Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter. Stories
22. März 2008, 10:04:32
“Die Nacht, die Lichter ist vergangene Woche mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet worden. Es ist das zweite Buch des 1977 in Halle/Saale geborenen Gegenwartsautoren.
In fünfzehn Geschichten erzählt Clemens Meyer von Menschen, die im sozialen Abseits stehen oder zumindest schon bessere Zeiten erlebt haben. Sie sind meist männlich, oft ohne wirkliche Perspektive für die Zukunft, vielleicht Harz IV - Empfänger, Kleinkriminelle oder einfach nur lebensmüde, wie der Witwer in der letzten Kurzgeschichte. Er tötet seine Hühner und seinen Hund, bevor er wohl seinem eigenen Leben ein Ende macht. Denn wer sollte die Tiere wohl versorgen?
>>Wenn Du gewinnen musst, verlierst du.<<
Es verwundert nicht, dass nicht alle Stories gleichermaßen gefallen. Eine der schönsten ist die von Rolf, dessen Hund Piet operiert werden müsste. Dreitausend Euro würde dies Kosten, aber Rolf bekommt nur Dreihundertdreißig im Monat. Er erinnert sich an einen alten Kumpel, der früher mit Pferdewetten viel Geld gemacht hat. Die beiden versuchen ihr Glück und gewinnen, aber letztlich und auf eine unerwartete Weise wird Rolf das Geld verlieren, denn ein Happy End ist in der Welt dieser Figuren nicht vorgesehen. Sie bemühen sich, doch letztlich haben sie nicht wirklich eine Chance.
Clemens Meyer schreibt schnörkellos und psychologisiert nicht. Karg und nüchtern stellt er fest was ist - und manchmal nicht mal das. In der Technik der Andeutung und Ausparung kann man bis zu einem gewissen Punkt Ähnlichkeiten zur Erzählweise von Ralf Rothmann sehen. Mitunter sind die Lebensbedingungen und Handlungsverläufe der Geschichten in diesem Band aber sehr ähnlich und manchmal wirken die Figuren ein wenig versatzstückhaft. Alles in allem verdienen sie dennoch die Aufmerksamkeit, die sie durch die Preisverleihung erhalten und geben Anlass, sich für die Zukunft noch mehr interessante Literatur von Clemens Meyer zu erhoffen.
Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter. Stories, S. Fischer Verlag 2008
Viele der fünfzehn Erzählungen in dem kürzlich auf deutsch erschienen Band kreisen um Kinder und ihre Sicht auf die Welt. In der ersten Geschichte verstecken sich alle Kinder weltweit in einer für Erwachsene unzugänglichen Oase, da diese ständig mit ihnen schimpfen, sie früh ins Bett schicken und dergleichen mehr. Der von seinen Eltern ungeliebte Lucas stellt in der Titelgeschichte eines Tages fest, dass er in Bücher verschwinden kann und bleibt irgendwann gleich ganz dort. Ein kleines Mädchen forscht und gibt nicht auf, bis es nach zehn Jahren einen Impfstoff gefunden hat, der die Menschen freundlich macht…
25 kurze Novellen der in Ungarn geborenen Autorin sind in diesem Novellenband versammelt. Die Geschichten sind manchmal nah an der Realität, etwa wenn es um den Tod eines Arbeiters geht oder eine Geburtstagseinladung eines vermutlich schon länger verheirateten Ehepaares. Manche dagegen haben etwas surreales an sich. Auffällig ist die karge, lakonische Sprache, die manchmal schroff und abweisend wirkt und die mitunter sehr ungewöhnliche Perspektive. Die Novellen sind vielfach melancholisch, abgründig und hintersinnig. Leider erschließt sich nicht bei allen Novellen die Motivation des Textes und nicht jeder wird es mögen, dass die Texte bisweilen offen sind und den Leser ins Leere laufen lassen.
“Denken wir uns” ist nicht nur der Titel des letzten Erzählbandes von Robert Gernhardt, es ist auch schlichtweg der Grundsatz fiktionaler Literatur, eine Aufforderung Fantasie und Vorstellungskraft walten zu lassen.


