Eine Agentenstory als Graphic Novel

2. Juni 2008, 18:58:37


Isabel Kreitz ist wohl die bekannteste Comic-Zeichnerin Deutschlands. 1997 wurde sie mit dem Deutschen Comic-Preis ausgezeichnet. Neben eigenen Storys zeichnet sie auch Comic-Adaptionen wie zum Beispiel Erich Kästners “Der 35. Mai” und “Die Entdeckung der Currywurst” nach dem Roman von Uwe Timm. “Die Sache mit Sorge” spielt zwischen Mai und Oktober 1941, den letzten fünf Monaten im Leben des deutschen Journalisten und Spions Dr. Richard Sorge.

1941 reist die Cembalo-Spielerin Eta Harich-Schneider nach Tokio und wohnt im Hause des deutschen Botschafters Eugen Ott. Sie lernt dort Richard Sorge kennen, der regelmäßig im Hause verkehrt. Zwischen den beiden entbrennt eine Affäre. Schon bald gesteht Sorge ihr seine Spionagetätigkeit für die Sowjetunion. Doch dort hört man nicht auf ihn, als er vor einem geplanten Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion warnt. Denn Stalin glaubt weiterhin an den Nichtangriffspakt mit Deutschland…

Isabel Kreitz nähert sich der Figur Richard Sorge von mehreren Seiten. Neben seiner Spionagetätigkeit zeigt sie den Menschen Sorge, der an der Einsamkeit seines Berufs zerbricht, der Alkoholsucht verfällt und zuletzt leichtsinnig seine Sicherheit und die seiner Mitarbeiter im Sorge-Ring auf´s Spiel setzt. Nebenbei schildert sie das realitätsfremde Leben der nationalsozialistischen deutschen Gemeinde in Tokio, die weiterhin ihr kulturelles Leben mit Konzerten und Cocktailpartys pflegt…

In die szenischen Darstellung der Geschehnisse fügt die Autorin mehrfach Seiten ein, die mehr erzählenden Charakter haben. Verschiedene Personen aus dem Umfeld Sorges äußern sich dort zu den Ereignissen aus ihrer jeweils subjektiven Sicht und helfen dem Leser die Geschehnisse besser einzuordnen. Sie erinnern an die Interviews von Zeitzeugen, wie sie in den letzten Jahren vielfach in historischen Doku-Sendungen im Fernsehen zu sehen sind.

Der Klappentext preist das Buch als eine Geschichte fern aller Agentenklischees. Dem ist insofern zuzustimmen, als diese Graphic Novel sicher nichts für Leser ist, die nach einer typischen actionreichen Agentengeschichte suchen. Die Comicautorin hat für diese Story verschiedene Quellen aus Ost und West herangezogen und die unterschiedlichen Blickwinkel berücksichtigt. Das Bemühen, die Geschehnisse historisch fundiert und aus mehreren Perspektiven darzustellen ist vielfach zu spüren. Die Folge ist, dass dieses Buch dadurch weniger im klassischen Sinne unterhaltend, aber dafür informativer auf den Leser wirkt, als man dies zuerst vermuten würde. Historisches Hintergrundwissen ist zum besseren Verständnis der Handlung jedoch sehr hilfreich. Insofern ist die achtseitige Dokumentation im Anhang ausdrücklich positiv hervorzuheben.

Fazit: “Die Sache mit Sorge” ist eine ernst zu nehmende Graphic Novel für geschichtsinteressierte Leser ab 16 Jahren. Leser die nach einem packenden Agententhriller suchen, sind jedoch wahrscheinlich mit anderen Büchern besser bedient.

Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio. Mit einer Dokumentation von Frank Giese, Carlsen 2008.

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Krimi: Tod auf dem Jakobsweg (Petra Oelker)

14. Januar 2008, 09:30:41

Das erste Opfer in Petra Oelkers jüngstem Krimi findet noch vor Einsetzen der eigentlichen Handlung den Tod - irgendwo oben in den Bergen, wo der zunächst anonym bleibende Mann mittleren Alters sich nach seiner Flucht in Sicherheit glaubte. Zu Unrecht, wie er im letzten Augenblick erkennt, denn er wird einen steilen und schroffen Abhang hinunter gestoßen.

Auch seinen Tod wird Eleonore Peheim, 37 und Journalistin in Hamburg, aufklären helfen. Leo macht einen zweiwöchigen Urlaub in Spanien - eine moderne Variante der Pilgerreise auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, zusammen mit einer Reisegesellschaft. Maßvolle Wanderetappen in südlicher Landschaft, das Gepäck vom Bus transportiert und abends ein Hotel, das hört sich verheißungsvoll an. Doch schon am ersten Wandertag stürzt Benedikt Siemsen, ein Mitglied der Gruppe, einen Abhang hinunter und liegt im Koma. Auf den ersten Blick sieht es nach einem unglücklichen Unfall aus, doch schnell hat Leo den Verdacht, dass Benedikt einem Mordversuch zum Opfer gefallen ist. Verdächtig sind zum Beispiel auch einige aus ihrer Gruppe: die Freundin des Opfers etwa und andere Mitreisende, die manchmal ohne weitere Erklärung für kurze Zeit verschwinden. Auch Inspektor Obanos , vom behandelnden Arzt auf ein paar verdächtige Hämatome hingewiesen, hat einige Zweifel daran, dass es reiner Zufall ist, wenn innerhalb so kurzer Zeit zwei Menschen am gut gesicherten Jakobsweg stürzen. Doch Leo wird noch etliche Kilometer auf der tausendjährigen Pilgerroute gehen müssen, bis sie die dunklen Geheimnisse lüften kann, die hinter den Stürzen stehen.

Der Kriminalroman ist häufig durchsetzt von Beschreibungen der Reiseroute oder historischen Hintergründen zum Jakobsweg und den Sehenswürdigkeiten am Rande des Weges. Dies “verlangsamt” die Handlung natürlich etwas, ist aber durchaus interessant und gut in die Handlung eingebunden. Ein geschicktes Mittel zur Spannungserhöhung sind die eingestreuten kurzen Kapitel aus der Sicht des Auftraggebers. Sie geben Hinweise zu seinen Motiven, geben Gesprächsfetzen mit dem beauftragten Killer wieder. Dabei wird genau so viel verraten, wie notwendig ist um die Fantasie des Lesers in verschiedene Richtungen zu entfachen, aber nicht so viel, dass man den Täter identifizieren kann. Flüssig geschrieben bietet “Tod auf dem Jakobsweg” also alles in allem kurzweilige Unterhaltung.

Petra Oelker: Tod auf dem Jakobsweg. Kriminalroman Rowohlt Taschenbuch Verlag 2007

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Thriller: Nachtflug (Nelson DeMille)

19. November 2007, 13:15:47


“Night Fall” ist der Titel der Originalausgabe, die 2005 als Hardcover im Ullstein Verlag als Hardcover erschienen ist. Der Thriller liegt seit März nun auch als Taschenbuch vor.

Die Romanhandlung basiert auf wahren Gegebenheiten, unter anderem einem Flugzeugabsturz am 17. Juli 1996 vor Long Island / New York. Nelson DeMille stützt sich auf die Fakten und veröffentlichten Berichte, hat aber für die Arbeit an seinem Roman auch selbst Ermittler und Augenzeugen interviewt. Offizielle Unglücksursache für den Absturz von TWA-Flug 800 war ein technischer Defekt, der zu einer Explosion und dem Absturz führte. Doch es gab auch Augenzeugenberichte, die auf andere Ursachen hinweisen. Diesen Zweifel am Hergang nutzt DeMille als  Kern, um den er einen plausiblen wie beklemmenden Thriller aufbaut.

Der Roman beginnt mit der Schilderung eines Paares, das seine außereheliche Beziehung am Strand auf Video aufnimmt und dabei unbeabsichtigt den Flugzeugabsturz und die ausschlaggebenden Minuten davor aufnimmt.

Fünf Jahre später begleitet der ehemalige Detective John Corey, der nun bei der Antiterror-Task Force arbeitet, seine Frau Kate Mayfield auf eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Absturzes. Seine Frau ist FBI-Agentin und hat seinerzeit Augenzeugen befragt. Kate hat Zweifel an der offiziellen Darstellung der Geschehnisse. Ein weiterer FBI-Agent ist ebenfalls auf der Veranstaltung anwesend und warnt John Corey davor in dieser Sache tätig zu werden. Er droht ihm mit Konsequenzen, doch das reizt Corey umso mehr…

“Zu jedem Rätsel auf dieser Welt gibt es auch eine Lösung. Man muß nur lange genug leben, um sie zu finden.”

Die Romanhandlung dreht sich um die Suche nach dem Liebespaar und dem Video, das möglicherweise alle Zweifel an den Geschehnissen beseitigen könnte. Die Drohung der FBI-Kollegen war eindeutig und so ist Corey gezwungen, seine Spuren so gut wie möglich zu verwischen und immer einen Schritt weiter zu sein. Seine frühere Arbeit in der Mordkommission kommt ihm dabei immer wieder zugute, ebenso seine Kontakte aus dieser Zeit.

Nelson DeMille hat mit John Corey einen knurrigen Cop geschaffen, der sehr lebendig wirkt. Als Ich-Erzähler teilt er dem Leser seine Sicht der Dinge mit und spart dabei nicht an bissig-ironischen Kommentaren. Den Spannungsbogen hält der Autor nicht durchgängig, aber die zweite  Hälfte des Thrillers ist bis zum Schluß spannend - selbst dann, wenn man als aufmerksamer Leser gegen Ende eine Ahnung hat, wohin das Finale führt. Weiterhin ist positiv zu vermerken, dass der Autor es dabei schafft,  größtenteils auf Gewalt zu verzichten: Blut fließt nur selten und die Schilderungen verzichten völlig auf Effekthascherei durch eine blutrünstige Zurschaustellung.

Nelson DeMille: Nachtflug, Roman. Aus dem Englischen von Georg Schmidt. Ullstein Taschenbuch 2007

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Ein neuer Krimi in der Kristof Kryszinski-Reihe

22. September 2007, 13:07:13


Für seine Romane “Prickel” (1998) und “Der Willi ist weg” (2001) hat Jörg Juretzka den Deutschen Krimipreis erhalten. In seiner Reihe um den Detektiv Kristof Kryszinski ist kürzlich ein neuer Kriminalroman mit dem Titel “Bis zum Hals” erschienen.

Privatdetektiv Kryszinski steckt mal wieder bis zum Hals in Schwierigkeiten. Von seinem letzten Kunden um das Honorar geprellt, fährt er nachts schlecht gelaunt nach Hause, als ihm ein schmächtiger blonder Mann vor das Auto gestoßen wird. Er kann nicht mehr schnell genug ausweichen und überfährt ihn. `Körperverletzung mit Todesfolge´ meint die Polizei und möchte am liebsten den  Führerschein des wegen seiner Alkohol- und Drogendelikten berüchtigten Detektivs einziehen. Kryszinski nimmt Ermittlungen auf. Wer ist der Unbekannte und wer hatte ein Motiv ihn zu töten? In dem Wagen den das Opfer benutzt hat, findet er - gut versteckt - Papiere und einen Schlüssel. Die Papiere weisen ihn als einen Russen aus. Als kurze Zeit später die Witwe vor seiner Tür steht, verkompliziert sich alles. Nicht nur, dass Kryszinski sich in sie verliebt, ganz offenbar sind die Mörder ihres Mannes auch hinter Anoushka her.  Aber da war ja auch noch die Geschichte mit seinem letzten Auftraggeber: Kryszinski hat sich zur Untermauerung seiner Forderung das Schlüsselbord des Fuhrparks `ausgeliehen´, was der Klient gar nicht witzig findet und ihm einen Schlägertrupp auf den Hals schickt…

Privatdetektiv Kryszinski muss also einen mehrfachen Spagat versuchen: Anoushka schützen und für sich gewinnen, sein Geld eintreiben, den Schlägern nicht in die Arme laufen und die Mörder überführen. Was er auch tut, er reitet sich immer tiefer in Schwierigkeiten. Mehr als einmal wird es brenzlig für den Helden, der eigentlich gar keiner sein will.

Es geht turbulent zu in Juretzkas neuem Krimi, manches wirkt etwas übetrieben und überdreht. Wer sich daran nicht stört, findet mit “Bis zum Hals” kurzweilige Unterhaltung mit einem trotz aller Fehler sympathischen Helden, der sich ironisch-selbstkritisch auch mal selber auf die Schippe nimmt. Der Humor ist einer der Pluspunkte dieses Romans, ob in den Dialogen oder in den Überlegungen des gebeutelten Privatdetektivs.

Jörg Juretzka: Bis zum Hals. Kriminalroman. Ullstein Taschenbuch 2007

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Skandinavischer Krimi - Kakerlaken (Jo Nesbo)

10. August 2007, 10:46:23

Der im März auf deutsch erschienene Kriminalroman “Kakerlaken” (Kakerlakkene, 1998) ist eigentlich der zweite Roman in der Harry-Hole-Reihe des norwegischen Autors Jo Nesbo und schließt damit eine Lücke.

In Bangkok wird der norwegische Botschafter in einem zwielichten Motel ermordet aufgefunden. Harry Hole wird beauftragt als Sonderermittler seine thailändischen Kollegen  bei der Aufdeckung des Mordes zu unterstützen. Es dauert nicht lange bis sie einige brisante Entdeckungen machen. Im Koffer des Toten finden sie Fotos, die darauf schließen lassen, dass der Botschafter ein Pädophiler war. Weitere Nachforschungen ergeben, dass er Wettschulden hatte und seine Ehe aufgrund homosexueller Neigungen wohl kaum mehr als solche bezeichnet werden konnte. Eine heikle Sache, war der Verstorbene doch eng mit amtierenden norwegischen Premierminister befreundet, ja hatten die beiden sogar eine zeitlang zusammen gewohnt. Harry Holes norwegische Vorgesetzte haben also kein großes Interesse daran, dass er die Wahrheit ans Licht bringt und die norwegische Presse Wind davon bekommt…

Der Krimi ist äußerst kurzweilig und spannend geschrieben, mit einigen überraschenden Wendungen, die gleichwohl im Rückblick einleuchtend sind. Mehr als einmal gerät der Ermittler in Lebensgefahr, denn nichts ist wie es scheint und Harry Hole  bewegt sich in skrupellosen und mächtigen Kreisen.

Der “Finnische Krimipreis” in der Kategorie `International´ wurde 2007 an die Hary-Hole-Reihe von Jo Nesbo vergeben. Der sechste Band dieser, bei Lesern wie Kritikern zu Recht beliebten Krimireihe, wird diesen Monat unter dem Titel “Der Erlöser” bei Ullstein Hardcover auf deutsch erscheinen.

Jo Nesbø: Kakerlaken. Kriminalroman. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein Taschenbuch 2007

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Jacques Berndorf: Ein guter Mann (Krimi)

7. Juli 2007, 15:06:52

Ein Mann schlägt in einem blutigen, bizzaren Ritual eine Prostituierte tot, der syrische Informant eines Mitarbeiters des BND verhält sich mit einem Mal merkwürdig und verschwindet schließlich spurlos. Hat der computerverrückte Syrer etwa etwas mit dem Raub des radioaktiven Materials zu tun, das eine Gruppe Unbekannter bei einem brutalen und raffiniert durchgeführten Überfall erbeutet hat?

Karl Müller war früher ein Angehöriger des SEK und ist nach einem Vorfall zum BND gewechselt. Zu seinen Informanten gehört Achmed aus Damaskus, zu dem sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft entwickelt hat. Als Müller auf eine alarmierende Nachricht Achmeds anreist, findet er seinen Freund verändert vor. Er wirkt verunsichert und verheimlicht ihm etwas. Bald danach wird der Informant in Berlin gesehen und verschwindet dann spurlos. Was ist nur mit Achmed los? Dabei hat Müller schon genug andere Sorgen - gerade hat er sich von seiner Familie getrennt und sein Vater liegt nach einem Schlaganfall mit nur wenig Überlebenschancen im Krankenhaus. Nach kurzer Zeit wird bei einem Überfall auf einen Sicherheitstransport radioaktives Material gestohlen, das zur Krebsbehandlung in der Berliner Kliniken vorgesehen war. Es scheint wahrscheinlich, dass Terroristen eine schmutzige Bombe bauen wollen. Politik und Öffentlichkeit vermuten radikale Islamisten als Drahtzieher, aber die Hinweise die Müller und seine Kollegen finden, weisen in eine völlig andere Richtung. Damit nicht genug, verstärken auch die Mitarbeiter anderer Geheimdienst ihre Aktivitäten in Berlin und versuchen auf ihre Art und Weise an Informationen heran zu kommen.

Mit diesem Kriminalroman beweist Jacques Berndorf  einmal mehr, dass er nicht nur Eifel-Krimis schreiben kann. Unterhaltsam und zeitweise spannend greift der Autor in diesem Krimi aktuelle Themen auf und baut sie in einen interessanten Plot ein. Der Roman ist konsequent aus der Sicht der Hauptperson geschrieben und lässt daher tiefe, menschliche Einblicke in diesen “einsamen Helden” zu.

Jacques Berndorf: Ein guter Mann. Erstausgabe Heyne 2005 (Hardcover), seit März 2007 auch broschiert erhältlich.

Krimi-Vergnügen aus England

16. April 2007, 22:37:32

Lust auf einen Krimi? Alle Krimis von Autoren, die man auf den Bestsellerlisten findet schon gelesen? Wer bereit ist, sich auf eine etwas andere Erzählweise einzulassen, sollte sich vielleicht mal die Krimis um das Ermittlerteam Dalziel und Pascoe von Reginald Hill ansehen. In England schon lange bekannt, findet die Krimireihe auch hierzulande immer mehr Anhänger.

Im Original unter dem Titel “The Wood Beyond” schon 1996 erschienen, ist “Der Wald des Vergessens” seit 2005 auch in deutscher Sprache erhältlich. Worum geht´s? Beim Versuch zu einem versteckt gelegenen Pharmalabor vorzudringen, entdeckt eine Gruppe von Tierschutz-Aktivisten auf dem Gelände des Pharmakonzerns Teile einer Leiche. Andrew Dalziel von der Kriminalpolizei Mid Yorkshire muss die Ermittlungen zunächst alleine leiten, da sein Kollege Peter Pascoe die Nachlassverwaltung seiner gerade verstorbenen Großmutter übernommen hat. Aber auch seiner Rückkehr in den Dienst ist Pascoe für Dalziel kaum zu gebrauchen, führt doch der letzte Wunsch der Verstorbenen dazu, dass Pascoe Nachforschungen über den in der Familie totgeschwiegenen Urgroßvater anstellt. Dieser ist unter ungeklärten Umständen im 1. Weltkrieg gestorben. Dalziel scheint also die meiste Zeit alleine an der Auflösung des Falls zu arbeiten. Zu allem Überfluss hat er sich ausgerechnet in die Tierschützerin verliebt, die nach einem weiteren Todesfall als Hauptverdächtige gelten muss.

“Der Wald des Vergessens” kommt anfangs ein bisschen schwer in Gang, zumal nicht sofort klar ist, was Peter Pascoes Vorfahren und der 1. Weltkrieg mit alledem zu tun haben. Durchhalten wird aber belohnt. Da sich Reginald Hill mehrerer Erzählstränge und Erzähler bedient, sollte man das Buch aber aufmerksam lesen, entgehen einem doch sonst Details und Zusammenhänge, die sich später noch als bedeutungsvoll erweisen werden. Die Figuren haben einen ausgeprägten Charakter, allen voran Dalziel und Pascoe die kaum gegensätzlicher sein könnten. Auffällig sind die zahlreichen Anspielungen, insbesondere auch auf Werke der (vorwiegend englischen) Literatur. Sie werden im Anhang erläutert und teilweise im Original zitiert. Wem das blättern zu lästig ist, kann sie auch einfach ignorieren und wird der Handlung dennoch folgen können - sollte sich aber darüber im klaren sein, dass er sich selber eines zusätzlichen Vergnügens beraubt.

Reginald Hill: Der Wald des Vergessens, Ein Roman mit Dalziel und Pascoe, Aus dem Englischen von Xenia Osthelder, Europa Verlag 2005

Mehr Roman als Krimi

3. März 2007, 20:12:29

Eines Tages liegt der Schäfer George Glenn tot auf einer irischen Weide - vom eigenen Spaten durchbohrt. Seine Herde will “Gerechtigkeit!”, legt die vorhandenen Talente der Schafe zusammen und versucht den Fall gemeinsam aufzuklären. Ihr Schäfer hatte ihnen jeden Tag aus Romanen vorgelesen und mit diesem “Vorwissen” über Menschen und Kriminalermittlungen, wollen sie dem Täter auf die Schliche kommen. Das ist, ganz grob skizziert, die Handlung in “Glennkill” von Leonie Swann.
Tiere als Ermittler in einem Kriminalroman, das ist ja nun nichts Neues, aber ausgerechnet Schafe?! Entsprechend neugierig war ich auf die Umsetzung dieser originellen Idee, hatte aber dennoch eine gewisse Erwartungshaltung.
Ja, der Schafskrimi von Leonie Swann weist Züge eines Detektivromans auf. Das Detektivteam und ihre Bemühungen den Todesfall aufzuklären stehen im Mittelpunkt der Handlung, der Leser verfolgt wie die Schafe nach Indizien suchen und wie sie daraus ihre Schlüsse ziehen. Aber letztlich ist es dennoch eher eine Nebensache, wer für den Tod des Schäfers verantwortlich ist, ein Aufhänger um daran eine Geschichte anzuknüpfen. Gewichtiger als die Auflösung des Falles sind jedoch die Schafe und ihre Sicht auf die Dinge. Es ist also die Darstellung der Eigenheiten der dieser so unterschiedlichen Schafe, ihr Welt- und ihr Menschenbild die das Wesentliche dieses Buches ausmachen. Da gibt es naive, mutige, geheimnisumwitterte Schafe. Welche die einen ausgeprägten Geruchssinn oder ein gutes Gedächtnis haben und auch einen Widder der etwas mehr Erfahrungen mit Menschen hat. Es ist amüsant die Sicht dieser wolligen Vierbeiner zu entdecken, ihre Vorstellung von der Seele, dem Leben nach dem Tod und dem Bild von Europa als einer Wiese voller Apfelbäume. Der etwas andere Blick auf die Menschen ermöglicht es, auf witzige Weise menschliches (Herden-) Verhalten zu hinterfragen. Verständnisfehler der Schafe bleiben nicht aus und so ist mach eine Interpretation der Vorgänge “haarsträubend” komisch.
“Glennkill” spielt auch mit literarischen Vorlagen, schon die Wahl der Namen zeigt das deutlich. Eine der Hauptermittlerinnen ist das Schaf Miss Maple, mit von der Partie ist auch der schwarze Widder Othello (nebenbei - auch in “Glennkill” spielt ein besticktes Tuch eine wichtige Rolle) und Inspektor Holmes ist offensichtlich kein besonders begabter Detektiv.
Auch wenn am Ende ein Mord und ein Todesfall aufgeklärt sind, ist der Schafskrimi aus meiner Sicht mehr Roman als Krimi. Leser, die auf eine durchweg spannende, nach vorne treibende Handlung Wert legen, in der es im wesentlichen um die Klärung eines Mordfalls geht, dürften wohl enttäuscht sein. Atemlose Spannung gibt es hier stellenweise, die Kriminalhandlung hat aber zwischendurch auch ein paar Längen. Im letzten Teil des Romans hat die Schafherde eine neue Schäferin, die den Schafen vorliest. Wenn diese den Schafen nun ankündigt, ihnen in Kürze “Das Schweigen der Lämmer” vorlesen zu wollen, so hat das was, könnte der Kontrast zwischen dem Thriller von Thomas Harris und dem Schafskrimi kaum größer sein.
Leser, für die ein spannender Plot nicht das Wichtigste ist, die aber Wert darauf legen mit Charme und Ironie unterhalten zu werden, können durchaus vergnügliche Lesestunden mit Leonis Swanns Schafen verbringen.

Leonie Swann: Glennkill, Ein Schafskrimi, Goldmann 2005.

Familiendrama als Kriminalroman

29. Januar 2007, 13:54:19

Zwei ungleiche Brüder, deren Verhältnis durch Eifersucht und lang vergangene Ereignisse belastet ist, die betrogene Ehefrau des einen, die gerade feststellen musste, dass die Geliebte ihres Mannes ausgerechnet eine alte Freundin von ihr ist, sowie die Eltern der Brüder ( die Mutter mit einer Neigung zu romantischen Dichtern, der Vater ein Hypochonder) - das sind die Hauptpersonen mit denen Ingrid Noll in ihrem 2003 erschienenen Krimi “Rabenbrüder” ihre Familientragödie entwickelt. In den ersten Kapiteln des Romans ist noch vieles offen, denn so einige der Figuren hätten ein Motiv jemanden zu ermorden: Annette als betrogene Ehefrau zum Beispiel, zumal sie ein Indiz dafür entdeckt, dass ihr Mann es vielleicht darauf abgesehen hat ihr Vermögen zu erben. Dieser steht nämlich finanziell längst nicht so gut da, wie sie bislang dachte. Aber auch weitere Familienmitglieder hätten Motive und so wird das erste Todesopfer jemand ganz anderes sein…

Auch in diesem Krimi gehen Ingrid Nolls Figuren nicht sehr feinfühlig miteinander um und so kommen, teils durch Krisensituationen teils durch Kindheitserinnerungen, Hintergründe und Zusammenhänge ans Licht. Allmählich kristallisiert sich heraus, was wirklich hinter all dem steckt und wie es zu dieser verhängnisvollen Entwicklung kommen konnte.

Die Bilanz nach 24 Kapiteln: Vier Tote und einige (seelisch wie körperlich) Verletzte auf Seiten der Romanfiguren, einige Schmunzler und kurzweilige Stunden bei mir. Sicher, “Rabenbrüder” reicht an manch frühere Romane wie “Die Apothekerin” nicht wirklich heran, bietet aber amüsante Unterhaltung. Wenn man die Lektüre nicht mit allzu hohen Erwartungen beginnt, ist der Roman als Lesestoff für verregnete Sonntage, für Baggersee oder Strand durchaus geeignet.

Ingrid Noll: Rabenbrüder, Diogenes, Erstausgabe 2003

Ingrid Noll über Senioren voller Lebenslust

29. Dezember 2006, 11:45:21

Die Romane der erfolgreichen Krimi-Autorin wurden bislang in 21 Sprachen übersetzt. Dieses Jahr ist „Ladylike“ erschienen, ein Roman in dem die Hauptfiguren zwei lebenslustige Seniorinnen sind, die eine Frauen-WG gründen.
Ins Altersheim ziehen? Das kommt für Anneliese und Lore nicht infrage. Für die beiden Freundinnen steht schon lange fest, dass sie im Alter eine Wohngemeinschaft gründen wollen. Nachdem die seit über 20 Jahren geschiedene Lore nun ihr Schmuckgeschäft an ihren Mitarbeiter Rudi verkauft hat, zieht sie mit in das Häuschen ihrer verwitweten Freundin Anneliese. Diese ist mollig, von warmer Ausstrahlung und eine leidenschaftliche Gärtnerin, die sich gut mit den segensreichen wie den todbringenden Wirkungen mancher Heilkräuter auskennt. Lore dagegen wirkt kühler und ist ein schlanker und eleganterer Typ. Kleine Spannungen zwischen den ungleichen Freundinnen bleiben natürlich nicht aus, aber ansonsten fühlen sich die beiden Damen in ihrer „Witwen“-WG so wohl, wie es das älter werden erlaubt. Als jedoch Ewald, ein Jugendfreund der beiden Damen, vor der Tür steht bringt er die austarierte Balance aus dem Gleichgewicht. Der ebenfalls rüstige Senior, dessen Ehefrau in einer nahegelegenen Klinik behandelt wird, sorgt dafür, dass zwischen Anneliese und Lore ein kleiner Wettstreit und Eifersucht entstehen. Aber hat Ewald vielleicht eine Geliebte oder wohin verschwindet er abends immer wieder? Haben Annelieses Kräuter irgendwas mit dem plötzlichen Tod von Ewalds Frau zu tun? Aber auch sonst wird den beiden nicht langweilig. So fahren sie zum Beispiel zusammen mit Lores Nachfolger nach Baden-Baden, um auf nicht ganz astreine Weise teuren Schmuck an neureiche Russen zu verkaufen, machen eine kleine Deutschlandreise mit zwei Studenten um ein bisschen Abwechslung zu erleben…
Ingrid Noll baut in „Ladylike“ zunächst nur wenig Spannung auf. Der Reiz des Romans liegt mehr in der humorvollen Zeichnung der Charaktere, auch wenn im Verlauf des Romans die Handlung an Fahrt aufnimmt. Mitunter mischen sich nachdenkliche Töne mit ein, ohne sich jedoch allzu stark in den Vordergrund zu drängen - etwa wenn von der Einsamkeit und Schwierigkeiten des Alters die Rede ist. Anneliese und Lore sind voll Lebensfreude und doch davon überzeugt, dass es Ihnen gelingt unbemerkt zu stehlen und zu morden, weil man sie und ihre Bedürfnisse nicht mehr Ernst nimmt. Aber damit sind sie die resoluten Damen überhaupt nicht einverstanden – und zur Not ist noch gegen fast jedes Problem ein Kraut gewachsen !

Ingrid Noll: Ladylike, Diogenes, 2006