Hörbuch: Robert Gernhardt parodiert Klassiker

12. Mai 2007, 17:59:33

Der Schriftsteller, Lyriker, Zeichner und Maler Robert Gernhardt ist für Humor und Sprachwitz bekannt. In dem 2001 aufgezeichneten Mitschnitt einer Lesung arbeitet er sich in verschiedenen `Dichterzungen´ einmal quer durch die Literaturgeschichte, macht aber auch vor der Bibel und unpersönlichen und überpersönlichen Redeweisen wie dem Journalistenjargon oder Legenden nicht Halt.

Gernhardts Ausflug durch die Weltliteratur beginnt mit der Verkündung von Gottes elftem Gebot (”Du sollst nicht lärmen”) an seinen Knecht Gernhardt, dem eine Fülle an Sonder- und Ausnahmeregelungen beigestellt wird. Weiter geht es mit Plato, Dante, Boccacios “Decamerone” um dann ein Weilchen in den Gefilden der deutschen Literatur zu verweilen. Er dichtet ein Potpourri des hohen lyrischen Tons, welcher Goethe, Schiller, Rilke und andere Klassiker vereint. An Joseph von Eichendorffs “Zwielicht” führt der Lyriker die Classic Sandwich” - Technik vor, mit der man (so Gernhardt) problemlos den Gedichtbestand verdoppeln könne: Man nehme die erste und die letzte Zeile eines Gedichts und füge eine neue `Füllung´ ein… Die Füllung, das ist klar, offenbart völlig neue Zusammenhänge. Herrlich auch seine Parodie von Wilhelm Buschs “Max und Moritz”. Das Attentat auf Lehrer Lämpel wird hier zum Busen-Attentat von Pat und Doris auf ihren Professor Theodor W. Adorno.

Lustige Gedichte, meinte Gernhardt, könne man nicht ins Lächerliche ziehen, dafür aber weiterdichten, so wie er es mit Ernst Jandls monovokalem Gedicht “Ottos Mops” tut. Ob “Annas Gans” oder “Gittis Hirsch” usw. dies sind für mich die schwächeren Teile einer ansonsten sehr vergnüglichen Lesung, welche in der Tat dazu verführt (so der Klappentext ) auch mal wieder nach einem der Originale zu greifen, um es zu lesen.

Die Dichterlesung bietet erwartungsgemäß eine Fülle an Sprachspielen, satirischen Zuspitzungen, Wort- und Sinnverdrehungen. Robert Gernhardt ist es hervorragend gelungen, den Stil von Dichtern und Textsorten herauszukristallisieren und nachzuahmen - egal ob es sich um Lyrik, Prosa oder satirische Texte im Ton einer Erstleser-Fibel handelt. Überdies sind die einzelnen Teile von Gernhardt gekonnt in Ein- und Überleitungen eingebettet und vorgetragen - dieses Hörbuch ist ein Ohrenschmaus, der Freunden Gernhardtschen Humors den Verlust des im letzten Jahr Verstorbenen wieder spüren lässt.

Robert Gernhardt: In Zungen reden, Stimmenimitationen von Gott bis Jandl, 2 CDs (ca. 85 Minuten), Der Hörverlag, München 2001

Goethe Faust Remix

28. März 2007, 14:00:15

Oder: Wie entstaubt man einen Klassiker?

Der `Faust´von Johann Wolfgang von Goethe, viel gelobtes Werk `das man gelesen haben muss´, über Generationen eher lustlose Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten - ein Bildungsschinken eben. Nichts weniger haben sich Andreas Walter und Viktor Winkler vorgenommen, als `das bedeutendste Werk der deutschen Literatur´ vom zentimeterdicken Bildungssstaub zu befreien, es atmen zu lassen und daraufhin zu befragen, was es uns heute zu sagen hat. So von Buch zu Leser. Oder eben dem Zuschauer im Theater.

“Wie machen wir´s, daß alles frisch und neu / Und mit Bedeutung auch gefällig sei?” (Goethe, Faust I Z. 47f.)

Was unterscheidet dieses Buch vom Original? Positiv hervorzuheben ist zuallererst, dass der Originaltext vollständig übernommen wurde - keine Raffung, keine zusammenfassende Inhaltsangabe oder dergleichen. Der Frühjahrsputz besteht in einer veränderten Perspektive auf das Werk, einer Einladung, den “Faust” unvoreingenommen zu lesen - als Theaterstück das auch (und vielleicht vor allem) unterhalten will. Dazu versehen die Autoren den Text mit einer “Bedienungsanleitung” und einer ganzen Reihe von Kommentaren. Mal witzig, mal ernst und oft auch provozierend sind ihre Anmerkungen, die Deutungsansätze sein wollen und Anstöße, zu einer eigenen Interpretation zu finden und sich unterhalten zu lassen. Sie zeigen auf Bezüge zu unserer Lebenswelt heute, die das Theaterstück nicht nur dadurch immer noch hat, dass es die wichtigen Fragen menschlichen Lebens berührt.

Man muss Andreas Walter und Viktor nicht in allem zustimmen, was sie zum “Faust” zu sagen haben, aber ihr Remix ist auf jeden Fall ein interessanter und erfrischender Ansatz. Man kann ihn sich auch gut als Aufführung vorstellen, ergänzt um eine Figur in Gegenwartskleidung, die sich bei angehaltener Szene an die Zuschauer wendet…

Auf der Begleit-CD findet man Musik verschiedener Künstler u.a. von Alphaville über Deichkind, Glashaus, Moses Pelham bis hin zu The Prodigy. Mal mehr mal weniger deutlich sind die Bezüge zum “Faust”, zu den Themen und (Lebens-)Gefühlen in Goethes Tragödie - und damit eine gute Möglichkeit zu zeigen, wie aktuell sie sind. An dieser Stelle hätte ich mir jedoch gewünscht, dass die Autoren diese Verbindung etwas deutlicher herstellen.

“Goethe Faust Remix” erscheint am 30.03.07 - nur wenige Tage nach dem 175. Todestag des Dichterfürsten…

GOETHE FAUST REMIX. Gemischt von Andreas Walter und Viktor Winkler, Paper Chase /3p, März 2007