Rezension: Brodecks Bericht (Philippe Claudel)

27. Oktober 2009, 10:44:52


Ein Fremder wird in einem Dorf ermordet. Außenseiter Brodeck wird von der Dorfgemeinschaft damit beauftragt einen Bericht über die Vorkommnisse zu schreiben, um die Bewohner gleichsam von der Schuld rein zu schreiben. Der Schreibprozess führt Brodeck zurück in die eigene Vergangenheit und zu einer Wende in seinem Leben. (Weiterlesen »)

Nick Hornby: Slam

1. September 2009, 08:36:57


Der 15-jährige Sam ist passionierter Skater. Sein Idol ist Skaterlegende Tony Hawk von dem er ein Poster in seinem Zimmer hängen hat. Seine Mum hat sich von ihrem blöden Freund getrennt, gerade hat er ein paar neue Skateboardtricks gelernt und die schöne Alicia erobert. Sam ist mit sich und der Welt zufrieden. Doch dann – Slam- wird Alicia schwanger. Ausgerechnet ihm muss das passieren, dessen Mutter ihn mit 16 Jahren bekommen hat! Ist frühe Elternschaft etwa “erblich”?! Sam ist völlig von der Rolle. Wie soll das mit Alicia, dem Baby und ihm weitergehen? (Weiterlesen »)

Historischer Roman: Schwertgesang (Bernard Cornwell)

2. Mai 2009, 10:08:03


Schwertgesang ist der vierte Band der Sachsen-Chronik von Bernard Cornwell, die im engglischen Sprachraum die Bestsellerlisten im Sturm erobert. In ihm wird die Erzählung von Uthred von Bebbanburgs Leben, wie von der Entstehung und  Christianisierung Englands fortgesetzt.

König Alfreds Tochter Æthelflaed, die Uthred wie eine eigene Tochter liebt soll Uthreds hochtrabenden und Alfred ergebenen Cousin  Æthelred  heiraten, der dann Aldermann von Mercien werden soll.  Als Hochzeitsgeschenk fordert Alfred von Uthred, dass dieser die Stadt Lundene von den Nordmännern zurückerobert und an Æthelred übergibt. Lundene liegt am strategisch wie für den Handel bedeutsamen Fluß Temes und so geht es also darum, König Alfreds Macht und Einfluß zu sichern. Uthred ist wenig begeistert, wäre er doch lieber selber Herrscher von Mercien. (Weiterlesen »)

Daniel Kehlmann: Ruhm

13. April 2009, 11:11:16


`Leo Kehlmann´ oder Ein selbstironisches Spiel mit der Identität

Mit Spannung wurde der neue Roman von Bestseller-Autor Daniel Kehlmann erwartet. Wie würde das neue Buch im Vergleich zum Welterfolg “Die Vermessung der Welt” sein? Auf etwa zweihundert Seiten und in neun Geschichten schreibt Daniel Kehlman darüber, wie Menschen in unserer modernen Zeit ihre Identität bilden, verlieren oder in eine andere Identität wechseln. Dazu erdichtet er sich eine übersichtliche Anzahl an Figuren, darunter Schriftsteller Leo Richter, den “Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillianz”. Nicht nur darin kann man die eine oder andere Parallele zu seinem Schöpfer sehen, denn Leo Richter wie Daniel Kehlmann reizt es, einen Roman ohne Hauptfigur zu schreiben.
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Eine Biologin auf Zeitreisen: Das Cusanus-Spiel

9. Februar 2009, 08:49:44


Wolfgang Jeschke ist vielen  Science Fiction-Lesern als Herausgeber von Science Fiction-Reihen ein Begriff. Für seinen Roman Das Cusanus-Spiel hat er 2006 den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie “Bester Roman” erhalten.

Die Welt im Jahre 2052. Der Klimawandel hat dazu geführt, dass die Wüste sich immer weiter ausbreitet. Einige Länder sind aufgrund des stetig ansteigenden Meeresspiegels in Fluten versunken, mitten in Deutschland hat sich vor Jahren ein radioaktiver Unfall ereignet und weite Landstriche sind zur verseuchten Todeszone geworden. Europa versucht sich durch große bewachte Schutzwälle vor den Flüchtlingsmassen zu schützen. (Weiterlesen »)

Preis der Leipziger Buchmesse 2009 – die Nominierten

6. Februar 2009, 19:46:25

Das Geheimnis ist gelüftet, die Nominierten für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse stehen fest: (Weiterlesen »)

Immer noch lesenswert: “Fahrenheit 451″

26. Januar 2009, 08:47:28


Die Erstausgabe dieses Science Fiction-Klassikers erschien 1953  in New York. Fahrenheit 451 gehört wie George Orwells 1984 (1945) und Aldous Huxleys Schöne neue Welt (1932) in die Reihe jener Anti-Utopien, in denen die Freiheit des Individuums durch die Gleichmacherei eines totalitären Staats vernichtet wird.

Ray Bradbury schildert in seinem Roman eine Zukunftsgesellschaft, in der die Menschen durch Dauerberieselung aus Radio und Fernsehwänden manipuliert und vom Nachdenken abgehalten werden. So soll verhindert werden, dass die Menschen realisieren, dass sie nicht wirklich glücklich sind.  Hatte die Gesellschaft einst freiwillig aufgehört zu lesen, da es viel einfacher war die angebotene Unterhaltung zu konsumieren, so gelten Bücher nun als Unruhestifter und sind deshalb verboten. (Weiterlesen »)

Buchtipp: Bestattung eines Hundes (Thomas Pletzinger)

12. Januar 2009, 08:28:56


Thomas Pletzingers Romandebüt wurde mit dem Förderpreis zum Rheinischen Kulturpreis ausgezeichnet und stand auf der Auswahlliste für den letztjährigen aspekte-Literaturpreis. Bestattung eines Hundes ist ein gleichsam spannender wie tiefsinniger Roman mit einigen Überraschungen.

Daniel Mandelkern ist Mitte Dreißig, Ethnologe und arbeitet als freier Kulturjournalist. Seit er in der Redaktion seiner Frau Elisabeth arbeitet, fängt ihre Beziehung an sich zu verändern. Für private Gespräche bleibt einerseits keine Zeit mehr, andererseits möchte Elisabeth ein Kind von Daniel. Aber auch dieses Wochenende wird keine Zeit für Gespräche über Lebensentwürfe sein, denn Elisabeth schickt den wenig begeisterten Daniel an den Luganer See, um den erfolgreichen Kinderbuchautor Dirk Svensson zu treffen. (Weiterlesen »)

Mann im Dunkel (Paul Auster)

20. November 2008, 14:05:29

Nur eine einzige, dunkle Nacht

Paul Auster ist einer der bekannten Gegenwartsautoren der USA. In Interviews äußert er sich kritisch über die Politik der Bush-Regierung und äußert Hoffnungen auf positive Veränderungen unter einer Regierung mit einem Prädsidenten Barack Obama. Im Herbst erschien sein neuer Roman “Mann im Dunkel”, der von einem alten, schlaflosen Mann erzählt, welcher sich zur eigenen Ablenkung Geschichten ausdenkt. Und auch hier ist unterschwellig die Kritik an der Politik der vergangenen Jahre zu spüren.

August Brill ist 72 Jahre alt, Witwer und hat bei einem Unfall ein Bein verloren. Nachts liegt der ehemalige Literaturkritiker oft schlaflos im Bett und wehrt belastende Gedanken ab. Den Tod seiner Frau zum Beispiel. Mit im Haus wohnen seine Tochter Miriam und Enkelin Katya, deren Freund im Irak getötet wurde. Alle drei haben in der jüngeren Vergangenheit Verlusterfahrungen erlitten und versuchen auf ihre Weise damit fertig zu werden. Miriam vergräbt sich in Arbeit, Katya flüchtet sich in Filme und August  spinnt sich Geschichten zusammen, um nicht im Schmerz zu versinken, wenn er nachts wach liegt. Diese Nacht erfindet er die Geschichte von Owen Brick.

“Die Geschichte handelt von einem Mann, der die Person töten soll, die ihn erschaffen hat – warum also tun, als sei diese Person  nicht ich selbst? Indem ich mich in die Geschichte einsetze, wird sie real. Oder ich werde unreal…”

Owen Brick erwacht in einem dunklen Loch. Ein Soldat befreit ihn aus seiner mißlichen Lage. Brick findet sich in einem Amerika wieder, in dem keinen 11. September und keinen Irakkrieg gegeben hat, indem dafür aber seit einigen Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Nach der Wahl im Jahre 2000 ist es aufgrund der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu Protesten und Krawallen gekommen, später zur Unabhängigkeitserklärung einzelner Bundesstaaten und dann zum Krieg. Und Brick erhält den Auftrag den Mann zu töten, der für diesen Krieg verantwortlich ist – August Brill nämlich, der sich das Ganze ausgedacht hat.

Paul Auster spielt mit großere Leichtigkeit mit den verschiedenen Erzählebenen und lässt sie zeitweise ineinander gleiten: Hier August, dessen Gedanken immer wieder in die Vergangenheit zurückgleiten, dort Owen, der sich in einer verwirrenden Situation wiederfindet und versuchen muss seine Probleme zu lösen. Dass Franz Kafka und Jorge Louis Borges zu den Autoren gehören, die Austers Werk beeinflussen ist hier deutlich zu spüren. Letztlich entschließt Brill sich dazu, diese Geschichte anders enden zu lassen als geplant.

“Giordano Bruno und die Theorie unendlicher Welten. Anspruchsvoller Stoff, gewiss, aber es gibt noch andere Brocken auszugraben.”

Und genau das tut August Brill. Im letzten Viertel des Romans setzt allmählich eine Wendung ein. Der Schlaflose beendet Owen Bricks Geschichte und wendet sich Geschichten aus seinem Leben zu. Zuletzt kommt seine Enkelin, weil sie Geräusche aus seinem Zimmer gehört hat und Brill erzählt ihr im Schutz der Dunkelheit wie er seine Frau Sonia kennen und lieben lernte, sie betrog und verlor, um sie einige Jahre später wiederzuerobern…

Geschichten – die Kraft der Sprache, die sich der Verzweiflung und dem Schmerz widersetzt. Paul Auster gelingt es, selbst einzelne Sätze im Laufe des Romans so mit Bedeutung aufzuladen, dass noch der letzte Satz das ganze Buch widerspiegelt. Grandios!

Paul Auster: Mann im Dunkel. Roman, Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Rowohlt 2008

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Links: Interviews mit Paul Auster auf Spiegel Online und Welt Online

Roman goes Comic

3. November 2008, 13:04:06


Thomas von Steinaeckers Romandebüt Wallner beginnt zu fliegen stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2007 und gewann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Erstlingswerk. In der Tat handelt es sich bei diesem Roman um ein außergewöhnliches Werk, mit dem der Autor bewiesen hat, dass er zu außergewöhnlicher Literatur fähig ist. Grund genug also, weitere Werke diese Schriftstellers mit Interesse zu betrachten. Im September erschien nun von Steinaeckers neuer Roman Geister.

Jürgen Kämmerer hätte eine Schwester gehabt. Doch kurz vor seiner Geburt verschwand die sechsjährige Ulrike und ihr Schicksal ist ungeklärt. Ulrike geistert aber auf Fotos und in Dokumentarfilmen weiter durch das Leben der Familie. Die Eltern haben das ungeklärte Verschwinden ihrer Tochter nie verwunden und auch Jürgen leidet an der Situation. Schon als Schüler hat er eine Neigung, sich aus der Realität auszuklinken und zu phantasieren. In seinem Tagebuch führt er Gespräche mit seiner großen Schwester.

Jahre später wendet sich die Comic-Zeichnerin Cordula Maas an Jürgen. Einer der Dokumentarfilme über den Fall von Ulrike hat sie dazu inspiriert “Ute”-Comics zu zeichnen und sie ist damit recht erfolgreich. Jürgen reagiert zunächst ablehnend, doch die geheimnisvolle Cordula erweist sich als hartnäckig.

“Mit jeder Stunde, so scheint es, wird seine Umgebung grauer, schließlich schwarzweiß, als flösse die Farbe der Comics wieder ab.”

Jürgen lässt sich mehr und mehr auf die Comic-Welt ein. Die Comics machen sein Leben bunter, beflügeln ihn für eine Weile. Seine Arbeit und seine Sozialkontakte werden ihm dabei zunehmend unwichtiger. Dafür wartet er wie ein Süchtiger auf die Veröffentlichung des nächsten Comic-Strips. Die bunte Welt der Comis erscheint ihm realer als die Wirklichkeit und er droht sich im “Ute”-Universum zu verlieren…

Zu Beginn des Buches fühlt man sich ein bisschen an den Wallner erinnert, denn Jürgen phantasiert sich verschiedene vergangene und zukünftige “Realitäten” zusammen. Was davon ist “real”, was nicht? Der Autor schafft beim Leser eine Verunsicherung, die mit der Unsicherheit Jürgens im weiteren Verlauf der Handlung korrespondiert. Erfreulicherweise ist der Roman aber so konzipiert, dass der Leser recht schnell wieder den Überblick zurückgewinnt. Der Romantext wird ab dem Autreten der Zeichnerin durch eingeschobene Comic-Strips ergänzt und macht Jürgens drohendes Abgleiten in eine fikive Parallelwelt in der Lektüre wie in optischer Hinsicht augenfällig. Anspielungen und Zitate verweisen u.a. auf Comics und Filme, eine eigens eingestellte Website der fiktiven Figur Cordula Maas treibt das Spiel mit der Realität auch über den Roman hinaus noch weiter. Thomas von Steinaecker erprobt auch in Geister neue Wege zu erzählen – das zweite Romanexperiment ist ihm ebenfalls gut geraten.

Thomas von Steinaecker: Geister. Mit Comics von Daniela Kohl. Frankfurter Verlagsanstalt 2008

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