Neuerscheinung: “Eisflamme” - der Nachfolgeband von “Feuerträne”

21. Januar 2008, 17:58:17

Eine gute Nachricht für Leser, die Freude am Fantasy-Roman Feuerträne von Chris d´Lacey (Rezension hier) hatten:  mit Eisflamme ist nun der zweite Band um David Rain und die Pennykettles erschienen.

Davids Manuskript “Snigger und das Nussmonster” wird von den angeschriebenen Kinder- und Jugendbuchverlagen abgelehnt. David ist darüber sehr enttäuscht und die ganzen Drachen im Haus der Pennkettles gehen ihm inzwischen auf die Nerven - Drachen sind doch nur frei erfundene Fabelwesen! Aber dann wird er von dem angesehenen Polarforscher Dr. Bergstrom ernsthaft beauftragt der Frage nachzugehen, ob es Drachen gibt und in welcher geografischen Region man nach ihnen suchen müsste…

Soweit der kurze Vorausblick auf den Inhalt von Eisflamme - Rezension folgt! –> Rezension lesen

“Feuerträne”: Drachenfantasy mal anders

15. Dezember 2007, 20:24:39

David, angehender Geografiestudent, sucht dringend nach einer neuen Bleibe. Mrs. Pennykettle sucht einen Mieter - er muss allerdings Kinder und Katzen mögen. Und Drachen, so steht es in der Anzeige. Denn Mrs.  Pennykettle ist Kunsthandwerkerin und stellt Drachen aus Ton her. Das ganze  Haus steht voll davon, aber warum nicht, sie sind  ja durchaus hübsch, das Zimmer ist okay und David zieht also sofort ein.  Dennoch fühlt er sich manchmal von ihnen beobachtet und auch seine Vermieterin und ihre Tochter Lucy verhalten sich in Bezug auf die Drachen mitunter etwas merkwürdig. Aber zunächst ist David abgelenkt, denn die 10-jährige Lucy hält ihn ganz schön auf Trab: immerzu erzählt sie ihm von Conker, dem Eichhörnchen das in ihrem Garten lebt und nur noch ein Auge hat. Conker ist nämlich verschwunden und Lucy will, dass David ihr hilft Conker zu finden und zu beschützen…

Liz Pennykettle töpfert David einen Drachen als Willkommensgeschenk - einzige Bedingung:  er darf den Drachen niemals zum weinen bringen, denn sonst erlischt der Lebensfunke in ihm.  Alles Quatsch, oder? David findet die Drachen wundervoll, aber dass sie lebendig sein sollen kann er sich nun wirklich nicht vorstellen. Und schon gar nicht, dass sein Drache ihm dabei helfen soll eine Eichhörnchen-Geschichte für Lucy zu schreiben…

Chris d´Lacey hat eine Fantasy-Geschichte geschrieben, die vom üblichen Schema abweicht. Trotzdem wird sie sicher vielen Fantasy-Lesern gefallen: überzeugende Charaktere, Spannung und ein geheimnisvolles Rätsel zeichnen “Feuerträne” aus.  Die Eichhörnchengeschichte verankert das Geschehen einerseits in der Realität, ermöglicht aber gleichzeitig einen anderen Blick auf die Geschehnisse der Wirklichkeit. Der Roman gewinnt dadurch an poetisch-mythischer Qualität wie sie für Fantasy nicht selbstverständlich ist.

Erwähnenswert ist auch der sensible wie glaubwürdige Umgang mit dem Thema “Tod”. Chris d´Lacey gelingt es, nichts zu beschönigen und dennoch ein versöhnliches Ende zu gestalten.

Chris d´Lacey: Feuerträne. Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis. Illustrationen von Nora Nowatzyk. Umschlagillustration von Helmut Dohle. Coppenrath 2007, ab 10 Jahre

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Cornelia Funke: Tintentod (Band 3 zu Tintenherz)

4. Oktober 2007, 08:11:39

Vorhang auf! Blättern wir also das dunkle Vorsatzpapier um und treten ein in die Fortsetzung der Geschichte um Bücher, Leser und Dichter:

Elinor sitzt mit Darius in ihrem Haus. Meggie, Resa, Mo - sie alle sind in der Tintenwelt. Ja selbst Orpheus ist nun dort und hat seinen Hund Cerberus und den Schrankmann in ihrem Haus zurückgelassen. Die Büchernärrin verzehrt sich nach ihrer Familie und nach der Tintenwelt.

Mo dagegen füllt mehr und mehr die Rolle des Eichelhähers aus. Tagsüber versteckt er sich mit Meggie und der schwangeren Resa auf einem einsamen Hof. Nachts versucht er zusammen mit dem Schwarzen Prinzen und seinen Männern die Bevölkerung vor den Soldaten zu schützen. Das heißt also, die Ernte oder die Kinder zu verstecken und immer wieder zu kämpfen. Allmählich empfindet er Furcht vor dieser Verwandlung. Und nicht nur er - denn auch Resa und Meggie spüren die Veränderung.

Orpheus versucht sich die Tintenwelt nach seinem Geschmack umzuschreiben. Er liest sich Reichtümer und “verbesserte” Tintenwelt-Wesen, während Farid darauf wartet, dass er endlich die Worte schreibt und liest, die Staubfinger wieder lebendig werden lassen. Dafür hatte Meggie ihn doch in die Tintenwelt gelesen…

Auch im Abschlußband der Tintenwelt ist für Spannung gesorgt: Entführungen und Rettungen in letzter Minute, gewitzte Fieslinge und üble Verräter. Viele vertraute Gestalten findet man in “Tintentod” wieder, aber es kommen auch ein paar neue hinzu. Natürlich haben die Geschehnisse der Tintenwelt die Hauptfiguren verändert und manch einer zeigt eine dunkle Seite, die vorher noch nicht sichtbar war. Viele `Autoren´ schreiben an dieser Geschichte mit: Dichter Fenoglio, `Mondgesicht´ Orpheus und natürlich auch die Tintenweltbewohner selbst. Und so weiß man nie genau, wie es weitergehen wird, wessen Worte Wirklichkeit werden und wie sich das auf den weiteren Verlauf auswirken wird. Ohne allzu viel zu verraten kann man sagen, dass der Schluß letztlich doch anders aussieht, als man zu Beginn des Buches vermuten kann. Ein kluger Schachzug der Autorin ist es, die letzten handlungsverändernden Worte nicht zu offenbaren. So ist die Geschichte beendet und doch offen: das Bedürfnis nach einem sinnvollen Abschluß ist gestillt und lässt doch zu, dass der Leser die Geschichte für sich weiterspinnt. Im Schlußbild, nett gemacht, kann er seine eigene Sehnsucht gespiegelt sehen.

Wie zu erwarten wird “Tintentod” im Feuilleton recht unterschiedlich bewertet. Von starker Kritik bis zur positiven Rezension ist alles vorhanden. Nicht zu Unrecht weist z.B. Cornelia Geissler in der Berliner Zeitung  auf Italo Calvinos “Wenn ein Reisender in einer Winternacht” und Michael Endes “Unendliche Geschichte” hin. Auch Calvino spielt damit, wie Literatur die Leser hineinzieht, wie Wirklichkeit und literarische Fiktion verschwimmen. Aber er reißt den Leser immer wieder aus den jeweiligen Geschichten raus und lässt dadurch viele nicht entsprechend `literarisch sozialisierte´ Leser entnervt und frustriert zurück - ein Buch mehr zum intellektuellen Vergnügen erwachsener Leser, denen das Spiel mit dem Leser gefällt. Größere Nähe scheint zur “Unendlichen Geschichte” zu bestehen, doch Cornelia Funke geht weiter als Miachel Ende. Ihre Tintenwelt-Trilogie ist durch die Verwebung mit realen existierenden oder fiktiven Büchern erheblich komplexer und lässt sich dadurch vielschichtiger lesen. Man kann sie als fesselnde, farbige, verzaubernde Geschichte ebenso lesen, wie als intertextuelles Werk mit unzähligen mehr ode rminder deutlichen Bezügen. Wenn man will , kann man auch den von ihr angelegten Pfad weitergehen und gelangt zu der mittelalterlichen Vorstellung von der `Welt als Buch´ die Balbulus dem Illuminator vielleicht überhaupt nicht fremd ist. Mo und Meggie scheinen jedenfalls durchaus in Betracht zu ziehen, dass die Welt aus der sie stammen vielleicht auch nur ein Buch ist. Man kann sich aber auch einfach nur in die Geschichte hinein fallen lassen. Und auch dann bleibt Cornelia Funkes Tintenwelt ein lebendiges, verzauberndes, ein beachtliches Werk!

Cornelia Funke: Tintentod. Mit Illustrationen der Autorin, Cecilie Dressler Verlag 2007

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“Sternwanderer” - die Romanvorlage zum Kinofilm

3. August 2007, 11:01:14

Der “Sternwanderer” (Stardust) von Bestsellerautor Neil Gaiman ist 1997  mit Illustrationen von Charles Vess bei DC Comics erschienen. 1999 folgte eine reine Textausgabe, die es auf einige Bestsellerlisten schaffte. Nun ist der erfolgreiche Fantasyroman mit internationaler Starbesetzung (Robert de Niro, Peter O´Toole, Michelle Pfeiffer u.a.) verfilmt worden und kommt am 18. Oktober in die deutschen Kinos. Zu diesem Anlass ist bei Heyne eine Neuausgabe des Romans erschienen.

Das Fantasymärchen spielt im 19. Jahrhundert in einem kleinen Ort in England, der Wall heißt. Den Namen hat das Dorf von einer großen Steinmauer, die eine Grenze zum Feenreich darstellt. Die einzige Verbingung zwischen den beiden Welten, eine Öffnung in der Mauer, wird auf der Dorfseite von Wachtposten bewacht, um zu verhindern, dass unbemerkt Bewohner der einen Seite auf die andere wechseln. Einmal alle neun Jahre ist der Durchgang erlaubt, denn dann findet ein großer Markttag statt. Dunstan Thorn, ein 18-jähriger Bursche aus Wall, kauft auf dem Feenmarkt von einer schönen Feenfrau eine magische Glasblume für die er mit einem Kuss und einem Rendezvous bezahlt… Einige Monate später wird von der Seite der magischen Welt ein Baby durch die Mauer gereicht - Tristran Thorn.

Als Tristran seinerseits schon fast erwachsen ist, ist er in die schöne Victoria Forester verliebt. Victoria aber will einen anderen heiraten und um ihren Verehrer abzuwimmeln, sagt sie, sie würde ihn küssen (und vielleicht sogar mehr), wenn er ihr den Stern brächte, den sie beide gerade als Sternschnuppe auf die Erde haben niederfallen sehen. Tristran aber packt ein paar Sachen zusammen und zieht los, den Stern zu suchen und ihn seiner Angebeteten zu bringen. Da der Stern auf der Seite der Feenwelt  niedergegangen ist, kommen auf Tristran allerlei Abenteuer zu. Im übrigen ist nicht nur er auf der Suche nach diesem Stern, der sich als Sternenfrau entpuppt. Eine Reihe Feenweltbewohner mit magischen Kräften ist ebenfalls unterwegs, darunter eine Hexenkönigin, die der Sternenfrau das Herz herausschneiden will, um damit für sich und ihre Schwestern die Jugend wiederzugewinnen…

In zehn Kapiteln und einem Epilog erzählt Neil Gaiman die Abenteuer Tristrans. Jedem Kapitel ist eine altertümlich anmutende Überschrift vorangestellt, die den Inhalt kurz zusammenfassend, an alte Bücher und Handschriften erinnert. Das gibt dem `Märchen für Erwachsene´ zusätzlich eine besondere Färbung. Die Geschichte selber basiert durchaus auf gängigen   Märchen- und Fantasymotiven die teils neu kombiniert, leicht, heiter und oft mit einem Augenzwinkern erzählt werden. Die Charaktere der Feenwelt sind geheimnisvoll und natürlich gelten dort andere Regeln und Gesetze - ein Umstand der dazu führt, dass der Verlauf der Geschichte und insbesondere sein Ende so nicht wirklich vorhersehbar sind, zumal der Autor einige überraschende Wendungen parat hält.

Das Zusatzmaterial besteht im wesentlichen aus einem kurzen Abriss, der den großen Erfolg der Bücher des Kultautors nachzeichnet, sowie dem Vorwort und Prolog zu einem geplanten Romanprojekt  mit dem Titel “Wall”.

Neil Gaimann: Sternwanderer. Aus dem Englischen von Christine Strüh, Wilhelm Heyne Verlag Ausgabe 04 / 2007.

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Ein `ausgezeichnetes´ Jugendbuch zum Thema Klonen

27. Juli 2007, 19:00:21

Nancy Farmer entwirft in ihrem Science Fiction-Buch “Das Skorpionenhaus” ein beklemmendes Szenario - eine Zukunft in der Klone als lebende Ersatzteillager in Kühen bis zur `Erntereife´ herangezüchtet werden. Kurz nach ihrer Geburt wird ihnen durch eine Substanz sozusagen der Verstand weggespritzt. Einzige Ausnahme sind Klone von Matteo Alcarán, einem mächtigen und reichen Mann, der es sich leisten kann, sich über die geltenden Gesetze hinwegzusetzen. Doch die Sache mit den Klonen ist nur eine der Scheußlichkeiten, die in diesem menschenverachtenden System als “normal” gilt.

Der Ort: das Grenzgebiet zwischen den Vereinigten Staaten und dem heutigen Mexiko. Die Zeit:  irgendwann in einer vielleicht nicht allzufernen Zukunft. Matt wächst in der Hütte der Köchin Celia auf, die inmitten von Mohnfeldern steht und ist tagsüber allein. Er kann nicht mal das Fenster öffnen, denn die Fenster sind vernagelt. Da Celia ihn liebevoll bemuttert erscheint dies merkwürdig, genauso wie ihre übergroße Sorge davor, er könne erkranken, sich verletzen oder von jemandem gesehen werden. Als Matt etwa 6 Jahre alt ist, finden drei Kinder die Hütte und entdecken ihn. In seinem heißen Wunsch mit den Kindern in Kontakt zu treten und zu spielen, schlägt Matt ein Fenster ein und verletzt sich dabei. Die Kinder bringen ihn zum nahe gelegenen Herrenhaus, wo man ihn zunächst halbwegs freundlich aufnimmt. Allerdings nur solange bis klar ist, dass Matt ein Klon ist - ein Klon ist etwas abscheuliches und weniger wert als ein Tier oder einer dieser willenlosen Sklaven die man Migits nennt. Er ist der Klon von El Patrón, dem gefürchteten Oberhaupt des Hauses Alacrán.

Was ist ein Klon? Matt weiß es nicht, aber es erschüttert ihn in seinem Selbstverständnis. Ist er kein Mensch sondern eine Maschine, ein Tier? Man lässt ihn spüren, dass man ihn für eine Bestie hält. Eine Dienerin sperrt ihn ein halbes Jahr unter unwürdigen Bedingungen ein. Als seine Ziehmutter Celia dies erfährt und El Patrón von Matts erbarmungswürdigen Zustand in Kenntnis setzt, wird er ins Haupthaus geholt und besser behandelt. Er erhält sogar etwas Unterricht und eine musikalische Ausbildung. Damit scheint nun alles besser zu werden, glaubt Matt und will die Bedrohung nicht wahrhaben, zumal er in der gleichaltrigen María eine Freundin und dem Leibwächter Tam-Lin einen väterlichen Freund gefunden hat. Als Matt 14 Jahre alt ist, erkrankt El Patrón so schwer, dass er ein neues Herz braucht. Nun kann Matt die Augen vor der grausamen Wahrheit nicht mehr verschließen. Aber hat er überhaupt noch eine Chance die `Ernte´ seines Herzens zu verhindern?

Das Jugendbuch von Nancy Farmer vermag es, Spannung und Abenteuer mit der Thematisierung ernster Themen gekonnt zu vereinen. Neben den Identitätsproblemen, die Matt immer wieder heimsuchen, werden auch die Umweltzerstörung und ethische Probleme wie die verschiedene Formen von Ausbeutung, Machtmissbrauch und der Manipulation von Menschen thematisiert, die er in verschiedenen Herrschaftssystemen erlebt. Dem gegenüber werden Liebe, Freundschaft und der Wille zum Durchhalten gesetzt. Als Leser bleibt man nahe an der Hauptperson dran, deren Gefühltswelt eindringlich und glaubwürdig, aber nicht rührselig dargestellt wird. Ab 14 Jahre.

“Das Skorpionenhaus” wurde 2002 mit dem National Book Award und 2003 mit dem Jugendpreis “Buxtehuder Bulle” ausgezeichnet.

Nancy Farmer: Das Skorpionenhaus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Baresch. Ersterscheinung Loewe 2003 (Hardcover), seit 2005 auch als Fischer Taschenbuch.

Der Zauberer - Mythgarthr 2

24. Juni 2007, 12:34:06

Im Kampf gegen den Drachen Grengarm war Sir Able of the High Heart tödlich verletzt und in die Welt Skai erhoben worden. Seine Liebe zu Königin Disiri treibt Able jedoch nach Mythgarthr zurück. Unter der Auflage, die in Skai erworbenen magischen Kräfte in der Menschenwelt nicht anzuwenden, erhält er die Erlaubnis zurückzukehren. Während er 20 Jahre in Skai verlebt  hat, sind in derselben Zeit in Mythgarthr nur ein paar Tage vergangen.

Dorthin zurückgekehrt kommt ihm auch eine vage Erinnerung daran, dass er einst ausgeschickt worden war, eine wichtige Botschaft zu überbringen. Doch bis es dahin kommen kann, hat Sir Able noch etliche Hindernisse zu überwinden und Kämpfe zu bestehen. Der Herrscher von Skai  hat ihm Cloud mitgegeben, ein Streitroß welches über den Himmel fliegen kann und das ihm eine große Hilfe sein wird. Viele gute Bekannte aus dem ersten Band sind mit dabei, wie zum Beispiel der treue Hund Gylf, der sprechende Kater Mani, einige der Diener, Knappen und Ritter. Auch die Feueralfar Baki und Uri sind mit von der Partie und sorgen mit ihrem mitunter schwer einzuordnenden Verhalten für Mißtrauen.

Der zweite Band der Mythgarthr-Saga ist von der Art her ähnlich geschrieben wie der “Ritter”, auch wenn das Buch zu Beginn in zwei Erzählsträngen erzählt wird. Sir Able erzählt die Geschehnisse, die er selber erlebt hat, ein weiterer Erzähler die Erlebnisse eines Teils seiner Freunde und Gefährten in Jotunland, der Heimat der Frostriesen. Able ist in der Zwischenzeit gereift. Dies wirkt sich in einer anderen Sicht auf Mythgarthr und einer veränderten Sprache aus - er ist nicht mehr der kleine Junge, versteht mehr und staunt weniger. Was aber ähnlich ist wie im ersten Buch, ist der Hang dazu mehrdeutige Unklarheiten zu streuen und Zusammenhänge auszusparen. “Der Zauberer” hat bisweilen Längen - die ausführlich berichtete Schlacht gegen die Osterlinge gehört für mich dazu - aber ebenso mitreißende und berührende Partien. Erfreulicherweise werden einige offene Fragen aus dem ersten Band geklärt und der Kreis schließt sich an der einen oder anderen Stelle. Dies hätte gerne noch öfter der Fall sein dürfen.

Die Mythgarthr-Saga ist zweifelsohne etwas besonderes - Fantasy auf hohem Niveau. Die Welt, die Gene Wolfe geschaffen hat ist eine sehr komplexe, die viel interessantes zu bieten hat. Allerdings trübt es den Lesegenuß, dass man als Leser das Gefühl hat nicht genug Informationen an die Hand zu bekommen, um sie wirklich zu verstehen. Möglicherweise gehören die beiden Bände aber zu jenen Büchern, die sich einem im erneuten lesen mehr und mehr erschließen.

Gene Wolfe: Der Zauberer - Mythgarthr 2. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski. Schutzumschlag und Illustrationen von Dietrich Ebert. Klett-Cotta 2006.

Ein Ritter in einer Fantasy-Welt

17. Juni 2007, 10:55:15

Der mehrfach mit dem World Fantasy Award ausgezeichnete Autor Gene Wolfe ist für seine ungewöhnliche Erzählweise bekannt. In der Tat ist auch der erste Band der 2006 auf deutsch erschienenen Mythgarthr-Saga außergewöhnlich, auch wenn der Autor auf bekannte und bewährte Fantasymotive zurück greift.

Ein Teenager gerät auf einem Waldspaziergang unversehens in eine fantastische Welt mit verschiedenen, miteinander verbundenen Ebenen. Er wird von einem Einsiedler aufgenommen, von der Königin der Moosalfar (in die er sich verliebt) mit einem starken Männerkörper ausgestattet und zum Ritter geschlagen. Er zieht aus, ein heldenhafter Ritter zu werden und das sagenhafte Schwert Eterne sowie die Königin für sich zu gewinnen.

Was sich in der Inhaltsangabe nach einem Fantasyroman gewöhnlicher Machart anhört, entpuppt sich beim lesen als ungewöhnlich und anspruchsvoll. Zwar begegnen dem Leser zahlreiche genretypische Figuren (Drachen, Riesen, Monster, die elfenähnlichen Alfar, sprechende Tiere und dergleichen mehr) und bekannte Konstellationen, wie etwa die Suche nach einer magischen Waffe und die durch Tore miteinander verbundenen Welten. Wolfe überrascht aber immer wieder, z.B. mit eher untypischen Einfällen. Zudem berichtet der Erzähler von seinen Erlebnissen in einem Brief seinem in Amerika zurück gebliebenen Bruder Ben. Der junge Held, der sich in diesen Parallelwelten Able of the High Heart nennt, lässt seinen großen Bruder dabei tief in seine Gedanken und Gefühle blicken und offenbart dabei, dass er bei der Verwandlung durch die Königin nur körperlich und nicht in gleichem Maße seelisch-emotional gereift ist. Dies wird nicht nur in seinem Reden und Handeln deutlich, es wird von Able selber als Schwäche empfunden und thematisiert. Im Vergleich zur Darstellung von Gedanken und Motivation des ehrlichen Helden nehmen Kämpfe einen relativ geringen Raum ein. Sie sind in Mythgarthr und den anderen Welten zwar ein probates Mittel zur Durchsetzung eigener Ansprüche und Ziele, werden aber nicht sehr ausführlich geschildert, manchmal sogar ausdrücklich ausgespart. Im Vordergrund bleibt die Entwicklung von Sir Able of the High Heart zu einem tapferen und heldenmütigen Ritter. Die Ich-Perspektive hat weiterhin Auswirkungen auf die Sprache. Dem Charakter entsprechend ist “Der Ritter” vielfach in einer einfachen Sprache geschrieben, die gut zu einem Jungen passt. Folgerichtig scheint zunächst auch, dass dem jungen Able die Übersicht über die Geschehnisse fehlt und die Fähigkeit das Geschehen in den Zusammenhängen darzustellen. Doch die zahlreichen chronologischen und inhaltlichen Lücken und Sprünge führen dazu, dass der Leser im ersten Teil des Buches schwer in die Geschichte findet. Wer die Mühe nicht scheut findet im zweiten Teil eine deutlich flüssiger zu lesende Rittergeschichte, in welcher Sir Able of the High Heart sich in seinen verschiedenen Abenteuern weiterentwickelt. Der Fantasyroman spielt hier in  großen Teilen in Mythgarthr, der Welt in der die Menschen leben und die viele Parallelen zum irdischen Mittelalter aufweist.

Am Ende des Romans bleiben viele Fragen offen, viele Anspielungen ungenutzt. Das kann einen sicher dazu animieren auch den zweiten Band zu lesen - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man sich mit der Lektüre nicht allzu schwer getan hat. Denn eines bleibt anzumerken: “Mythgarthr” ist deutlich anspruchsvoller als der Fantasy-Durchschnitt und erfordert mehr Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen. Der Roman ist daher für Leser die eine eingängige Lektüre bevorzugen weniger geeignet.

Gene Wolfe: Der Ritter - Mythgarthr 1, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Langowski, Klett-Cotta 2006.

Kai Meyer: Das Wolkenvolk 3 - Drache und Diamant

6. Juni 2007, 23:23:08

Im dritten Band der Fantasy-Trilogie um das Wolkenvolk geht es nun also um´s Ganze. Der Aether hat an Kraft gewonnen und holt zum entscheidenden Schlag aus. Sein Ziel ist es, die Welt zu zerstören und nach seinem Willen neu entstehen zu lassen. Und er hat viele Wesen auf seine Seite ziehen können, viel zu viele. Diesen übermächtig wirkenden Feind aufzuhalten ist die Aufgabe, der sich die überlebenden Figuren der ersten beiden Bände stellen.

Da sind zuallererst die Drachen, die mit ihrer Magie das Herz des Ur-Riesen und Weltenschöpfers Pangu vor dem Aether abschirmen wollen und ihn doch gleichzeitig stärken, da sie Aether ausatmen. Der Kampf gegen die Unsterblichen, das ist nun klar, war nur ein Ablenkungsmanöver, der Aether will in den Stein gewordenen Körper Pangus fahren und mit seiner mächtigen Gewalt alles zerstören. Von den Unsterblichen ist nur noch Guo Lao übrig, dessen Verhalten nicht sehr verlässlich wirkt. Es ist also fraglich, ob er bei diesem Kampf hilfreich sein wird. Hoffnung erwächst aus dem Bündnis zwischen Riesen und Geheimen Händlern, die gemeinsam die Drachen unterstützen wollen. Aber werden sie rechtzeitig eintreffen und werden die Drachen den Händlern trotz der alten Feindschaft vertrauen? Und dann sind da noch Wisperwind, der tolpatschige Feiqing und die Drachentochter Nugua. Niccolo dagegen verbringt die meiste Zeit damit, die von den Drachen in einen Heilschlaf versetzte Mondkind zu bewachen… Inmitten der entscheidenden Schlacht entbrennt er noch ein letztes Mal - der Kampf zwischen Seide und Schwert.

Wie schon in den ersten beiden Büchern kommt auch im letzten Band des Fantasy-Abenteuers keine Langeweile auf - es bleibt spannend bis zum Schluß. Dafür sorgen nicht nur temporeiche Action und die gewohnt fantasievolle Fabulierkunst Kai Meyers. Deutlicher noch werden in ruhigeren Passagen von “Drache und Diamant” nachdenkliche Töne angeschlagen: Verantwortung und Opferbereitschaft, treue Freundschaft, Liebe in verschiedenen Facetten sind Themen, mit denen sich viele der Helden auseinander setzen müssen und die sie zu schwierigen Entscheidungen zwingen. Ein gelungener Abschluss!

Kai Meyer: Das Wolkenvolk 3. Drache und Diamant, Loewe 2007 

Spannendes Jugendbuch von Anthony Horowitz

25. April 2007, 19:50:02

Nach den ersten beiden Bänden “Todeskreis” und “Teufelsstern” ist seit März nun auch der dritte Band aus der Reihe “Die fünf Tore” von Anthony Horowitz erschienen. Der Jugendjury hat “Todeskreis” so gut gefallen, dass sie ihn auf die Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 gesetzt hat. Hier nun die Rezension zu Band 3 mit dem Titel “Schattenmacht”.

Scott und Jamie Tyler haben in ihrem 14 Jahre jungen Leben schon einiges durchgemacht. Die Zwillinge, einst in einem Karton ausgesetzt, waren schon in einigen Pflegefamilien, denn da sind anders sind als andere, gab es immer wieder Schwierigkeiten. Scott und Jamie können sich in die Gedanken anderer Menschen einklinken und stehen deshalb auch in telepathischem Kontakt zueinander. Zu Beginn des Buches arbeiten die beiden Jungen zwangsweise für einen selbst ernannten Pflegeonkel als `telepathische Zwiliinge´ in einem heruntergekommenen `Theater´. Als Lohn erhalten sie ein Minimum an Lebensmitteln und reichlich Schläge. Der Pflegeonkel verkauft die Brüder an die zwielichtige Nightrise Corporation, die Interesse an Kindern und Jugendlichen mit paranormalen Kräften hat. Die Jungen versuchen zu fliehen, doch nur Jamie kann mit der Hilfe einer Unbekannten entkommen. Als er aus einer Betäubung erwacht, versucht er Kontakt zu seinem Bruder herzustellen, doch er bekommt keine Antwort. Das Schlimmste was er sich je vorstellen konnte ist geschehen - er ist allein. Es ist nun also ausgerechnet an Jamie, dem introvertierten und unsicheren Zwilling, der seinem Bruder immer die Führung überlassen hatte, zu handeln. Wo ist Scott? Was haben sie mit ihm vor? Wem kann er vertrauen, wird er doch selber von der Nightrise Corporation gejagt? Auf seiner Suche nach Scott macht Jamie eine Entwicklung durch, die ihn dazu befähigt mehr und mehr die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Allmählich kristallisieren sich auch die Hintergründe für die mysteriösen Geschehnisse heraus und er begreift, dass Scott und er zwei der fünf Torwächter sind, die die Aufgabe haben die Rückkehr zerstörerischer dunkler Kräfte auf die Welt zu verhindern.

Drei Welten werden in “Schattenmacht” erzählt - die Welt der Gegenwart, eine Welt von vor etwa zehntausend Jahren und eine Traumwelt, die diese Welten verbindet. Den größten Raum nimmt die Gegenwart mit einer actionreichen Handlung ein: Verfolgungsjagden und ein Überfall auf ein Jugendgefängnis gehören ebenso dazu, wie ein Mordanschlag auf einen Präsidentschaftskandidaten. Die `alte´ Welt beleuchtet einige Hintergründe, bringt Jamie in Kontakt mit den anderen Torwächtern und zeigt ihm in dem entscheidenden Kampf in der alten Zeit, mit welchen Kräften er es zu tun hat. Diese, unter anderem mit Fantasyungeheuern bevölkerte Teilwelt, hat mir persönlich am wenigsten zugesagt, macht aber nur einen kleinen Teil des Buches aus. Die verbindende Traumwelt mit ihren mehrdeutigen, zu entschlüsselnden Botschaften ist dagegen meiner Ansicht nach ein sehr gelungener Einfall. Eine kurze Rückblende zu Beginn des Romans erleichtert den Einstieg in die Geschichte, die für Jugendliche ab etwa 14 Jahren geeignet ist.

“Schattenmacht”, das sind fast vierhundert Seiten spannende Unterhaltung für junge Leser, die nach der Lektüre sicher das Erscheinen des nächsten Bandes kaum noch erwarten können! Der vierte und vorletzte Band der Reihe erscheint voraussichtlich im kommenden Jahr.

Anthony Horowitz: Die fünf Tore, Band 3. Schattenmacht. Aus dem Englischen übersetzt von Simone Wiemken. Loewe Verlag 2007.

Neuerscheinung: Die Kinder Húrins von J. R. R. Tolkien

17. April 2007, 23:30:13

Die Geschichte der Kinder Húrins ist im ersten Zeitalter von Mittelerde angesiedelt, also lange vor den Geschehnissen, von denen der “Herr der Ringe” erzählt. Bislang lagen unterschiedliche Fassungen vor, so unter anderem im “Silmarillion” und in den “Nachrichten aus Mittelerde”. Christopher Tolkien hat sich die Mühe gemacht, die verschiedenen Varianten zu einer lesefreundlichen Gesamtfassung zu verarbeiten.

Ursprung der Handlung ist ein Fluch Morgoths den er über Húrins Familie verhängt, als dieser sich standhaft weigert, sich seinem Willen zu beugen. Alles was seine Angehörigen von nun an tun oder sagen, soll sich gegen sie wenden und Unheil für die nach sich ziehen, mit denen sie leben. Die Geschichte zeichnet dabei schwerpunktmäßig Leben und Leid von Húrins Sohn Túrin nach, der versucht sich dem Schicksal zu entziehen.

Als Húrin nicht aus dem Krieg gegen Morgoth zurückkehrt, schickt seine Frau Morwen Túrin als Jungen in die Obhut des Elbenkönigs Thingol um zu verhindern, dass er von den Dienern Morgoths versklavt wird. Dort wächst er behütet auf, lernt aber seine Schwester Nienor nicht kennen, da diese erst nach der Trennung von seiner Mutter geboren wird. Nach dem von Túrin nicht verschuldeten Tod eines Elben flüchtet er dennoch aus dem Reich Thingols, da er dessen Urteil fürchtet. Und so zieht Túrin, der Erbe des Drachenhelms seinem tragischen Schicksal entgegen, Ödipus darin ähnlich, dass er im Versuch dem Verhängnis zu entgehen, der Erfüllung des Fluches zuarbeitet. Was auch immer er tut, Unglück und Verderben sind die Folge. Selbst als das Schicksal freundlich zu sein scheint und ihm ein Mädchen zuführt, welches er liebt trügt der Schein. Da sie unter Gedächtnisverlust leidet und so traurig ist, gibt er ihr den Namen Níniel (Tränenmädchen). Sie, die er heiratet und mit der er ein Kind zeugt, ist in Wirklichkeit seine unter dem Bann des Drachen Glaurung stehende Schwester Nienor. Túrin besiegt den Drachen durch eine List und im sterben wird die durch ihn verhängte Verblendung unwirksam. Glaurung enthüllt Nienor die schreckliche Wahrheit und diese stürzt sich in den Tod. Ihr Bruder begeht ebenfalls Selbstmord. Am Grabstein der beiden treffen ihre Eltern für einen kurzen Augenblick zusammen bevor auch Morwen stirbt.

Eine Einführung und ein Anhang ergänzen die Geschichte. 24 schwarzweiße und acht ganzseitige farbige Illustrationen von Alan Lee bereichern dieses schöne Buch, das sich Mittelerde-Freunde nicht entgehen lassen sollten. “Die Kinder Húrins” ist seit heute erhältlich.

J. R. R. Tolkien: Die Kinder Húrins, Herausgegeben von Christopher Tolkien, Illustrationen von Alan Lee, Aus dem Englischen übersetzt von Hans J. Schütz und Helmut W. Pesch, Klett-Cotta 2007