Humorvolle `Ostergeschichte´von Robert Gernhardt

29. März 2007, 12:02:46

Ostern 1986. Journalist Maski sitzt am Ostersonntag, nach Ostermesse und langer Stadtbesichtigung abends auf einen Absacker in der Kneipe. Ein älterer Herr kommt herein, lädt Maski auf einen Prosecco ein. Nach und nach dämmert es dem Journalisten: Der Herr, der mit ihm einen Prosecco nach dem anderen trinkt, ist niemand anderes als Papst Johannes Paul II, inkognito natürlich. Auch ein Papst muss mal abschalten, sich den Kummer von der Seele reden und darum schleicht er sich von Zeit zu Zeit abends für ein Stündchen aus dem Vatikan. Und Gernhardts Papst muss einiges loswerden – über den Vatikan-Klüngel, Kardinal Ratzinger, Kommerz und Kirche…

Die “Ostergeschichte” ist eine humorvolle, unterhaltsame Erzählung in der Gernhardt uns einen sympathischen und mitunter spitzbübischen fiktiven Johannes Paul II erzählt, der nicht immer so handeln und reden kann, wie er gerne möchte.

Die Erzählung wurde seinerzeit zuerst im Literaturmagazin `Der Rabe´veröffentlicht und 1995 für die Buchausgabe vom Verfasser mit Illustrationen bebildert.

Robert Gernhardt: Ostergeschichte, S. Fischer Verlag, Neuausgabe 2004

Goethe Faust Remix

28. März 2007, 14:00:15

Oder: Wie entstaubt man einen Klassiker?

Der `Faust´von Johann Wolfgang von Goethe, viel gelobtes Werk `das man gelesen haben muss´, über Generationen eher lustlose Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten – ein Bildungsschinken eben. Nichts weniger haben sich Andreas Walter und Viktor Winkler vorgenommen, als `das bedeutendste Werk der deutschen Literatur´ vom zentimeterdicken Bildungssstaub zu befreien, es atmen zu lassen und daraufhin zu befragen, was es uns heute zu sagen hat. So von Buch zu Leser. Oder eben dem Zuschauer im Theater.

“Wie machen wir´s, daß alles frisch und neu / Und mit Bedeutung auch gefällig sei?” (Goethe, Faust I Z. 47f.)

Was unterscheidet dieses Buch vom Original? Positiv hervorzuheben ist zuallererst, dass der Originaltext vollständig übernommen wurde – keine Raffung, keine zusammenfassende Inhaltsangabe oder dergleichen. Der Frühjahrsputz besteht in einer veränderten Perspektive auf das Werk, einer Einladung, den “Faust” unvoreingenommen zu lesen – als Theaterstück das auch (und vielleicht vor allem) unterhalten will. Dazu versehen die Autoren den Text mit einer “Bedienungsanleitung” und einer ganzen Reihe von Kommentaren. Mal witzig, mal ernst und oft auch provozierend sind ihre Anmerkungen, die Deutungsansätze sein wollen und Anstöße, zu einer eigenen Interpretation zu finden und sich unterhalten zu lassen. Sie zeigen auf Bezüge zu unserer Lebenswelt heute, die das Theaterstück nicht nur dadurch immer noch hat, dass es die wichtigen Fragen menschlichen Lebens berührt.

Man muss Andreas Walter und Viktor nicht in allem zustimmen, was sie zum “Faust” zu sagen haben, aber ihr Remix ist auf jeden Fall ein interessanter und erfrischender Ansatz. Man kann ihn sich auch gut als Aufführung vorstellen, ergänzt um eine Figur in Gegenwartskleidung, die sich bei angehaltener Szene an die Zuschauer wendet…

Auf der Begleit-CD findet man Musik verschiedener Künstler u.a. von Alphaville über Deichkind, Glashaus, Moses Pelham bis hin zu The Prodigy. Mal mehr mal weniger deutlich sind die Bezüge zum “Faust”, zu den Themen und (Lebens-)Gefühlen in Goethes Tragödie – und damit eine gute Möglichkeit zu zeigen, wie aktuell sie sind. An dieser Stelle hätte ich mir jedoch gewünscht, dass die Autoren diese Verbindung etwas deutlicher herstellen.

“Goethe Faust Remix” erscheint am 30.03.07 – nur wenige Tage nach dem 175. Todestag des Dichterfürsten…

GOETHE FAUST REMIX. Gemischt von Andreas Walter und Viktor Winkler, Paper Chase /3p, März 2007

“Preis der Leipziger Buchmesse” (Belletristik) und Nominierungen “Deutscher Jugendliteraturpreis” 2007

23. März 2007, 19:36:33

Der “Preis der Leipziger Buchmesse” in der Kategorie Belletristik ist gestern an Ingo Schulze für “Handy, Dreizehn Geschichten in alter Manier” gegangen. Die Jury würdigt damit die brilliante Art mit der es Ingo Schulze gelinge, in Alltagssituationen die existentielle Tragik menschlichen Lebens aufzuzeigen.

Heute wurde die Nominiertenliste für den “Deutschen Jugendliteraturpreis” 2007 bekannt gegeben. Die Kritikerjury nominierte je sechs Titel in den Sparten, Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch. In der Kategorie Kinderbuch ist unter anderem auch das erste Kinderbuch des schwedischen Krimiautors Ake Edwardson mit dem Titel “Samuraisommer” vertreten.

Die Nominierungsliste der Jugendjury umfasst ebenfalls sechs Titel, die allesamt für die Altersstufe ab 13/14 Jahren empfohlen werden.

Die Nominierungen aller Kategorien sind auf der Website vom “Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.” einzusehen, welcher für die Organisation rund um den Deutschen Jugendliteraturpreis verantwortlich ist.

Die Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises wird die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, am 12. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse bekannt geben. 

 Quellen:

www.preis-der-leipziger-buchmesse.de

www.jugendliteratur.org/start01.htm

Leipziger Buchmesse 2007

21. März 2007, 20:47:37

Morgen ist es soweit, die Leipziger Buchmesse beginnt: Vom 22. bis 25 März treffen sich Autoren, Verleger und Leser um zu lesen, sich vorlesen zu lassen und über Bücher zu diskutieren. Dieses Jahr beteiligen sich mehr als 2.200 Aussteller aus 36 Ländern an der Buchmesse, um ihre Neuerscheinungen und ihr Verlagsprogramm vorzustellen. Neu vertreten sind in diesem Jahr die Länder Saudi-Arabien, Serbien und die Türkei.

Das größte europäische Lesefestival “Leipzig liest” bietet dem Publikum 1.900 Veranstaltungen mit etwa 1.500 Mitwirkenden. Zahlreiche Autoren der deutschen Literaturszene werden erwartet, darunter Günter Grass, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger sowie Thomas Brussig, Ingo Schulze, Tanja Dückers, Feridun Zaimoglu, Wilhelm Genazino und etliche andere mehr.

Auf der Buchmesse in Leipzig finden auch eine ganze Reihe Preisverleihungen in verschiedenen Kategorien statt. Zu den wichtigsten gehören der “Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung” und der “Preis der Leipziger Buchmesse”, der dieses Jahr zum dritten Mal vergeben wird.

Die Vergabe der diesjährigen Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung findet im Rahmen der Eröffnung der Messe im Gewandhaus zu Leipzig statt. Preisträger sind der deutsche Historiker Gerd Koenen und der russische Philosoph Michail Ryklin.

Der “Preis der Leipziger Buchmesse” wird in den Kategorien Belletristik, Übersetzungen und Sachbuch/Essayistik vergeben. Die Nominierten der Kategorie Belletristik sind:

  • Werner Bräuning: Rummelplatz (Aufbau Verlag)
  • Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh (Carl Hanser Verlag) –> Rezension
  • Wolfgang Schlüter: Anmut und Gnade (Eichborn/Die Andere Bibliothek)
  • Ingo Schulze: Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (Berlin Verlag)
  • Antje Ràvic Strubel: Kältere Schichten der Luft (S. Fischer Verlag)

Die Nominierten der beiden anderen Sparten sind hier nachzulesen. 

Einer der Schwerpunkte der Buchmesse, die sich auch als wichtiges Forum der Kinder- und Jugendliteratur sieht, ist die Leseförderung und Bildung. 416 Aussteller präsentieren auf der Messe ihre Neuerscheinungen in dieser Sparte, mehr als 320 Lesungen, Workshops und andere Aktionen für Kinder und Jugendliche sind geplant. Das junge Publikum darf sich unter anderem auf Stars wie Christine Nöstlinger und Rufus Beck freuen. Interessant für alle, die auf der Suche nach guter Kinder- und Jugendliteratur sind, dürfte auch die Bekanntgabe der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis am 23. März sein.

Link:  www.leipziger-buchmesse.de

Paulo Coelho: “Der Zahir”

16. März 2007, 23:56:26

Die Bücher des brasilianischen Autors Paulo Coelho sind umstritten. Zwar überwiegen in der Literaturkritik die negativen Stimmen, seine Leser machen sie jedoch regelmäßig zum Bestseller. Liegt das vielleicht daran, dass viele Literaturkritiker männlich sind, aber der größte Teil der Leser und damit Buchkäufer weiblich? Oder an den Themen, etwa dem immer wiederkehrenden Motiv der Sinnsuche und der Selbstfindung? Kritiker scheinen sich jedenfalls oftmals an der `esoterischen Weltsicht´ und am sprachlichen Stil Coelhos zu stören. Es gäbe viele Rezensionen und Lesermeinungen zu berücksichtigen und auszuwerten, bevor man zu einem Ergebnis käme, eine derartige Untersuchung würde jedoch sicherlich einige interessante Hinweise zum `Phänomen Coelho´ und vielleicht auch zu den unterschiedlichen Leseerwartungen von weiblichen und männlichen Lesern aufzeigen.

Hier soll es jetzt jedoch um “Der Zahir” gehen, dem letzten bislang ins Deutsche übersetzten Roman von Paulo Coelho. Zum Inhalt: Die Frau eines erfolgreichen Schriftstellers ist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Da sie Kriegskorrespondentin von Beruf ist, ist vieles möglich: Entführung, Ermordung etc. nur eines mag ihr Ehemann nicht glauben – dass sie ihn ohne ein Wort verlassen hat. In ihrer Abwesenheit wird seine Frau Esther für ihn zur Obsession, zum Zahir. Bei einer Lesung teilt ihm ein junger Mann mit, dass es seiner Frau gut geht. Genau das, was er sich am wenigsten vorstellen konnte, scheint also der Wahrheit zu entsprechen und so macht er sich daran, zu verstehen was geschehen ist. Er versucht herauszubekommen, was seine Frau bewegt (hat) und wo sie jetzt ist. Dafür muss er sich auf neue Perspektiven und einen geduldigen Prozess der Wandlung einlassen, der ihn zuletzt zu einer weiten Reise bewegen wird.

Bevor die Romanhandlung einsetzt, werden aber zunächst eine ganze Reihe unterschiedlicher Bezüge hergestellt. Ein Bibelzitat etwa, das von dem verlorenen Schaf handelt, für das der Schäfer alles stehen und liegen lässt um es zu suchen. Es folgt ein Gedicht des neugriechischen Lyrikers Konstantinos P. Kavafis, welches die Leser auf eine lange Reise einstimmt, auf die Reise als Sinnsuche, bei der der Weg das Ziel ist. In einem `Prolog´ überschriebenen Abschnitt widmet der Autor dann den “Zahir” seiner Ehefrau Christina. Als letzter Schritt vor dem Romanbeginn folgt noch eine Textstelle, die auf eine Erklärung des Begriffes Zahir bei dem großen argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges zurückgreift. Der Erzähler wird im übrigen noch mehrfach auf die gleichnamige Erzählung von Borges zurückkommen, sie sogar zu Beginn des zweiten Kapitels zitieren. Bevor der Roman also auch nur angefangen hat, ist schon eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut worden.

Den Ich-Erzähler stattet Coelho mit zum Teil stark autobiographischen Zügen aus. Grundsätzlich ist das nicht wirklich ungewöhnlich, viele Schriftsteller greifen auf Erlebtes zurück. Warum also nicht als Ich-Erzähler einen erfolgreichen Autor erschaffen. Wenn Paulo Coelho diesem dann aber andichtet, ein Buch über seinen Jakobsweg geschrieben zu haben, eine Geschichte, in der ein Schafhirte sich auf die Suche nach seinem Traum begibt, das Stichwort “Krieger des Lichts” fällt, so kostet es Mühe den fiktiven Autor nicht mit dem realen Autor gleichzusetzen. Falls das witzig wirken sollte, so ist dieser Witz an mir vorüber gegangen. Dafür taucht dieses Vorgehen etliche Textstellen in ein merkwürdiges Licht. Etwa, wenn der Erzähler Literaturkritiker kritisiert, wenn er die Funktionsweise seiner Bücher oder seiner Weltsicht erklärt…

Über weite Strecken werde ich das Gefühl nicht los, man höre die Stimme des Autors Coelho anstatt die des Erzählers, und der Autor erkläre einem seine Bücher, lege einem dar wie der Literatur- und Kulturbetrieb funktioniert, erläutere dem Leser in welche Gefahren langjährige Beziehungen geraten können etc. Es wird in langen Gedankengängen und Dialogen zuviel erklärt und zu wenig erzählt. Die Geschichte bleibt eigentümlich blass, wirkt als sei sie nur dazu da, das Erklärte aufzulockern und könne nicht genauso gut für sich allein stehen. Hinzu kommt, dass man recht früh schon ahnt, wohin die Entwicklung gehen wird – nicht bis ins Detail natürlich, aber das macht den Roman nicht unbedingt spannend. Ich bin sicher keine passionierte Coelho-Leserin, habe aber einige seiner Bücher gerne gelesen. Der “Zahir” ist nicht ohne schöne Passagen, aber letztlich hat mich der Roman nicht überzeugt, was wohl weniger am Thema, als an der Erzählweise gelegen hat.

Paulo Coelho: Der Zahir, Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes, Erstausgabe 2005

Buchtipp für Ostern

9. März 2007, 20:23:37

Allen, die sich beispielsweise mit ihren Kindern oder Enkelkindern auf Ostern einstimmen wollen, möchte ich in dieser Buchvorstellung ein schönes Bilderbuch ans Herz legen. Geschrieben und illustriert hat es Marcus Pfister, der besonders durch seinen “Regenbogenfisch” bekannt geworden ist. Hauptperson in “Henri der Künstler” ist der berühmte Ostereiermaler Henri Hase. Obwohl schon bald Ostern ist, hat Henri noch kein einziges Osterei bemalt. Zwar sind ihm seine Ostereier in all den Jahren immer sehr gut gelungen, aber er hat einfach keine Lust mehr immer dieselben Muster auf die Eier zu pinseln. Nein, Henri Hase möchte wie ein Maler richtige Kunstwerke schaffen. Aber er kann natürlich auch nicht all die Kinder enttäuschen, die auf seine Ostereier warten, oder? Und so beginnt der Hase damit, die Ostereier auf sehr unterschiedliche und kunstvolle Weise zu bemalen. Dabei lässt er sich von berühmten Künstlern inspirieren (oder war es vielleicht sogar umgekehrt?): Von Leonardo da Vinci, Rembrandt, Claude Monet, Vincent van Gogh über Paul Klee, Kandinsky, Matisse und vielen anderen bis hin zu Andy Warhol und Keith Haring geht sein Streifzug durch die Geschichte der Malerei.

Die nette kleine Geschichte um den Ostereiermaler in der Schaffenskrise hat der Autor mit bunten, stimmungsvollen Bildern illustriert. Die hintere, aufklappbare Umschlagseite zeigt die 16 Kunstwerke, die für die Ostereier Pate gestanden haben, ergänzt durch eine Kurzbiographie der Künstler. Wer also mag, kann so vergleichen, welches Osterei durch welches Gemälde inspiriert wurde und welche Unterschiede Henri Hase dabei gemacht hat – ein kleines Suchspiel also. Und wer ihn nicht schon längst entdeckt hat, kann sich auch noch auf die Suche nach dem Regenbogenfisch machen – der ist nämlich auch mit von der Partie. Ein schönes und lehrreiches Bilderbuch also, dass für Kinder ab 4 Jahre geeignet ist. Eine nette Idee auch für das Osternest, falls es denn nicht ausschließlich mit Ostereiern und Schokoladenhasen gefüllt sein soll…

Marcus Pfister: Henri der Künstler, Eine Reise durch das Land der Bilder, cbj-Verlag 2005

Mehr Roman als Krimi

3. März 2007, 20:12:29

Eines Tages liegt der Schäfer George Glenn tot auf einer irischen Weide – vom eigenen Spaten durchbohrt. Seine Herde will “Gerechtigkeit!”, legt die vorhandenen Talente der Schafe zusammen und versucht den Fall gemeinsam aufzuklären. Ihr Schäfer hatte ihnen jeden Tag aus Romanen vorgelesen und mit diesem “Vorwissen” über Menschen und Kriminalermittlungen, wollen sie dem Täter auf die Schliche kommen. Das ist, ganz grob skizziert, die Handlung in “Glennkill” von Leonie Swann.
Tiere als Ermittler in einem Kriminalroman, das ist ja nun nichts Neues, aber ausgerechnet Schafe?! Entsprechend neugierig war ich auf die Umsetzung dieser originellen Idee, hatte aber dennoch eine gewisse Erwartungshaltung.
Ja, der Schafskrimi von Leonie Swann weist Züge eines Detektivromans auf. Das Detektivteam und ihre Bemühungen den Todesfall aufzuklären stehen im Mittelpunkt der Handlung, der Leser verfolgt wie die Schafe nach Indizien suchen und wie sie daraus ihre Schlüsse ziehen. Aber letztlich ist es dennoch eher eine Nebensache, wer für den Tod des Schäfers verantwortlich ist, ein Aufhänger um daran eine Geschichte anzuknüpfen. Gewichtiger als die Auflösung des Falles sind jedoch die Schafe und ihre Sicht auf die Dinge. Es ist also die Darstellung der Eigenheiten der dieser so unterschiedlichen Schafe, ihr Welt- und ihr Menschenbild die das Wesentliche dieses Buches ausmachen. Da gibt es naive, mutige, geheimnisumwitterte Schafe. Welche die einen ausgeprägten Geruchssinn oder ein gutes Gedächtnis haben und auch einen Widder der etwas mehr Erfahrungen mit Menschen hat. Es ist amüsant die Sicht dieser wolligen Vierbeiner zu entdecken, ihre Vorstellung von der Seele, dem Leben nach dem Tod und dem Bild von Europa als einer Wiese voller Apfelbäume. Der etwas andere Blick auf die Menschen ermöglicht es, auf witzige Weise menschliches (Herden-) Verhalten zu hinterfragen. Verständnisfehler der Schafe bleiben nicht aus und so ist mach eine Interpretation der Vorgänge “haarsträubend” komisch.
“Glennkill” spielt auch mit literarischen Vorlagen, schon die Wahl der Namen zeigt das deutlich. Eine der Hauptermittlerinnen ist das Schaf Miss Maple, mit von der Partie ist auch der schwarze Widder Othello (nebenbei – auch in “Glennkill” spielt ein besticktes Tuch eine wichtige Rolle) und Inspektor Holmes ist offensichtlich kein besonders begabter Detektiv.
Auch wenn am Ende ein Mord und ein Todesfall aufgeklärt sind, ist der Schafskrimi aus meiner Sicht mehr Roman als Krimi. Leser, die auf eine durchweg spannende, nach vorne treibende Handlung Wert legen, in der es im wesentlichen um die Klärung eines Mordfalls geht, dürften wohl enttäuscht sein. Atemlose Spannung gibt es hier stellenweise, die Kriminalhandlung hat aber zwischendurch auch ein paar Längen. Im letzten Teil des Romans hat die Schafherde eine neue Schäferin, die den Schafen vorliest. Wenn diese den Schafen nun ankündigt, ihnen in Kürze “Das Schweigen der Lämmer” vorlesen zu wollen, so hat das was, könnte der Kontrast zwischen dem Thriller von Thomas Harris und dem Schafskrimi kaum größer sein.
Leser, für die ein spannender Plot nicht das Wichtigste ist, die aber Wert darauf legen mit Charme und Ironie unterhalten zu werden, können durchaus vergnügliche Lesestunden mit Leonis Swanns Schafen verbringen.

Leonie Swann: Glennkill, Ein Schafskrimi, Goldmann 2005.