Kirsten Boie erhält einen weiteren Preis für ihr Gesamtwerk

24. Juli 2008, 10:56:34

Sie ist eine der renommiertesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Ihre Bücher finden immer wieder den Weg in die Bestenlisten, zum Beispiel in die von DeutschlandRadio und Focus (”Die besten 7 Bücher für junge Leser”)  oder in die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis. Mehrfach war Kirsten Boie für den Internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert. 2007 wurde die Autorin für ihr Gesamtwerk mit einem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet, nun erhält sie den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V.  Damit soll ein weiteres Mal das Lebenswerk der Autorin ausgezeichnet werden, welches auf einer “stets kritischen und reflexiven Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftspolitischen und literarischen Problemen beruht” und “gleichbleibend von hohem literarästhetischen Anspruch” geprägt ist. Der von der Bayrischen Sparkassenstiftung gestiftete Große Preis in Höhe von EUR 3.000 wird Kirsten Boie am 14. November 2008 in Volkach verliehen.

Link: Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V. 

Neuer Literaturpreis: “Internationaler Preis der jungen Leser”

18. Juli 2008, 17:18:03

Ein neuer Literaturpreis wurde von der Stiftung Lesen mit Unterstützung der arvato AG sowie in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) und der Leipziger Buchmesse ins Leben gerufen. Er soll die Bücher auszeichnen, die die jungen Leser am meisten faszinieren.

Eine Shortlist von 15 herausragenden Buchtiteln aus aller Welt, zusammengestellt von Experten aus Schulen, Bibliotheken, dem Buchhandel und natürlich von Schülern, wird im Herbst 2008 vorgestellt. Alle Fünft- und Sechstklässler Deutschlands sind dann aufgerufen, aus dieser Auswahl ihre Buch-Favoriten zu küren. Die Preisträger sollen im Rahmen der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2009 vorgestellt werden.

Weitere Informationen unter www.stiftunglesen.de

Ein humorvolles Jugendbuch zum Thema Mobbing

9. Juli 2008, 13:00:39


Ismael ist vierzehn Jahre alt, geht auf´s College und leidet unter seinem Namen. Sein Vater gibt ständig die Geschichte zum besten, wie es dazu kam, dass sein Sohn nach einer der Hauptfiguren von Herman Melvilles Moby Dick heißt. Aber schlimmer ist eigentlich, dass sein Mitschüler Barry keine Gelegenheit auslässt, aus seinem Vornamen Schimpfwörter und Beleidigungen zu schaffen. Und was kann er, Ismael, schon dagegen tun? Er macht sich so unsichtbar wie es geht und versucht Barry so viel wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Eines Tages kommt ein neuer Schüler in die Klasse. Er heißt James. Wenn er spricht zieht er manchmal Grimassen und auch sonst ist sein Verhalten eher auffällig - es ist sofort klar, dass sich Barry auf diese neue Opfer stürzen wird. Ismael ist wenig begeistert, als ihm James als Sitznachbar zugewiesen wird, denn er kann sich denken, dass das Barry zu neuen Höchstleistungen anspornt. Die ungewöhnliche Mimik des Neuen ist eine Folge der Entfernung eines Gehirntumors - eine weitere ist, dass James seitdem keine Angst mehr empfindet. Schnell ist klar: James lässt sich von Barry nicht einschüchtern, im Gegenteil. Er nutzt seine Intelligenz und die Sprache um Barry die Stirn zu bieten.

Kurze Zeit später gründet James einen Debattierclub. Ausgerechnet Ismael, der panische Angst hat vor Publikum zu reden, soll Mitglied im Team werden und gegen die Clubs anderer Schulen antreten? Ismael lässt sich nur darauf ein, weil James ihm verspricht, dass er nur in der Reserve ist und er ihn niemals zwingen würde zu debattieren. Anfangs lässt der Teamgeist der Gruppe noch sehr zu wünschen übrig und auch der Erfolg im Wettstreit mit den anderen Debattierclubs ist im wesentlichen auf die Leistung von James zurückzuführen. Als er wegen unklarer Befunde nach den Ferien nicht wieder in die Schule kommt, ist die Zeit der Bewährung für Ismael und seine Mitstreiter gekommen…

Dieses Buch hat viele Qualitäten. Michael G. Bauer hat sich eine schöne Geschichte ausgedacht, die er souverän, lebendig, spannend und mit großem Sprachwitz erzählt. Ismael ist ein sympathischer Antiheld, in dessen Probleme und peinliche Erlebnisse sich der junge Leser sicher gut hineinversetzen kann. Die jugendlichen Hauptfiguren sind allesamt Jungen (Mädchen, vor allem die aus der Sicht Ismaels perfekte Kelly Faulkner, spielen natürlich schon eine Rolle), was vielleicht besonders männlichen Lesern entgegen kommt. Nicht nur Ismael, der bei allen Missgeschicken einen wichtigen Sieg über sich selbst erringt, auch einige der anderen Teammitglieder machen eine Entwicklung durch, die sie nachhaltig stärkt. Gut lesbar ist das Buch nicht nur wegen der kurzen Kapitel, sondern insbesondere auch durch den sprühenden Humor. Gerade der heitere Umgang mit so ernsten Themen wie, Mobbing, Krankheit und Tod macht das Besondere dieses sehr empfehlenswerten Jugendbuches aus!

Michael Gerard Bauer: Nennt mich nicht Ismael! Aus dem Englischen von Ute Mihr, Hanser 2008, ab etwa 12

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Musikgeschichte in Geschichten

26. Juni 2008, 10:16:31


Im Hanser Verlag ist im Frühjahr eine Musikgeschichte von Rudolf Herfurtner erschienen, gedacht für Leser ab 10 Jahren. “Geschichten von Bach bis Elvis Presley” heißt ihr Untertitel, der den Leser allerdings ein kleines bißchen in die Irre führt: Herfurtner beginnt in Wirklichkeit und konsequenterweise bei den Mythen über die Entstehung der Musik an. Der Autor beleuchtet wichtige Stationen der Musikgeschichte. Seine Leser erfahren wie man sich das Musizieren im Mittelalter vorstellen muss, hören von Gregorianischen Gesängen, vom Minnesang und Sängerfesten. Er erklärt die neuen Entwicklungen in der Renaissance, dem Barock erzählt von der Erfindung der Oper und geht selbstverständlich auf Musikgrößen wie Händel, Bach, Mozart und Beethoven. Natürlich darf auch die Musik der Romantik, Klassik etc. nicht fehlen. Seine Zeitreise endet mit einem Blick in das musikalische Kaleidoskop des 20. Jahrhunderts.

Man darf sich diese Musikgeschichte nicht als eine trockene Sammlung von Wissen vorstellen. Geschickt wechselt der Autor zwischen essayhaften, locker geschriebenen Passagen, in denen er Hintergründe beleuchtet und geschichtliche wie kulturelle Zusammenhänge herstellt und kleinen Geschichten, die mal von alten Mythen und Märchen, mal erfundene Geschichten von Komponisten, Musikern, ja sogar von einem aufregenden Museumsbesuch erzählen. Diese sind mal spannend, mal anrührend, vereinzelt ein bisschen gruselig und immer unterhaltsam. Damit bewegt sich das Buch an der Grenze zwischen Belletristik und Sachbuch. Gedacht ist es wohl für junge Leser, was sich auch an der Art der Ansprache des Lesers bemerkbar macht. Es ist ein vertraulicher Plauderton, bildreich und bemüht mit wenigen Fachausdrücken auszukommen. Diese werden im übrigen sowohl im Text selber als auch in einem Anhang erklärt.

Und weil man Musik nicht wirklich lesen, sondern nur hören kann, gehört eine CD mit 22 Hörbeispielen (Gesamtspielzeit über 78 Minuten) dazu. Buch und CD sind eng aufeinander bezogen. Die Beispiele beziehen sich auf die angesprochenen musikalischen Entwicklungen oder Werke, ein entsprechender Hinweis im Buch weist jeweils an der richtigen Stelle auf das Hörbeispiel hin. Absolut empfehlenswert!

Rudolf Herfurtner: Ohne Musik ist alles nichts. Geschichten von Bach bis Elvis Presley, Illustration und Gestaltung von Hildegard Müller, Hanser 2008

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Das rostrote Buch (Nina Bernstein)

6. Juni 2008, 11:26:37


Eines Sommerabends, als Anne und Emiliy ihre aus der Bücherei mitgebrachten Schätze durchstöbern, entdecken sie ein rostrotes Buch, das keines der beiden neun und elf Jahre alten Mädchen in der Bibliothek ausgesucht hat. Neugierig fangen die beiden an das Buch zu lesen und stellen fest, dass es sie beide beschreibt, wie sie das rostrote Buch entdecken und darin anfangen zu lesen, bis plötzlich Nebel aufkommt und sie sich im Sherwood Forest befinden…

Unschwer ist zu erkennen, dass sich “Das rostrote Buch” in der Tradition jener zauberhaften Bücher findet, zu denen man auch Michael Endes Unendliche Geschichte und die Tintenherz-Trilogie von Cornelia Funke zählt. Bücher, die die Fantasie und das Lesen feiern und schon aus diesem Grunde bei Leseratten oft beliebt sind. Diese Sommerferien werden Anne, Emiliy und ihr kleiner Bruder Will jedenfalls nicht so schnell vergessen. Nachdem die beiden Schwestern von ihrem Abenteuer mit Robin Hood zurückgekehrt sind, versuchen sie ihre Entdeckung vor ihrem kleinen Bruder zu verheimlichen und in eine neue Geschichte zu schlüpfen. Aber das Buch lässt sich nicht weiter umblättern und so warten sie sehnsüchtig darauf, dass es bald wieder passiert. Eine ganze Zeit vergeht, doch dann wird ihre Geduld belohnt.

Mal alleine, mal alle zusammen finden sie sich in ihren Lieblingsbüchern wieder und erleben dort Abenteuer, die ihren Mut und ihren wachen Kopf herausfordern. Die Welten die sie entdecken, sind entprechend dem Alter und der Neigungen der Kinder sehr unterschiedlich. Der Jüngste, fast sieben Jahre alt und ein großer Insektenliebhaber findet sich beispielsweise in einem Land namens Jardinia wieder, wo er den Gnobolden im Kampf gegen ein wahrhaftes Insektenungeheuer beistehen muss, während Anne, nicht mehr ganz Kind und doch noch lange nicht erwachsen, mal Balladen aus fernen Kindertagen und mal Bilder aus Tolstois Krieg und Frieden zu neuem Bücherleben erweckt.

Nina Bernsteins Kinderbuch ist gut verständlich und flüssig zu lesen. Der Wechsel zwischen Fantasiewelt und realer Lebenswirklichkeit der Geschwister ist gut nachvollziehbar. Die Rückbindung der Geschehnisse an die Realität gibt einerseits Anlass zu allerlei humorvollen Kommentaren, verleiht andererseits dem Buch zusätzliche Tiefe. Alle Kinder machen auf ihre Weise in diesem zauberhaften Sommer eine Weiterentwicklung durch, die sie befähigt dem kommenden Lebensabschnitt mit neuer Frische zu begegnen. Kritisch anzumerken bleibt, dass aus Sicht des Lesers das Buch gerne etwas länger hätten ausfallen können, um den jeweiligen Geschichten mehr Raum zu geben - was ja dann schon wieder fast ein Kompliment ist.

Nina Bernstein: Das rostrote Buch. Illustriert von Boris Kulikov. Deutsch von Beatrice Howeg, Berlin Verlag / Bloomsbury 2008, ab etwa 10 Jahren.

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Kleine Geschichten gegen Angst und Kummer

30. Mai 2008, 11:00:44


Im Loewe Verlag ist zu Beginn des Jahres die Neuausgabe einer kleinen Geschichtensammlung erschienen. Sie enthält mehr als 30 kurze Geschichten, die zum vorlesen für Kinder im Vorschulalter gedacht sind. Die meist zwei bis drei Seiten langen Geschichten verschiedener Autoren knüpfen am Alltag der Kinder an. Da geht es zum Beispiel um die ersten Schritte in die Welt hinaus, die für die Kleinen oft schon richtige Abenteuer sind. Das Rutschen von der großen Rutsche etwa oder der erste allein bewältigte Einkauf. Mit dabei sind auch die in Kinderzimmer weitverbreiteten Nachtgespenster und Bettmonster. Da geht es auch mal um den Tod eine Haustiers, den Streit in der Familie oder unter guten Freunden und wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Kleine Trostgeschichten sind auch dabei und zeigen den Kindern, dass es nicht schlimm ist, wenn mal etwas nicht klappt. Dann versucht man es eben einfach nochmal!

Mit diesem Buch haben Eltern eine Sammlung an ansprechend illustrierten und lebensnahen Geschichten zum Vorlesen zur Verfügung, die darüber hinaus sehr gut geeignet sind, gemeinsam mit ihren Kindern zum Beispiel darüber zu reden, was diese erlebt haben: So können die Eltern an der Lebenswelt ihrer Kleinen teilnehmen, lernen ihre Gefühle und Ängste kennen und können gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen.

Dich gibt´s nur einmal auf der Welt. Geschichten, die Kinder stark machen. Coverillustration von Dagmar Henze. Loewe, veränderte Neuausgabe 2008, ab 4

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Zeitreise-Abenteuer mit historischem Hintergrund

23. Mai 2008, 09:03:02


Kim ist Halbchinese und wohnt seit ein paar Wochen übergangsweise bei seiner Großtante Betty. Von seinem Großvater Kao hat er eine Reiseuhr mitbekommen, damit er ihn bei Heimweh besuchen kann. Als er die Uhr ausprobieren wollte, ist Kim mit seinen neuen Freunden Lisa, Dennis und Hund Willi im Jahre 1617 am Hof von König Ludwig XIII gelandet. Dieses Abenteuer erzählte Eva Maaser in ihrem ersten Kinderbuch mit dem Titel “Kim und die Verschwörung am Königshof“.

Nur wenig Zeit ist seitdem vergangen, als auf die drei Freunde schon eine neues Zeitreise-Abenteuer wartet. Dennis hat Ärger mit Lisas Klassenkamerad Latte, der ihn erpresst. Als Latte Dennis verprügelt und seine neue Taucheruhr zertritt versucht Dennis Kim zu einer Zeitreise zu überreden. Doch Kim will erst herausfinden, wie der Mechanismus funktioniert und lässt sich nicht darauf ein. Dennis macht sich heimlich an der Uhr zu schaffen. Lisa und Kim werden durch verdächtige Geräusche auf ihn aufmerksam und kommen gerade noch noch rechtzeitig hinzu. Als das Herumgewirbel und Getöse aufhört, glauben sie zunächst immer noch auch Tante Bettys Dachboden zu sein. Bald darauf finden sie heraus, dass sie sich auf einem Schiff befinden, dass gerade in eine schwere Sturmfront hineinfährt. Als das Trio den Laderaum verlässt, um Wasser und Hilfe für den schwerverletzten Hund Willie zu besorgen, werden sie von der Mannschaft erwischt und müssen als Schiffsjungen arbeiten.

Anfang des 18. Jahrhunderts war die Seefahrt noch ein riskantes Abenteuer. Obwohl es schon etliche Seekarten gab, irrten die Schiffe oft über die Weltmeere, da es noch keine sichere Methode gab, um den Längengrad der Schiffsposition zu bestimmen. Es entbrannte ein Wettstreit um die zuverlässigste Methode diesen zu ermitteln. Die Kinder befinden sich auf einem englischen Schiff, in der die Vertreter zweier Methoden um den Sieg wetteifern: Auf der einen Seite der Astronom Maskelyne, der versuchten den Längengrad mit Hilfe eines Sextanten und des Mondes zu berechnen, auf der anderen Seite der Uhrmacher Harrison junior, dessen Vater eine Uhr gebaut hat, von der er sagt, dass sie selbst auf hoher See so präzise und zuverlässig sei, dass man mit ihrer Hilfe den Längengrad sicher bestimmen könne. Durch einen Zufall bekommen Kim, Lisa und Dennis heraus, dass die Uhr sabotiert werden soll. Aber Lisa hat einen Plan, wie sie das vielleicht verhindern können…

Spannung erzielt das Buch auf verschiedene Weise. Da ist zum einen die Sorge um den verletzten Willie, der alleine im Laderaum liegt. Außerdem scheint es ratsam, dass niemand entdeckt, dass Lisa ein Mädchen ist - schließlich bringen Frauen an Bord angeblich Unglück. Ein weiterer Punkt ist natürlich, ob es dem Trio gelingt die drohende Sabotage zu verhindern und vor allem, ob sie es schaffen in die Gegenwart zurückzukehren.

Eva Maaser erzählt ihre Geschichte in einer gut verständlichen, altergemäßen Sprache. Sie schildert das schwere und entbehrungsreiche Leben der Seeleute und zeigt, welche große Bedeutung die Navigation bei diesen gefährlichen Seereisen hatte. Die drei Hauptfiguren wirken sympathisch und authentisch. Einen besonderen Effekt hat die fremde Herkunft Kims, da sie es auf eine spielerische, fast unmerklich Art möglicht, die eigene kulturelle Brille abzunehmen, um eine andere Perspektive einzunehmen.

Es wurde darauf geachtet, den Kindern die notwendigen Hintergrundinformationen zu geben. So zeigt eine der Illustrationen einen Sextanten, dessen Funktionsweise erklärt wird. In einem Anhang geht die Autorin auf die realen geschichtlichen Ereignisse ein, die diesem Kinderroman zugrunde liegen.

Eva Maaser: Kim und die Seefahrt ins Ungewisse. Mit Zeichnungen von Joachim Knappe, Coppenrath 2008, ab 9

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Actionreiche Science Fiction: “Cosmo Hill” von Eoin Colfer

8. Mai 2008, 08:36:50


Durch seine Fantasy-Serie um Artemis Fowl ist Eoin Colfer einem größeren Kreis an jungen Lesern bekannt geworden. Mit der Figur des vierzehnjährigen Cosmo Hill hat er einen neuen Serienhelden geschaffen. Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel “The Supernaturalist”.

Der Roman spielt im dritten Jahrtausend. Satellite City ist eine satellitengesteuerte Metropole aus grauem, seelenlosen Stahl. Polizeivögel und Schnüffelsatelliten beobachten die Bewohner. Soziale Einrichtungen gibt es nicht und Waisenjungen die, wie Cosmo Hill, keinen Sponsor haben, werden in Waisenhäusern als Versuchskaninchen mißbraucht. Die Tests sind gesundheitsgefährdend und so liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der `Sponsorlosen´ bei fünfzehn Jahren. Höchste Zeit also für Cosmo hier raus zu kommen! Tatsächlich gelingt ihm bei einem Unfall die Flucht, aber er wird schwer verletzt. Da sieht Cosmo kleine, blaue durchscheinende Wesen auf den Ort des Geschehen zukommen. Eines davon setzt sich auf seine Brust und scheint etwas aus ihm herauszusaugen. Cosmo sieht schon das Leben aus seinem Körper weichen, als drei Jugendliche auftauchen und die Wesen attackieren. Sie nennen sich die Supernaturalisten, da sie Übernatürliches wahrnehmen. Es sind Stefan, ein ehemaliger Polizeianwärter, Mona eine junge Automechanikerin und Dito. Dito ist eigentlich ein Erwachsener, der aufgrund von Genmanipulationen so aussieht, als sei er noch ein Kind. Da Cosmo ebenfalls die Wesen sehen kann, die sie die Parasiten nennen, nehmen sie ihn in ihre Gruppe auf. Nacht für Nacht begeben sich die Supernaturalisten an Unfallorte, wo Dito als Arzt mit außergewöhnlichen Fähigkeiten die Verletzten behandelt, während die anderen soviele Parasiten wie möglich zu vernichten versuchen. Doch sie haben das Gefühl, dass die Zahl der Parasiten schneller zunimmt denn je. Als sie bei einem Einsatz aufgegriffen werden, bietet ihnen Ellen Faustino, eine frühere Ausbilderin Stefans die jetzt für einen Konzern arbeitet, die Zusammenarbeit an. Doch Faustino verfolgt ganz andere Pläne als die Gruppe, was diese bald zu spüren bekommt…

Der Roman ist schnell, actionreich und zeitweise ganz unterhaltsam. Immer wieder wird Kritik an dieser Zukunftsgesellschaft geübt, die Ökonomie vor Menschlichkeit und Ökologie setzt und viel von einem Überwachungsstaat hat. Allerdings wirken die Charaktere oft etwas flach, nicht wie wirkliche Individuen, und die Handlung ist vielfach absehbar. Dabei sind gute Ansätze zu einer Charakterzeichnung im Umgang der Jugendlichen untereinander durchaus vorhanden. Der erste Band der Cosmo Hill-Serie überzeugt also nicht wirklich und reicht zum Beispiel an die frühen Artemis Fowl-Bücher nicht heran. Die Serie erscheint dennoch durchaus ausbaufähig und  im Hinblick auf die folgenden Bände kann man hoffen,  dass sie an Breite und Tiefe gewinnt.

Eoin Colfer: Cosmo Hill. Der Supernaturalist. Roman, Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet, List 2008

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Buchtipp: Die Bücherdiebin (Markus Zusak)

3. Mai 2008, 11:55:44


Für sein Jugendbuch “Der Joker” wurde Markus Zusak unter anderem mit dem Deutschen Literaturpreis 2007 in der Kategorie “Preis der Jugendjury” ausgezeichnet. Die Bücherdiebin ist sein erster Roman, der ausdrücklich auch für Erwachsene geschrieben ist. Es ist ein bemerkenswertes Buch, das zur Zeit des Nationalsozialismus spielt.

Deutschland im Januar 1939. Liesel Meminger ist neun Jahre alt, als sie von ihrer Mutter zusammen mit ihrem Bruder in eine Pflegefamilie in die Nähe von München gebracht wird. Auf der Zugfahrt dorthin stirbt ihr sechsjähriger Bruder. Bei der Beerdigung ihres Bruders, verliert einer der Totengräber ein Buch und Liesel nimmt es an sich. Es ist der Grundstein für Liesels enge Beziehung zu Büchern. Worte und Bücher gewinnen von nun an eine besondere Bedeutung für sie und werden sie in mehrfacher Hinsicht retten.

Ihre Pflegemutter Rosa Hubermann ist im Verhalten rau, aber dem Mädchen durchaus zugetan. Pflegevater Hans erobert schneller ihr Zutrauen. Wenn Liesel nachts aus Alpträumen erwacht, ist er bei ihr und tröstet sie. Auf ihren Wunsch beginnt er, ihr in der Nacht mit dem gestohlenen Buch das Lesen beizubringen. Und dann ist da noch ihr Freund Rudi. Rudi mit dem sie Fußball spielt, mit dem sie durch die Straßen Molchings streift, auf Diebestour geht oder ein Bonbon teilt. Rudi, der so gerne einen Kuss von Liesel möchte…

“Es bringt mich schier um, wie manche Menschen sterben.”

Aber es ist die Zeit des Nationalsozialismus, das bedeutet auch Judenverfolgung und Krieg. Eine ganze Zeit lang verstecken Hubermanns einen Juden in ihrem Keller. Neben der zusätzlichen Angst, die dies ins Haus der Familie bringt, wächst hier im Dunkeln eine tiefe Freundschaft heran. Eine, die das Denken und Handeln verändert. Eine, die das Unrecht nicht ignorieren kann, wenn Juden durch das Dorf nach Dachau getrieben werden. Der Krieg bringt Lebensmittelknappheit und Bomben, vielfaches Leid und Unrecht - und er bringt den Tod.

“Ich trug ihn sanft durch die zerschmetterte Straße, mit einem salzigen Auge und einem schweren, tödlichen Herzen.”

Die Bücherdiebin überzeugt auch durch ihren Erzähler. Es ist der Tod selber, der die Geschichte von Liesel und ihren Zeitgenossen erzählt, eine Figur die ihre ganz eigene Perspektive auf das Treiben der Menschen hat . Er erzählt von dem was er auf den Schlachtfeldern, in Gaskammern und in den Straßen sieht, er löst behutsam die Seelen aus den zerbrochenen und geschundenen Menschenleibern. Und weil er das Leid der Zurückbleibenden nicht erträgt, lenkt sich der Tod mit den Farben des Himmels ab. Markus Zusak findet für all dies eine besondere und bildhafte Sprache.

Der Roman erzählt nicht nur eine Geschichte über die Zeit des zweiten Weltkrieges. Er handelt auch von der Verantwortung zur Menschlichkeit und von der Kraft des Wortes, die den Menschen trotz der Zerstörung um in herum am Leben halten kann. Er tut dies auf eine Weise, die es leicht macht ihn gleichermaßen für Jugendliche ab etwa 13 Jahren wie für Erwachsene zu empfehlen.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin. Roman. Aus dem Englischen von Alexandrea Ernst. Blanvalet 2008.

Diese Rezension bezieht sich auf die Erwachsenen-Ausgabe. Bei cbj ist eine Jugendbuch-Ausgabe erschienen. Der Text beider Ausgaben ist identisch.

Ein beeindruckendes Jugendbuch von Joyce Carol Oates

21. April 2008, 13:10:40


Joyce Carol Oates gilt als eine der bekanntesten amerikanischen Gegenwartsautorinnen. Neben zahlreichen Romanen und Erzählungen, einigen Gedichten und Theaterstücken hat sie auch Jugendromane veröffentlicht. Ihr Jugendbuch Mit offenen Augen - Die Geschichte von Freaky Green Eyes war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006 nominiert. Im Februar ist ihr neues Jugendbuch Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon erschienen.

Bei einem schweren Unfall verliert die fünfzehnjährige Jenna ihre Mutter. Auch ein LKW-Fahrer stirbt bei dem Unglück. Sie selbst überlebt schwer verletzt und mit großen Schuldgefühlen. Jenna findet nur schwer ins Leben zurück: es ist viel angenehmer von Medikamenten betäubt “im Blauen” dahinzuschweben, als sich den Schmerzen und den unangenehmen Fragen derer auszusetzen, die sie nach dem Unfallhergang befragen.

Nach einigen Monaten kann Jenna die Klinik verlassen, aber nichts ist mehr wie vorher. Das Haus in dem sie mit ihrer Mutter lebte ist verkauft, sie die einstmals so sportlich war, kann nur noch unter Schmerzen laufen, ist körperlich wie seelisch gezeichnet. Sie zieht zu ihrer Tante. In ihrer neuen Umgebung findet sie sich nur schlecht ein: Jenna versteckt ihre Verletzbarkeit hinter einem Panzer aus schroffer Ablehnung. Gleichzeitig sucht sie nach diesem schmerzlosen Dämmerzustand und wird medikamentenabhängig. Auf diese Weise kommt sie in Kontakt mit einer Clique von Jugendlichen, die viel trinkt und Drogen nimmt. Es scheint, als sei Jennas Absturz vorprogrammiert, auch wenn ihre Familie alles versucht, um dies zu verhindern. Doch Jenna will nicht von ihnen geliebt werden, denn ihr Verhalten ist auch eine Art Selbstbestrafung. Der einzige von dem sie geliebt werden möchte ist Crow, ein umschwärmter Schüler, der scheinbar auch zu jener Clique gehört und sicher nur Mitleid für sie empfindet. Aber auch Crow hat in gewissem Sinne einen Unfall überlebt und er wird Jenna helfen, den entscheidenden ersten Schritt zur Überwindung des Unglücks zu machen.

Anhand des bis hierhin Beschriebenen könnte man meinen, das neue Jugendbuch von Joyce Carol Oates sei eines jener Jugendbücher die zwar pädagogisch wertvoll, literarisch jedoch nur Mittelmaß sind. Dies trifft jedoch nicht zu. Der Jugendroman bietet zwar allerlei Stoff mit dem man sich auseinandersetzen kann, aber es handelt sich ganz eindeutig zuallererst um ein einfühlsam geschriebenes literarisches Werk. Dieses Buch bietet eine lebendige Geschichte, in die man sich sehr leicht einfühlen kann. Es die Geschichte eines Mädchens, dass an dem Verlust der Mutter und ihren Schuldgefühlen zu zerbrechen droht, aber durch Freundschaft und Liebe die Kraft findet, die Krise zu überstehen. Joyce Carol Oates verzichtet dabei auf plakative Wertungen - sie scheint auf die Urteilskraft ihrer jungen Leser zu vertrauen und wird damit sicherlich Recht behalten. Die Autorin vermag es zudem auch sprachlich zu überzeugen. Mal schreibt sie klar und nüchtern, mal findet sie fast schon poetische Worte um Gefühle und Stimmungen nachzubilden und zu verdeutlichen. Eine kurze Anmerkung noch zum Buchtitel. Dieser wirkt zwar auf den ersten Blick etwas sperrig und unglücklich gewählt, erweist sich aber in mehrfacher Hinsicht als passend.

Joyce Carol Oates: Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Hanser 2008 , ab 13

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