Bestseller: Die Kathedrale des Meeres (Ildefonso Falcones)

13. Juni 2008, 11:06:03

Die Kathedrale des Meeres erzählt das Leben des im 14. Jahrhundert unfrei geborenen Arnau Estanyol, der als Kind mit seinem Vater vom Land in die freie Stadt Barcelona geflüchtet ist, um nach einem Jahr und einem Tag freier Bürger der Stadt zu werden. Sein Leben ist eng mit der Jungfrau Maria und der großen Kirche Santa Maria del Mar verbunden, die vom Volk für das Volk gebaut wird. So wie unter großen Anstrengungen, unter Freuden und Mühen der Bau der Kirche in den Himmel wächst, so wächst auch Arnau an den Aufgaben, die sein Leben ihm auferlegt.

Die Handlung setzt mit der Hochzeit seines Vaters Bernat, einem recht vermögenden Bauern, mit der jungen Francesca ein. Unglücklicherweise kommt sein Lehnsherr bei einem Jagdausflug an der Hochzeitsgesellschaft vorbei und beansprucht das Recht auf die erste Nacht. Diese und weitere willkürliche Handlungen des Herrn von Navarcles führen dazu, dass Bernat wenige Zeit später seinen eigenen Sohn entführen muss, um ihn vor dem sicheren Tod zu retten. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als alles aufzugeben und in die Stadt zu fliehen, wo Bernats Schwester wohnt.

Nachdem Vater und Sohn freie Bürger Barcelonas geworden sind, können sie sich frei in der Stadt bewegen. Als sich Arnau mit Joanet befreundet, fangen die beiden Jungen an gemeinsam durch die Stadt zu streifen. Gemeinsam suchen die beiden nach der Jungfrau Maria, die sich Arnau in seinem kindlichen Verständnis als Ersatzmutter auserkoren hat. So kommen sie zur Baustelle von Santa Maria del Mar und sind nicht nur von dem Bau beeindruckt, sondern auch davon, dass hier das Volk selber seiner Schutzpatronin eine Kirche baut. Gerne wollen auch sie zum Bau der Kirche beitragen und indem die Kinder Wasserträger für die schwer arbeitenden Lastenträger werden, fühlen sie sich der Gemeinschaft zugehörig.

Später wird Arnau selber als Lastenträger riesige Steine für den Bau der Kirche herantragen, wird nach seinem Aufstieg zum Geldwechsler und Seekonsul mit seinem Vermögen den Bau der Kirche unterstützen. Mit seiner Menschenfreundlichkeit und seiner Bodenständigkeit schafft er sich viele Freunde, aber nicht alle sind Arnau wohlgesonnen. Trotz seines Aufstiegs hat er seine Herkunft nicht vergessen, seine Börse ist voll aber der Charakter und der unbeugsame Freiheitswille sind geblieben. Damit schafft er sich Neider und mächtige Feinde, die eine finstere Intrige spinnen um ihn zu Fall zu bringen.

Der historische Roman hat alles was man bei einem solchen Buch erwartet: Schicksalsschläge, Freundschaft, Liebe, Verrat und Intrigen - das bewegte Leben der Hauptfigur hat dies und noch eine ganze Reihe mehr zu bieten. Die Willkür des Adels, Krieg, Pest, Inquisition und Judenhass beeinflussen das Leben Arnaus und seiner Freunde in großem Maße. Viele Geschehnisse sind von langer Hand angelegt oder gehören zum üblichen Inventar des Genres. Aufmerksame Leser können sich also mitunter denken, was noch kommen wird oder wie die Lösung eines Problems aussehen könnte. Dennoch ist dies ein historischer Roman von gutem Unterhaltungswert, leicht lesbar, wenn auch sprachlich schmucklos.

Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meers. Historischer Roman. Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen, Scherz 2007

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Ein leiser Roman über die Suche nach der kleinen Liebe

20. Mai 2008, 07:37:16


Sie nennt sich L. - die Abkürzung von Laetizia. Sie wächst in ganz gewöhnlichen Verhältnissen auf, macht ihr Abitur, studiert Meteorologie. Nach ihrem Studium macht sie ein Praktikum im Schnee- und Lawineninstitut, wo es zu einem kleinen Unfall kommt. Sie gibt ihre Forschungspläne auf und beginnt in einer Schule zu unterrichten, hat einen Freund - ein ganz gewöhnlicher Lebenslauf.

L. beobachtet ihre Umgebung wie jemand , der die Funktionsweise der Gesellschaft nicht versteht und deshalb die Regeln zu ergründen sucht. Wie sind die Regeln für das Lächeln? Warum bleiben Paare zusammen? Und sie sucht nach Liebe. Nicht nach der großen Liebe, aber eine kleine Liebe, die soll es schon sein.

In nur scheinbar lose aneinandergereihten Szenen ihres Lebens zeigt Jürg Schubiger L. als eine Frau, die auf der Suche ist nach ihrem eigenen Weg und Glück. Der fragende Blick auf die Gesellschaft und das Leben, lässt das Alltägliche bisweilen fragwürdig erscheinen und endet in einer Aufbruchsstimmung, bei der man meint spüren zu können, wie die Seele der jungen Frau Flügel bekommt.

Ohne Effekthascherei, leicht und sanft kommt der Roman daher, gewürzt mit einer Spur Melancholie und leiser Ironie. “Die kleine Liebe” ist ein leises und nachdenklich stimmendes Buch.

Der 1936 geborene schweizer Autor Jürg Schubiger ist hierzulande vor allem für seine Kinderbücher bekannt. Am 2. April 2008 wurde er mit dem Hans Christian Andersen-Preis ausgezeichnet, einer bedeutenden internationalen Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur.

Jürg Schubiger: Die kleine Liebe. Roman, Haymon 2008

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Historischer Roman: Die Herren des Nordens (Bernard Cornwell)

16. Mai 2008, 17:40:51

Nach “Das letzte Königreich” und “Der weiße Reiter” ist im Frühjahr bei Rowohlt der dritte Band der Sachsen-Saga von Bernard Cornwell erschienen. Die historischen Romane Cornwells werden im englischen Sprachraum schon länger von Lesern wie Historikern geschätzt, da sie sowohl spannend geschrieben als auch gut recherchiert sind. Ein vierter Band ist 2007 unter dem Titel “Sword Song” erschienen. Seine Übersetzung steht noch aus.

Es ist das Jahr 878. Nachdem Uthred von Bebbanburg König Alfred dem Großen zum entscheidenden Sieg gegen die Dänen verholfen hat, belohnt dieser ihn mit Fifhaden. Doch Fifhaden ist nicht mal genug Land, um die dort lebenden vier Familien zu ernähren. Also bricht Uthred Richtung Norden auf, um die Ermordung seines Ziehvaters Graf Ragnar zu rächen und um sein Erbe, die Bebbanburg, die sein Onkel sich unrechtmäßig angeeignet hat, zurückzugewinnen. Doch die drei Spinnerinnen am Fuße des Weltbaumes lachen über seine Pläne und spinnen ihre Schicksalsfäden.

Auf der Reise nordwärts befreit der Krieger Uthred einen Sklaven namens Guthred. Guthred ist der Sohn des dänischen Grafen Hardnicut und soll aufgrund eines Traums des Abtes Eadred von Lindisfarena zum König von Northumbrien ausgerufen werden. Er besteht darauf, Uthred in seine Dienste aufzunehmen und will Alfred dem Großen nacheifern. Also stellt Uthred seine eigenen Pläne zunächst hintenan um das Reich Guthreds zu sichern, der ihm zu gutmütig für einen König erscheint. Doch Guthred lernt schnell. Weil es ihm für den Erhalt seines Königreiches Vorteile verschafft, lockt er den arglosen Uthred in eine Falle und verkauft ihn als Rudersklaven. Uthreds Schicksal scheint besiegelt…

Es ist Uthred selber, der seine Geschichte als alt gewordener Mann erzählt. Das gibt Raum für Andeutungen, die die Spannung erhöhen und für einige humorvolle Kommentare. Das Leben im Mittelalter wird nicht beschönigt, aber Cornwell walzt die Grausamkeiten der Kämpfe auch nicht extra aus. Ohnehin gehört nur ein Teil des Romanes Krieg und Kampf: Schilderungen der Lebensumstände und der sächsischen wie der dänischen Gesellschaft, Freundschaft und Loyalität, die Christianisierung Englands haben ihren ganz selbstverständlichen Platz in diesem Buch. Überraschende Wendungen sorgen dafür, dass der Spannungsbogen über den ganzen Roman anhält und auch nach dem Ende des dritten Bandes nicht abreißt. Eine Karte und weitere Informationen zu Ortsnamen und den historischen Hintergründen ergänzen diesen unterhaltsamen, spannenden und lehrreichen historischen Roman.

“Die Herren des Nordens” ist Freunden historischer Romane wärmstens zu empfehlen!

Bernard Cornwell: Die Herren des Nordens. Historischer Roman. Deutsch von Karolina Fell. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008

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Buchtipp: Die Bücherdiebin (Markus Zusak)

3. Mai 2008, 11:55:44


Für sein Jugendbuch “Der Joker” wurde Markus Zusak unter anderem mit dem Deutschen Literaturpreis 2007 in der Kategorie “Preis der Jugendjury” ausgezeichnet. Die Bücherdiebin ist sein erster Roman, der ausdrücklich auch für Erwachsene geschrieben ist. Es ist ein bemerkenswertes Buch, das zur Zeit des Nationalsozialismus spielt.

Deutschland im Januar 1939. Liesel Meminger ist neun Jahre alt, als sie von ihrer Mutter zusammen mit ihrem Bruder in eine Pflegefamilie in die Nähe von München gebracht wird. Auf der Zugfahrt dorthin stirbt ihr sechsjähriger Bruder. Bei der Beerdigung ihres Bruders, verliert einer der Totengräber ein Buch und Liesel nimmt es an sich. Es ist der Grundstein für Liesels enge Beziehung zu Büchern. Worte und Bücher gewinnen von nun an eine besondere Bedeutung für sie und werden sie in mehrfacher Hinsicht retten.

Ihre Pflegemutter Rosa Hubermann ist im Verhalten rau, aber dem Mädchen durchaus zugetan. Pflegevater Hans erobert schneller ihr Zutrauen. Wenn Liesel nachts aus Alpträumen erwacht, ist er bei ihr und tröstet sie. Auf ihren Wunsch beginnt er, ihr in der Nacht mit dem gestohlenen Buch das Lesen beizubringen. Und dann ist da noch ihr Freund Rudi. Rudi mit dem sie Fußball spielt, mit dem sie durch die Straßen Molchings streift, auf Diebestour geht oder ein Bonbon teilt. Rudi, der so gerne einen Kuss von Liesel möchte…

“Es bringt mich schier um, wie manche Menschen sterben.”

Aber es ist die Zeit des Nationalsozialismus, das bedeutet auch Judenverfolgung und Krieg. Eine ganze Zeit lang verstecken Hubermanns einen Juden in ihrem Keller. Neben der zusätzlichen Angst, die dies ins Haus der Familie bringt, wächst hier im Dunkeln eine tiefe Freundschaft heran. Eine, die das Denken und Handeln verändert. Eine, die das Unrecht nicht ignorieren kann, wenn Juden durch das Dorf nach Dachau getrieben werden. Der Krieg bringt Lebensmittelknappheit und Bomben, vielfaches Leid und Unrecht - und er bringt den Tod.

“Ich trug ihn sanft durch die zerschmetterte Straße, mit einem salzigen Auge und einem schweren, tödlichen Herzen.”

Die Bücherdiebin überzeugt auch durch ihren Erzähler. Es ist der Tod selber, der die Geschichte von Liesel und ihren Zeitgenossen erzählt, eine Figur die ihre ganz eigene Perspektive auf das Treiben der Menschen hat . Er erzählt von dem was er auf den Schlachtfeldern, in Gaskammern und in den Straßen sieht, er löst behutsam die Seelen aus den zerbrochenen und geschundenen Menschenleibern. Und weil er das Leid der Zurückbleibenden nicht erträgt, lenkt sich der Tod mit den Farben des Himmels ab. Markus Zusak findet für all dies eine besondere und bildhafte Sprache.

Der Roman erzählt nicht nur eine Geschichte über die Zeit des zweiten Weltkrieges. Er handelt auch von der Verantwortung zur Menschlichkeit und von der Kraft des Wortes, die den Menschen trotz der Zerstörung um in herum am Leben halten kann. Er tut dies auf eine Weise, die es leicht macht ihn gleichermaßen für Jugendliche ab etwa 13 Jahren wie für Erwachsene zu empfehlen.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin. Roman. Aus dem Englischen von Alexandrea Ernst. Blanvalet 2008.

Diese Rezension bezieht sich auf die Erwachsenen-Ausgabe. Bei cbj ist eine Jugendbuch-Ausgabe erschienen. Der Text beider Ausgaben ist identisch.

Der alte Goethe und seine junge Liebe

14. April 2008, 08:31:22

Der historische Hintergrund von Martin Walsers jüngstem Roman ist schnell erzählt: 1823 verliebt sich Johann Wolfgang von Goethe im Alter von 73 Jahren in die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Er hält um ihre Hand an, wird aber abgewiesen. Seinen Schmerz verarbeitet der Dichter in seiner berühmten Marienbader Elegie.

Bei einem Aufenthalt in Marienbad verliebt sich der alte Goethe in die junge Ulrike von Levetzow. Man kennt sich von früheren Gelegenheiten, doch das Mädchen von einst ist in der Zwischenzeit zur jungen Frau gereift. Goethe entflammt lichterloh und glaubt in ihrem Reden und Handeln eine positive Reaktion auf seine Gefühle zu erkennen.

“Wahrscheinlich wäre sie entsetzt, wäre auch ihre Mutter entsetzt, wenn beide wüssten, in welche Illusion er sich hineingelebt hatte. Wie er aus dieser Illusion herausfinden sollte, wusste er nicht.”

Im ersten Teil des Romans erzählt Martin Walser glaubhaft einen liebeskranken Goethe, der seine Verliebtheit mit Witz und Charme zu überspielen versucht, noch unentschlossen ob er diese Gefühlswelle zulassen soll, ob er sie überhaupt zugeben kann oder sich damit der Lächerlichkeit preisgibt. Schließlich bekennt er sich offen dazu, lässt durch den Großherzog Carl August der Mutter den Heiratsantrag übermitteln. Die Mutter reist mit ihren Töchtern nach Karlsbad ab. Goethe reist ihnen wenige Tage später nach…

“Ganze Schulen suchen ihr Heil in meinen Geständnissen, die besagen, dass man schreibend mit allem fertig wird, was einen, schriebe man nicht, umbringen könnte.”

Und so versucht er mit seiner Altersliebe, die ihn schüttelt als sei er ein noch junger Mann, schreibend fertig zu werden. Schreibend ist ihm Ulrike gegenwärtig, schreibend beobachtet er sich und was diese Liebe mit ihm macht. Dort wo Martin Walser einen Erzähler die Gespräche des Dichterfürsten mit Ulrike und ihrer Familie erzählen lässt, ist dieser Roman leicht, locker und spritzig - der fiktionale Goethe würde hier von `Rokoko´ reden. Die Verliebtheit des alten Mannes wird ergreifend beschrieben und als Leser kann man leicht mit dem sehr menschlich wirkenden Goethe mitfiebern. Im Verlauf des Buches wandelt sich die Atmosphäre. Zwar weiß die Liebe Goethes nichts von seinem zu hohen Alter, dafür aber die Gesellschaft und die eifersüchtige Schwiegertochter - es ist eine unmögliche, nicht realisierbare Liebe.

Mit der räumlichen Trennung von Ulrike und Goethe verengt sich die Perspektive über weite Strecken auf die Sicht des leidenden und reflektierenden Mannes, der in Briefen seine Gefühle und Beobachtungen darlegt. Hier fügt der Autor manchmal längere essayhafte Passagen ein, die den Lesefluss etwas hemmen können. Wortwahl und Charaktere wirken mitunter sehr modern für die damalige Zeit, fügen sich aber in den Text ein. Martin Walser ist mit “Ein liebender Mann” ein schöner Roman über eine unerwiderte Liebe gelungen, ein lebendig wirkendes Goethe-Bild, welches den Leser manchmal vergessen lässt, dass es in Wirklichkeit wahrscheinlich ganz anders war.

Martin Walser: Ein liebender Mann. Roman. Rowohlt Verlag 2008

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Die dreizehnte Geschichte. Roman (Diane Setterfield)

24. Januar 2008, 20:34:20

Die dreizehnte Geschichte ist der Debütroman der Romanistin Diane Setterfield. 2006 unter dem Titel The Thirteenth Tale erschienen, stieg das Buch in den USA direkt auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste.

Margaret Lea arbeitet im Antiquariat ihres Vaters und schreibt gelegentlich Biografien über wenig bekannte Personen. Sie ist eine passionierte Leserin, die täglich Bücher verschlingt. Bücher aus dem 19. Jahrhundert haben es ihr besonders angetan, Gegenwartsliteratur liest sie dagegen eigentlich nicht. Eines Tages erreicht sie ein Brief von der berühmten und erfolgreichen Schriftstellerin Vida Winter. Diese fordert sie auf, sie zu besuchen und ihre Biografie zu schreiben. Warum wendet sich die Bestseller-Autorin ausgerechnet an sie?

Eigentlich hat Margaret gar keine Lust ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, um die Lebensgeschichte von Vida Winter aufzuzeichnen. Sage und schreibe zweiundzwanzig Biografen haben dies schon versucht und sind gescheitert, da die Autorin immer wieder neue Geschichten über ihre Person und ihre Herkunft erzählt. Warum sollte sie also ausgerechnet ihr die Wahrheit erzählen? Doch spätestens als Margaret rauschhaft ein paar der Bücher von Vida Winter liest, ist ihre Neugier geweckt und sie lässt sich darauf ein. Wer also steckt hinter der Pseudonym Vida Winter?

Der Roman entfaltet sich in zwei miteinander verwobenen Erzählsträngen. In dem einen erzählt Vida Winter die Geschichte ihrer Familie, der Familie Angelfield, bis zu der Nacht als der Familiensitz niederbrannte. Todkrank wie sie ist, will sie endlich die Wahrheit preisgeben, will erzählen wie das war mit den Zwilligen Adeline und Emmeline und was in jener Nacht geschah. Auf der anderen Erzählebene erzählt Margaret Lea. Als Leser nimmt man daran teil, wie sie die Erzählungen der gefeierten Autorin aufnimmt und dem Sog teils erliegt, andererseits aber spürt, dass noch mehr dahinter steckt und eigene Recherchen aufnimmt. Die enge Beziehung zwischen den Geschwistern der verschiedenen Generationen rührt auch an Margarets eigenes Zwillings-Trauma. Spannung entsteht nicht nur daraus, dass die dunklen Geheimnisse nur allmählich enthüllt werden, sondern auch in der geschickten Verknüpfung von Vergangenheit und erzählter Gegenwart.

Atmosphärisch dicht und detailreich erzählt ist Die dreizehnte Geschichte auch eine Hommage an englische Romane des 19. Jahrhunderts und spielt mit ihren typischen Motiven: verfallene Ruinen, dunkle Familiengeheimnisse und rätselhafte Spukerscheinungen…

Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer. Karl Blessing Verlag 2007

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Thomas von Steinaecker: Wallner beginnt zu fliegen. Roman

21. Dezember 2007, 15:06:28


Thomas von Steinaeckers Debütroman war für den Deutschen Buchpreis nominiert und gewann den aspekte-Literaturpeis 2007.

Von Steinaeckers Roman ist eine Art von Familienroman, der sich aber von den gängigen Vorstellungen unterscheidet. Da ist Günter Wallner, auf den im Roman nur wenig eingegangen wird, sein Sohn Stefan der mit Ana einer Deutsch-Rumänin verheiratet ist und gemeinsam mit ihr einen Sohn hat: Costin. Costin hat ein wechselvolles Leben, beginnt mit einer Popstar-Karriere, wird zwischenzeitlich Synchronsprecher, gründet dann ein Rocklabel. Sehr spät erst erfährt er, dass er aus Popstar-Zeiten eine Tochter hat - Wendy. Erzählt wird jedoch nicht eine Familiengeschichte im Sinne einer Folge von Ereignissen die aufeinander folgen und zusammen gehören. Außerdem beginnt der Roman in unserer Zeit und endet in der Zukunft.

Im wesentlichen hat das Buch drei Teile, in denen je eine Figur im Zentrum des Textes steht. Der erste Teil handelt von Stefan Wallner, der zusammen mit seinem Freund Uli Wiget erfolgreich eine Firma führt, sich dann aber von seinen Freunden und seiner Familie entfremdet, u.a. Verfolgungswahn entwickelt und ein Doppelleben beginnt. Im zweiten Teil ist Costin die Hauptfigur, seine kurze Karriere in einer Castinggruppe und seine Versuche durch Alternativen den Abstieg zu vehindern. Costin treibt durch die Medienwelt, synchronisiert Filme, findet sich in einer Reality-Show wieder… Die Gründung eines eigenen Musiklabels scheint ihn etwas zu stabilisieren. Er erfährt, dass er eine fast volljährige Tochter hat, einst auf einer Aftershow-Party gezeugt und überrascht wie froh eine Tochter zu haben, versucht er eine Beziehung zu ihr zu entwickeln. Wendy ist die Hauptfigur der letzten Teils, anfangs noch Schülerin später promovierte Literaturwissenschaftlerin…

Sprachlich ist “Wallner beginnt zu fliegen” nicht schwer zu lesen. Die Sätze sind nicht sehr kompliziert, manchmal lakonisch. Schnell fällt jedoch auf, dass es sich immer wieder um kurze Ausschnitte handelt, die mitunter wiederholt werden, teils in Variationen. Der Text wirkt manchmal wie ein Montage, eine Collage aus verschiedenen Einstellungen und mit großen Lücken. Man hat den Eindruck von Puzzleteilen, die man als Leser zu einem Bild zusammensetzen  muss. Im letzten Teil des Buches stellt sich  heraus: es ist Wendy, die versucht sich aus dem Nachlass ihres Vaters ein Bild von ihrer Familie zu machen. Gegenstände, Fotos, Filmaufnahmen und Zeitungsausschnitte etc. versucht sie durch ihre Fantasie mit Leben zu füllen, frei nach der zu ihrer Zeit in der akademischen Welt wieder aufkommenden These, Geschichtsschreibung bediene sich “fiktionaler Plot-Muster”. Das Buch das man liest, so wird hier suggeriert, ist von Wendy geschrieben. Sie versucht sich einer möglichen Familiengeschichte anzunähern, in dem sie mögliche Ereignisabläufe und Beziehungen ausprobiert, da sie das wirkliche Geschehen nicht rekonstruieren kann.

Fazit: “Wallner beginnt zu fliegen” ist ein sehr interessantes Buch, durchkomponiert und mit einem ganz eigenen Reiz. Anfangs ist es allerdings aufgrund seiner Konzeption etwas anstrengend zu lesen. Lesern, die einen Roman suchen, in dessen Geschichte sie sich hinein fallen lassen können, um sich vom Handlungsstrom tragen zu lassen, mag man es allerdings nur eingeschränkt empfehlen. 

Thomas von Steinaecker: Wallner beginnt zu fliegen, Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 2007

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Fake Off!- Partnersuche im Internet (Roman)

5. Dezember 2007, 11:28:37

Alex ist 40 und arbeitet in der Computer-Branche. Den Mann ihres Herzens hat sie immer noch nicht gefunden. Was liegt also näher als im Internet nach einem Partner Ausschau zu halten? Einige Versuche hat sie auf Singleseiten schon unternommen und nur Enttäuschungen erlebt. Aber dann kommt sie über  ein Forum mit Roman in Kontakt.  Ist er vielleicht der Gesuchte? Der erste Eindruck von Roman - feinfühlig, intelligent, kultiviert - lässt sich nicht lange aufrecht erhalten, aber Alex will das nicht wahrnehmen. So sehr sehnt sie sich nach einem Partner, dass sie ihm noch eine Chance gibt als längst klar ist, dass er nicht der Richtige für sie ist …

Anke Behrend erzählt frisch und man hat das Gefühl, man säße mit einer Freundin zusammen, die einem ihr Herz ausschüttet. Der erste Teil des Buches konzentriert sich darauf, die scheinbaren Traumprinzen als das was sie sind zu entlarven. Mit Witz und einem Gespür für komische Szenen stellt sie sie bloß. Was anfangs noch Spaß macht, fängt dann aber irgendwann an zu nerven: pausenloses Geschimpfe und Gelästere ist nicht jedermanns Sache - meine jedenfalls nicht. Gerade noch rechtzeitig bringt die Autorin mit einer Wendung Spannung und neuen Pepp ins  Spiel, der die Lektüre wieder interessanter macht.

Anke Behrend: Fake Off! Röschen-Verlag 2007

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“Heimweg” - der erste Roman von Harald Martenstein

27. November 2007, 12:09:44

Harald Martenstein ist als launiger Kolumnist der ZEIT etlichen Lesern bekannt. Sein Roman “Heimweg” stand auf der Nominierungsliste für den aspekte-Literaturpreis und wurde mit dem Corine-Debütpreis (Rolf-Heyne-Debütpreis) ausgezeichnet.

Joseph kommt aus russischer Kriegsgefangenschaft ins Nachkriegsdeutschland zurück. Es wundert ihn nicht wirklich, dass ihn seine Frau nicht am Bahnhof abholt, doch mit dem Anblick, den ihn bei der geöffneter Wohnungstür erwartet, hat er nicht gerechnet. Ein Mann öffnet ihm die Tür, die Pistole noch in der Hand und hinter ihm liegt Josephs Frau Katharina angeschossen auf dem Boden. Er entreisst dem  Mann die Pistole, versorgt seine Ehefrau, die daran anschließend versucht ihn zu verhaften zu lassen - eines ist schnell klar: Josephs Heimweg zurück in sein Leben fängt hier erst richtig an.

“Heimweg” schildert wie die beiden versuchen sich wieder aneinander zu gewöhnen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Joseph möchte seine Kriegserinnerungen vergessen und seine Frau wiedergewinnen, sie möchte einfach nur ihr Leben genießen und weiter  als “Schöntänzerin” in der Bar ihrer Schwester arbeiten.

Martenstein lässt Josephs Enkel erzählen, ein altklug wirkendes ganz besonderes Kind, das die Erinnerung an Joseph wachhalten will. Der Autor spielt mit dieser Rolle, lässt den Enkel das Erzählen reflektieren. Das mag wie ein Selbstzweck wirken, trifft jedoch zumindest nicht immer zu. So sagt das Erzähler-Kind, Bescheibungen seien seine Sache nicht, die fände es langweilig. Aber um sich zu erholen, seien Beschreibung gut geeignet. Dann fängt es ”seelenruhig” an, Josephs Bekleidung und Ausrüstung im Krieg zu schildern und lässt die Schilderung in der Erzählung münden, wie er einen Soldaten exekutiert und einen 14-jährigen Jungen erschießt. Der Kontrast lässt das Grauenvolle also umso stärker hervorspringen.

Harald Martensteins Roman erzählt von Verlierern im Wirtschaftswunderland, von Gezeichneten, die an ihren seelischen Wunden leiden und sich deshalb ihre eigene Realität erschaffen. Dabei schildert er auch das Komische im Traurigen, wechselt zwischen Groteske, Ironie und der Schilderung des Alltags wie des Grauens. Ein beachtenswerter Erstling!

Harald Martenstein: Heimweg, Roman. C. Bertelsmann Verlag 2007.

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Buchtipp: “Die Mittagsfrau” von Julia Franck

20. Oktober 2007, 11:35:20

Nach Kriegsende ist eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn auf der Flucht vor der Roten Armee. In einem Bahnhof steigen sie um, sie lässt ihn auf dem Bahsteig warten und sagt, dass sie gleich wiederkäme. Sie wird nicht wiederkommen. Peter, so heißt der Junge, wird umsonst auf seine Mutter warten.

Dieses verstörende Bild malt Julia Franck in dem Prolog zur “Mittagsfrau”, ein Bild das Fragen aufwirft. Von den Geschichten die an ein solches Bild anschließen können, drängen sich zwei ganz besonders auf: eine Geschichte, die erzählt wie es dazu kommen konnte oder die Geschichte,  die erzählt wie das Kind nach diesem traumatischen Erlebnis weiterlebt, weiter leben kann. Julia Franck erzählt im wesentlichen die erste dieser Geschichten.

Es ist die Geschichte von Helene, der jüngsten Tochter des Buchdruckmeisters Würsich und seiner jüdischen Frau Selma. Sie beginnt mit einer allenfalls äußerlich idyllisch wirkenden Kindheit in Bautzen. Die Mutter nimmt ihre Töchter kaum wahr, vor allem nicht die jüngste, Helene. Sie trauert den bei der Geburt verlorenen Söhnen nach. Nachdem ihr Ehemann gegen ihren Willen in den ersten Weltkrieg zieht, aus welchem er schwer verletzt und sterbend zurückkehren wird, zieht sich Selma immer mehr in sich zurück und stößt ihre Töchter zunehmend von sich. `Blind am Herzen´ nennt Helene ihre Mutter und sucht Kompensation in einer sehr engen Beziehung zu ihrer Schwester Martha. Als sich für die beiden Schwestern die Möglichkeit ergibt zu ihrer Tante Fanny nach Berlin zu ziehen, nehmen die Beiden die Gelegenheit gerne wahr. Martha arbeitet dort als Krankenschwester und stürzt sich in ihrer Freizeit ins Berliner Nachtleben. Helene hat ebenfalls Krankenschwester gelernt und würde gerne studieren, muss sich aber vorerst mit einer Stelle bei einem Apotheker zufrieden geben. Während sich ihre Schwester im Berlin der goldenen Zwanziger vergnügt, bleibt sie die ersten Jahre abends alleine zuhause und liest sich durch die Bibliothek der Tante. An ihrem neunzehnten Geburtstag darf sie erstmals mit und lernt den Studenten Carl kennen. Bald sind sie ein Paar und wollen heiraten, doch Helenes Leben wird sich nicht in der Weise entwickeln, wie sie es zu diesem Zeitpunkt hoffen darf.

Julia Franck erzählt mit einer zurückhaltenden Erzählerstimme. Sie erzählt die Mutter Selma, die trotz ihrer Ich-Bezogenheit manchmal für Augenblicke liebenswert erscheint, genauso wertfrei und kommentarlos, wie das Leben und Verhalten ihrer Tochter Helene, deren kurze und lieblose Ehe mit dem Ingenieur Wilhelm, ihren Umgang mit den Patienten, ihrem Sohn Peter, der Angst vor der Entdeckung ihrer jüdischen Herkunft. Die beiden Frauen erscheinen dennoch als Opfer der Verhältnisse und des Schicksals. Helene verstummt, zieht sich ebenfalls zurück, wenn auch auf eine andere Weise als ihre Mutter, denn sie ist heillos überfordert. Während eines Waldspaziergangs, so kann man vermuten, kommt ihr der Gedanke ihr Kind zurück zu lassen. Aber nicht weil ihr Sohn ihr gleichgülitg wäre, dagegen sprechen andere Situationen, etwa ihre Reaktion als sie Peter in der zerstörten Wohnung an sich drückt. Helene verlässt ihr Kind, weil sie glaubt, dass es Peter überall besser haben wird als ausgerechnet bei ihr. Der Gedanke, dass dies vielleicht das Schlimmste ist, was sie ihm anzun kann, scheint ihr nicht zu kommen…

Figuren die Helene näher sind, werden lebendiger gezeichnet als andere, die manchmal etwas oberflächlich wirken. Dies trifft insbesondere auf die Männer dieses Romans zu, die Helene weitgehend fremd bleiben und damit auch dem Leser. Im weiten Bogen durch Helenes Lebenslauf kann man manchmal vergessen, worum es ursprünglich eigentlich ging - langweilig wird dieser Familienroman aber deshalb noch lange nicht.

Julia Franck: Die Mittagsfrau, Roman.  S. Fischer, 2007.

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