbruchs. Es ist gleichermaßen die Schilderung des Kampfes der Indianer gegen ihre Vertreibung aus dem angestammten Lebensraum, die Aufzeichnung eines bewegten und abenteuerlichen Lebens und die Erzählung einer großen, rätselhaften Liebe. Lebendig und mit Tiefe zeichnet Charles Frazier seine Hauptfiguren, lässt noch einmal eine untergegangene Landschaft und ein Volk mit seiner besonderen Lebensweise und Kultur auferstehen.

Der Roman basiert auf der historisch verbürgten Geschichte des Waisen William Holland Thomas, der zu Beginn des 19. Jahrhundert zu den Cherokee kam, adoptiert und als einziger Weißer sogar Häuptling wurde. Thomas war Senator in Washington und führte als General im amerikanischen Bürgerkrieg ein reines Cherokee-Regiment.

Charles Frazier: Dreizehn Monde. aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann und Andreas Gressmann. Karl Blessing Verlag 2007.

Ein Mann verliert sich in der Mittelmäßigkeit

27. Juni 2007, 09:20:13

Wilhelm Genazino ist mit diversen Preisen ausgezeichnet worden, sein jüngster Roman “Mittelmäßiges Heimweh” war dieses Frühjahr für den Preis der Leipzier Buchmesse nominiert.

Hauptperson und Erzähler ist Dieter Rotmund, zu Beginn des Romans 42 Jahre alt, Mitarbeiter in einem Pharmaunternehmen. Nach Feierabend geht er häufig durch die Stadt, nichts zieht ihn in seine spärlich möblierte Ein-Zimmer-Wohnung. Am Wochenende fährt er in den Schwarzwald zu Frau und Kind. Eines Abends verliert er sein Ohr in der Kneipe, es fällt ihm einfach ab. Gespürt hat er das nicht - es tut nicht weh - aber er sieht es im Schmutz auf dem Boden liegen. Der Mangel, die Beschädigung, das sind Gefühle die Rotmund kennt. Er beobachtet seine Empfindungen, schildert sie detailliert, analysiert sie. Was er sieht befremdet ihn - keine Höhen, keine Tiefen, alles mittelmäßig. Aber seine Ehe, die darf auf keinen Fall mittelmäßig werden. Nicht? Nun ja, zu spät. Die Wochenendehe hat zu Entfremdung geführt, er verliert seine Frau an einen Liebhaber und wird geradezu aus der eigenen Wohnung geworfen.

“Schon meine Eltern waren mittelmäßig, meine Kindheit war mittelmäßig, außerdem meine Schulzeit, mein Abitur und das Studium, aber seit dem letzten Anruf steuere ich auf das Mittelmäßigste zu, was es überhaupt gibt: auf eine Scheidung.” (S. 109)

 Etwas erstaunliches passiert: Dieter Rotmund wird befördert und beginnt eine  Beziehung mit der Vormieterin seines Appartements. Können diese Geschehnisse das Gefühl der Beschädigung, ja Behinderung mindern, stoppen, gar auflösen?

Das surreal wirkende Abfallen von Körperteilen wird, wie alle seelischen Mangelerfahrungen, völlig undramatisch festgehalten und unter Verlust gebucht. Verluste, so die Auffassung des Anti-Helden, gilt es zu überwinden um so schnell wie möglich zur Normalität überzugehen. Der Roman ist gut zu lesen und plätschert in gemäßigtem Tempo vor sich hin. Am Ende gibt es noch eine kleine Überraschung.

“Mittelmäßiges Heimweh” ist nicht ganz so herausragend, wie ich das von einem preisverdächtigen Roman erwartet hätte, aber mittelmäßig ist er ganz bestimmt nicht.

Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh. Carl Hanser Verlag 2007

Kein `Höhenrausch´ aber ein kurzweiliger Frauenroman

19. Juni 2007, 22:35:04

Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy hat einen Ruf als Autorin intelligenter Frauenromane. Ihr fünftes Buch dreht sich um die Sorgen und Nöte der modernen Single-Frau über dreißig, serviert mit Selbstironie und Witz.

Linda, 35 ist Übersetzerin und vor allem frisch verlassen. Da sie nicht an jeder Ecke an ihren Verflossenen erinnert werden will, tauscht sie über die Mitwohnzentrale die Wohnung mit dem Berliner Illustrator Andreas. Ihr erstes Blind Date geht schief, da die Agentur etwas verwechselt hat. So lernt sie den homosexuellen und ebenfalls gerade sitzen gelassenen Erdal kennen, mit dem sie sich anfreundet. Eine Art von Freundschaft entwickelt sich auch zu Andreas, dem `fremden Freund´ mit dem sie in regem E-Mail-Kontakt steht. Unterschiedlicher könnten die beiden kaum sein und dennoch kann Linda sich offen mit ihm austauschen, entsteht über kleine Meinungsverschiedenheiten und das leben in der Wohnung des jeweils anderen Vertrautheit. Und dann geschieht das, womit Linda nun in ihrem Liebeskummer am allerwenigsten gerechnet hat - sie verliebt sich und das ausgerechnet auch noch in einen verheirateten Mann. Eine Affäre beginnt…

Ildikó von Kürthy schreibt amüsant und kurzweilig, greift auch auf Situationskomik zurück die bisweilen etwas komödienhaftes hat. Wir begegnen den üblichen Klischees von Figur- und Fältchenproblemen, dem Hang zum Schuhkauf, zur Red- und Gefühlsseligkeit und dergleichen mehr. Vieles wirkt überzogen und das soll es wohl auch: Frau soll sich nicht zu Ernst nehmen, sondern über die Schwächen der beiden Geschlechter schmunzeln. Man ahnt wohin die Entwicklung gehen wird, aber das stört nicht weiter, das beste an diesem Roman sind ohnehin die kleinen, oft beiläufig wirkenden Bemerkungen.

Auffällig ist das aufgelockerte Schriftbild: Lindas Briefe an den `dessen Name nicht genannt werden darf´ (Ähnlichkeiten zu Figuren bei “Harry Potter” sind nicht zufällig) sind genauso auf den ersten Blick zu erkennen, wie die Telefonate mit ihrer Freundin Silke oder die E-Mails zwischen Linda und Andreas. Hinzu kommen zahlreiche Fotos von Einrichtungsgegenständen, Artikeln oder Getränkekarten die gerade im Text erwähnt werden.

Man kann und sollte von diesem Roman keinen Tiefgang erwarten - aber leichte, angenehme Unterhaltung.

Ildikó von Kürthy: Höhenrausch, Wunderlich 2006.

Brillant-tristes Grau - der “Schwarzweißroman” (Marion Poschmann)

21. Mai 2007, 13:42:55

Der zweite Roman der insbesondere als Lyrikerin geschätzten Marion Poschmann erzählt von einer jungen deutschen Frau die, gestrandet zwischen Studium und Beruf, ihren als Ingenieur im Ural arbeitenden Vater besucht. Sie wird getrieben von einer vagen Sehnsucht und der Unschlüssigkeit, wie es weiter gehen soll. Die ungeheure Größe des schneebedeckten Landes, in welchem so vieles unwirklich wirkt, verändert die Menschen die dort leben und arbeiten - verändern auch sie.

Ihrem Roman stellt die Autorin ein Zitat El Lissitzkys voran, einem vom Suprematismus inspirierten Künstler. Hier stehen die Farben Schwarz, Weiß und Schwarz-Weiß für das Allgemeinmenschliche und das Kollektiv, die einzelnen Farben dagegen für das Subjektive, den Individualismus des einzelnen. Nur Individualismus könne Farbigkeit in den “Stahl-Beton-Kohle-Alltag” bringen, rote Farbe. Damit ist das Grundthema des Romans angeschlagen - das Verschwinden des Individuums in der weißen Weite der unwirtlichen und verseuchten russischen Landschaft ebenso, wie im deprimierenden Alltag eines grauen Lebens in grauem Beton - dem die Erzählerin zu Beginn als roter Tupfer gegenüber steht.

Die Ich-Erzählerin fliegt nach Russland, in die Stadt Magnitogorsk um ihren Vater zu besuchen. Dieser lebt und arbeitet dort, wie eine ganze Reihe anderer deutscher Experten, weitgehend von der Bevölkerung isoliert. Das Leben in der weißen und grauen Einöde verändert die Menschen. Sie versuchen sich abzulenken, trinken, stürzen sich in Beziehungen, viele verfallen in Lethargie und Depression. Auch die junge Frau spürt  sehr bald die Auswirkungen der Umgebung auf ihr Empfinden. Anfangs ist sie als Person noch etwas greifbarer, als eine junge Frau in einem roten Wollmantel, die sich auf Reisen begibt, doch das ändert sich bald. Schon gleich zu Beginn des Buches wird  in großem Stil die Farbsymbolik eingesetzt: Grau als Farbe des Ostblocks, Konturen verlieren sich im Grau, Schwärze der Dunkelheit, die weiße unendliche Landschaft und die grauen Blöcke der Häuser, anonyme gleichgültige Würfel, Quadrate und Rechtecke die nebeneinander liegen. Ihr Vater erscheint  ihr als bunter Tupfer, der allmählich die graue Farbe der Umgebung annimmt. Wenn sie selber im weiteren Verlauf als “roter Mantel” oder als Person in rotem Mantel bezeichnet wird hat sie zwar ihre Farbe behalten (auch wenn der Mantel sich zwischendurch dem Schatten der Umgebung anpasst), ist aber als Individuum weniger sichtbar und wird unpersönlicher. Am Ende des Romans verschwindet die Erzählerin zusammen mit ihrem Vater bei einem Ausflug ins radioaktiv verseuchte Sperrgebiet - Ende offen.

Verschiedene Episoden stehen nebeneinander: Einkauf im Kaufhaus, eine rein körperliche Beziehung zum Chef ihres Vaters, eine romantisch anmutende Beziehung zu einem schwerkranken Musiker. Dazwischen Ausflüge mit unterschiedlichen Begleitern, die unterschiedlichen Versuche der deutschen Experten mit der Situation fertig zu werden, gegen Ende Vorbereitungen der Reise ins Sperrgebiet. Die Ausschnitte wirken oft unverbunden, manchmal fast schon beliebig. Klischeehafte Vorstellungen von Russland werden gepflegt: Lange Schlangen, graue, Wohnblocks, Vertuschung von Atomunfällen, Mangelversorgung der Bevölkerung, Mißwirtschaft die die Baustelle lahmlegt, der Umgang mit dem zweiten Weltkrieg und seinen Helden. Gut möglich, dass es nicht nur Klischees sind - diesbezüglich kann ich mir kein Urteil erlauben.

Einziger Lichtlick  - die bildreiche Sprache, die mitunter beeindruckend ist und eine unwirkliche Atmosphäre schafft, welche dem Thema auch angemessen erscheint. Marion Poschmann türmt die Sprachbilder so stark auf, dass sie in ihrer Masse manchmal genauso erdrückend wirken, wie der ständig fallende Schnee in der grauen Stadt. Bisweilen setzt sie sie so massiv ein, dass sich die Wirkung verkehrt und wie Schaumschlägerei wirkt.

Ein zwiespältiges Gefühl bleibt zurück. Sprachlich außergewöhnlich bis brillant, widersetzt sich der Schwarzweißroman einer flüssigen Lektüre und einem tiefen Verständnis. Vieles ist rätselhaft, etliche Fragen und Zusammenhänge bleiben offen und so dürften wohl viele Leser, die nach einem Roman suchen der sie mit sich reißt, wahrscheinlich unbefriedigt bleiben.

Marion Poschmann: Schwarzweißroman, Frankfurter Verlagsanstalt 2005